Fahren wie Gott in Frankreich

Fahren wie Gott in Frankreich

Der Markenname DS wurde der Göttin von Citroën, dem Modell DS entliehen. An dieses Auto zu erinnern und es zu fahren bleibt ein Erlebnis.

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von Jürg Wick am 2.7.2021, 06:27 Uhr
23 Jahre praktisch unverändertes Erscheinungsbild; Citroen DS, im Bild die letzte Ausführung als DS 23 mit Benzineinspritzung und drehenden Scheinwerfern.
23 Jahre praktisch unverändertes Erscheinungsbild; Citroen DS, im Bild die letzte Ausführung als DS 23 mit Benzineinspritzung und drehenden Scheinwerfern.
DS spricht sich französisch (la) «Déesse» aus, was auch Göttin bedeutet und sich ab 1955 herumgesprochen hat. Damals wurde der Warschauer Pakt gegründet. Albert Einstein starb, Bill Gates wurde geboren und der Citroën DS19 stand am Pariser Autosalon mit seiner hydropneumatischen Federung Lichtjahre über der Konkurrenz.
1969, als der erste Mensch den Mond betrat, gab es den DS21 bereits mit elektronischer Einspritzung. Unsere DS23, die 1973 aufgelegte finale Topversion mit 2,3 Liter-Motor, wurde im April 1974, also mitten in die Ölkrise hinein zugelassen, 18 Jahre nachdem die DS19 die Autowelt auf den Kopf gestellt hatte. Und kurz bevor es seinen Platz zugunsten des Citroën CX räumen und von der Bühne abtreten musste, während der VW Golf diese gerade betrat.
Starten über den Hebel der hydraulischen Schaltung. Den Schlüssel linksseitig wie im Porsche im Schloss gedreht, den filigranen Wählhebel mit den Fingerspitzen nach links gedrückt, und der Vierzylinder nimmt seine Arbeit auf. Einspeichenlenkrad statt Airbag. Dafür ein Blinkerhebel der selbstständig nicht zurück geht und ein hypersensibler Bremsknopf anstelle eines Pedals. Ungewohnt damals auch die aerodynamische Karosserie mit Spaltmassen wie das Gebiss von Pipi Langstrumpf.
Alles eine Frage der Gewöhnung. Am Schalthebel gezupft, und der Gang rastet ein. Dritter und vierter Gang übernehmen nach einem leichten Verschieben des Wählhebels nach rechts. Die automatische Kupplung könnte dazu verleiten, die Anschlüsse ohne Zugkraftunterbrechung abrufen zu wollen, wie es mit den roboterisierten Getriebe heutzutage möglich ist. So weit war man noch nicht. Aber wenn das Gaspedal während dem Schaltvorgang gedrückt gehalten wird, stösst eine mechanische Einrichtung das Pedal automatisch vor dem Einkuppeln zurück. Elegant.
Und so kommt das Fahrfeeling rüber. Es gibt bis heute keine kommodere Fortbewegung als in dieser Konstruktion. Da dringen keine Bodenunebenheiten ins Sitzfleisch durch. Wie der Wagen Baustellensünden kaschiert bleibt einzigartig.
Entspannt fahren
Dieses Auto animiert zum entspannten Fahrstil, unterstützt von frivol weichen Sitzen und ideal platzierten Armlehnen. Ein Mobil, mit dem man am liebsten barfuss fährt.
Auf offener Strecke gleicht der Franzose das ihm gelegentlich vorgeworfene Leistungsdefizit mit einem flüssigen Fahrstil aus. Die Göttin zieht ihre Bahn, mag langgezogene Kurven. Mit Fahrdynamik hatte sie wenig im Sinn; seinerzeitige Gangster in Paris sind deshalb etwas länger beim Vorgänger - der Traction Avant -, treu geblieben oder auf die Frégate von Renault umgestiegen. Dann mussten sie aber näher zusammenrücken und sich mit einer geringeren Spitzengeschwindigkeit begnügen, denn die Aerodynamik war sensationell. Schon die erste DS ging 145, die Frégate nur 135 km/h.
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Viel Platz und verführerisch weiche Sitze, Einspeichenlenkrad statt Airbag ab 1955.
Exzellenter Geradeauslauf dank langem Radstand. Während vor allem Fahrer grösserer Autos seinerzeit Schnee scheuten wie der Teufel das Weihwasser, pflügte sich der DS mit Frontantrieb und grossen, schmalen Rädern souverän durch die weisse Pracht, kapitulierte nicht einmal vor zugeschneiten Parkplätzen. Die Höhenverstellung erlaubt Bodenfreiheiten bis zu 28 cm (ein geländegänger SUV heute ca. 25 cm).
Einzig die Antriebsquelle erinnerte die Kritiker an ihre Berufung. Der Vierzylinder ist ein Relikt aus der Traction Avant, schwingt sich jedoch im Endstadium der DS-Entwicklung zu bemerkenswerten Fahrleistungen auf. Das Werk nannte eine Spitze von 188 km/h und einen Gesamtverbrauch von 11,6 Liter auf 100 km. Ein Mercedes 230-4 kam auf 170 km/h bei identischem Benzinkonsum. 1955 war das Platzangebot des grossen Citroën fürstlich, um nicht zu sagen unerreicht, damals über raumgreifende Aussenmasse erkauft (Länge x Breite 480 x179 cm), heute Normalität in der Mittelklasse, in welche der grosse Citroën hinein konstruiert worden ist.
Genial
Um die Übergrösse zu kaschieren, wurde ein Kunstgriff bemüht. Die Karosserie erreicht auf der Höhe der Vorderachse die grösste Breite, verjüngt sich nach hinten. Spur vorn 150 cm, hinten 130 cm, so hat man in der Stadt die Gewähr, beim Abbiegen nicht über die Zehen der auf Grün wartenden Passanten zu fahren – genial.
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Tacho mit angezeigten Bremswegen bei trockener Fahrbahn.
Schon 1968 imponierte der DS mit Kurvenlicht. Höhenverstellbares Chassis von Anfang an. Dem einen oder anderen Hersteller würde es in der gleichgeschalteten Argumentationslandschaft gut anstehen, statt die Dynamik, jene des gelassenen Fahrens in den Vordergrund zu stellen.
Mit dem neuen DS9 hat DS Automobiles wieder ein solches Auto, nicht derart revolutionär wie die DS anno 1955, weil moderne Autos sowieso alles können – man muss fast froh sein, dass sie einen noch mitnehmen – aber ähnlicher Art, also der entspannten Fahrweise

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