Endlich sicher: Zertifikatspflicht sei Dank

Endlich sicher: Zertifikatspflicht sei Dank

Die generelle Zertifikatspflicht für kulturelle Veranstaltungen ist ein Segen für uns Bühnenschaffende – vor allem im Bereich Kabarett, Comedy und Kleinkunst erleichtert sie unsere Tätigkeit um Dimensionen.

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von Christian Weiss am 11.10.2021, 07:00 Uhr
Marina Lutz
Marina Lutz
Sie macht die Vorstellung nicht nur besser planbar und viel sicherer, sondern auch zu einem deutlich grösseren Genuss als früher.
Endlich werden Querulanten und Querulantinnen systematisch am Eingang ausgesiebt, sodass wir unsere Shows vor einem sehr zuverlässigen, pflichtbewussten – ja, vor einem solidarischen Publikum spielen können! Das merkt man schon daran, dass niemand mehr zu spät kommend mitten in einer Nummer rücksichtslos den Saal betritt, ungehemmt seinen Platz suchend alle Aufmerksamkeit auf sich zieht und damit den mühsam auf­gebauten Spannungsbogen ruiniert. «Schon wieder so ein verdammter Ungeimpfter!» dachte man als auf­tretender Künstler bisher in solchen Momenten und verfluchte die lasche Massnahmenpraxis des Bundes.

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Marina Lutz

Auch nach der Pause kann es dank der ausgeweiteten Zertifikatspflicht nun jeweils ohne mühsame Verzögerungen weitergehen. Und wenn man, kurz bevor man wieder auf die Bühne muss, selber noch rasch die Toilette aufsucht, dann trifft man nicht auf einen in der Schüssel floatenden ­Gaggi, wie ihn rücksichtslose Impfverweigerer für gewöhnlich im Sinne ihres Credos «Nach mir die Stinkflut» hinterlassen, sondern man kann sich darüber freuen, dass die zertifizierten Gäste eigenverantwortlich und solidarisch gespült haben.
Wer erstmals vor einem strikt zerti­fizierten Publikum spielt, der nimmt während der Vorstellung visuelle, ­olfaktorische, akustische und stimmungsmässige Unterschiede zu früheren Auftritten wahr, bei denen Kreti und Pleti Zutritt hatten: Ein durchgeimpftes Publikum sieht gut aus! Wenn die innere Schönheit jedes Einzelnen, der seinen soli­darischen Beitrag zur Pandemiebekämpfung geleistet hat, in Form einer charismatischen Aura an die Oberfläche tritt, ist es als Künstler ein gros­ser Genuss, beim Spielen immer wieder in die attraktiven Gesichter seiner Zuschauer und Zuschauerinnen zu blicken.
Ein durchgeimpftes Publikum riecht gut! Weil entspannte, glückliche, vertrauensvolle, in der Gruppe aufgehobene Menschen, die wissen, dass sie sich korrekt und solidarisch verhalten, eine ganz andere Ausdünstung haben als gestresste, misstrauische, asoziale Egoisten, welche sich oftmals genauso wenig um ihre Körperhygiene scheren wie um die Gesundheit des Volkskörpers.
Ein durchgeimpftes Publikum lacht an den richtigen Orten – also dort, wo der Künstler es geplant hat und beispielsweise durch Tonfall, Lautstärke und Kunstpause signalisiert.
Ein durchgeimpftes Publikum singt auch die blödesten Blödeltexte enthusiastisch mit, wenn es dazu auf­gefordert wird, während Skeptiker und Skeptikerinnen das Aufkommen einer Stimmung des frohen gemein­samen Erlebens und Geniessens schon im Keime ersticken, wenn sie sich, anstatt lauthals mitzufeiern, erst gut überlegen «Was singt der da eigentlich und will ich das wirklich mitsingen?».
Ein durchgeimpftes Publikum erhebt sich am Ende einer Vorstellung geschlossen zu Standing Ovations, weil es Anstand besitzt. Und weil sich jeder Geimpfte als Teil des grossen Ganzen versteht und sich seiner Verantwortung für das Gesamtwohl bewusst ist.
Zusammengefasst: Vor einem zertifizierten Publikum fühlt man sich als Kabarettist, Komiker oder Satiriker von der ersten bis zur letzten Sekunde pudelwohl, weil man spürt, dass alle im selben Boot sitzen und am selben Strick ziehen. Und selbst wenn man einen mittelmässigen Text mit schwachen Pointen präsentiert und dabei völlig überflüssigerweise Peinlichkeiten im Bereich von Fäkalhumor einstreut – also beispielsweise das Wort «Gaggi» –, selbst dann wird ein zertifiziertes ­Publikum am Ende der Nummer stets ­signalisieren, dass es auf der Seite des Künstlers steht und dankbar dafür ist, gemeinsam Teil der Lösung und nicht Teil des Problems zu sein. Und es wird dies mit einem warmen Applaus kundtun.

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