Europa liebt die Schweiz

Europa liebt die Schweiz

Die Schweizer machen sich selten Hoffnungen, wenn sie an internationalen Wettbewerben teilnehmen. Am Eurovision Song Contest konnte die Schweiz reüssieren. Eine Kritik.

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von Serkan Abrecht am 23.5.2021, 13:39 Uhr
Die Engelsstimme aus Fribourg:  Gjon’s Tears heisst er auf der Bühne, mit bürgerlichem Namen Gjon Muharremaj.
Die Engelsstimme aus Fribourg: Gjon’s Tears heisst er auf der Bühne, mit bürgerlichem Namen Gjon Muharremaj.
Es war wie während eines Fussballspiels bei einem 1:1 in der Nachspielzeit. Man läuft herum, rauft sich die Haare, knabbert an den Fingernägeln. Grund dafür ist kein Cupfinal, oder eine WM-Endrunde. Sondern die Engelsstimme eines jungen Mannes aus Fribourg. Gjon’s Tears (inklusive Deppen-Apostroph) heisst er auf der Bühne, mit bürgerlichem Namen Gjon Muharremaj. Ein 22-jähriger Schweizer albanisch-kosovarischer Herkunft. Der Sohn eines kosovarischen Kranführers und einer albanischen Fabrikarbeiterin. Er selbst ist im 2600-Seelen-Dorf Broc aufgewachsen und zog gestern mit seinem Lied «Tout l’univers» ganz Europa in seinen Bann.
Bereits im Vorfeld des Finales wurde er von den Wettbüros als Favorit gehandelt. Aber was heisst das schon? Wir Schweizer sind, wenn es um unsere Teilnahme geht, immer ein wenig vorsichtig – von Anfang an pessimistisch, damit wir weniger enttäuscht sind, wenn es wieder einmal nicht klappt.
Geklappt hat es dann doch nicht ganz. Unser Song wurde Dritter. Aber wenn man das Abschneiden der Schweiz beim Eurovision Song Contest in den letzten Jahrzehnten anschaut, dann war das schon mehr als souverän. Ausser bei Luca Hännis Auftritt 2019 (die Schweiz landete auf dem 4. Platz), waren die Auftritte der Eidgenossenschaft Mittelmass bis unterste Schublade. Den letzten Titel holte die Kanadierin Céline Dion 1988 für die Schweiz.
Der Song, der Europa begeisterte: «Tout l'univers».
Und dann ging es gestern plötzlich schnell: La Suisse: douze points, Twelve points to Switzerland. Genauso freudig überrascht wie die einheimischen Zuschauer, war Gjon Muharremaj, der sein Glück, in seiner kleinen Loge sitzend, wohl nicht richtig fassen konnte. Und so ging es weiter und weiter: Auch Israel gab der Schweiz 12 Punkte – die Maximalpunktzahl. Und Finnland. Und Belgien. Island, Albanien, Dänemark, Lettland und Estland. Nach dem alle Jurystimmen bekannt gegeben waren, stand die Schweiz auf Platz 1.
Leider wurde sie danach von den Zuschauerstimmen auf den dritten Platz zurückgeworfen. Die italienische Glamrock-Band Måneskin bekam mit dem Lied «Zitti e buoni» am Schluss die meisten Stimmen. Und doch: was für ein Auftritt dieses jungen Mannes. «Wenn ich Mutter werde, dann möchte ich gerne so einen Bub wie dich haben», schwärmte einst Christa Rigozzi für Gjon Muharremaj, als er mit zarten 13 Jahren an «die grössten Schweizer Talente» teilnahm. Bundesratssprecher André Simonazzi gratulierte dem Chansonnier aus der freiburgischen Pampa heute via Twitter.

Wokeness funktioniert nicht

Erfrischend ist auch, dass tatsächlich die musikalischen Leistungen und das Können die ausschlaggebende Rolle spielten. Italien, Frankreich und die Schweiz (die drei Besten) waren einfach gut. Andere Künstler, die auf politische Botschaften setzten und mit Wokeness reüssieren wollten, wurden abgestraft.
Jeangu Macrooy trat für den Titelverteidiger Niederlande mit dem Song «Birth of a New Age» an. Das Lied des Manns aus Surinam, einer ehemaligen holländischen Kolonie, basiert auf einem Gedicht, das er nach einer eigenen Aussage im Zuge der Black-Live-Matters-Demonstrationen geschrieben hatte. Teile des Songs waren auf Sranantongo, einer Kreolsprache aus Surinam. Der Moderator des ORF sagte in der Liveschaltung unverblümt und politisch unkorrekt, dass er nur «Brokkoli» verstanden habe. Macrooy landete auf dem viertletzten Platz. «New Age» muss warten.
Völlig blamabel wurde es für die Deutschen – ebenfalls woke wie der Zeitgeist. «I Don’t Feel Hate», hiess der Song von Jendrik. Der soll aussagen, dass man auf Hass nicht mit Hass reagieren sollte, sondern Mitleid mit dem haben sollte, der Hass verbreitet. Er sprang mit einer Glitzer-Ukulele über die Bühne und dazu tanzte eine Frau in einem Hand-Kostüm. Eigentlich sollte sie das Peace-Zeichen darstellen. Das ging schief. Mehrheitlich zeigten die Deutschen während des ganzen Songs Europa den Mittelfinger – was für Spott auf den sozialen Medien sorgte. «Vielleicht hat das europäische Publikum auch einfach keine Lust auf Deutsche, die ihnen den erhobenen moralischen Mittelfinger zeigen», schrieb Timo Lokoschat, stellvertretender Chefredaktor der «Bild». Deutschland wurde zweitletzter. Die Lehre daraus: Man sollte auf Deutschland nicht deutsch reagieren.

Nein, Wokness hat nicht funktioniert. Dafür richtige Musik. Wahres Können. Und hier hat die Schweiz abgeliefert, wie selten auf einer internationalen Bühne. Wir sind vielleicht nicht woke, aber wir können es trotzdem. Europa liebt Gjon’s Tears. Europa liebt die Schweiz.

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