Eine Milliarde Vorschuss fürs Endlager – aber subito!

Eine Milliarde Vorschuss fürs Endlager – aber subito!

2022 fällt der Standortentscheid für das Atomendlager: Höchste Zeit für die Standortgemeinden, um eine erste Sofortzahlung für ihr Sonderopfer zu verlangen. Bisher haben sie sich brav zurückgehalten.

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von Martin Breitenstein am 29.12.2021, 13:00 Uhr
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Im Jahr 2022 steht in der Schweiz ein wichtiger politischer Entscheid an. Die Nagra wird bekanntgeben, welche Region für das Endlager der radioaktiven Abfälle zum Handkuss kommt. Die offizialisierte Sprache der Entsorgungsorganisation und der damit befassten staatlichen Stellen bevorzugt natürlich den politisch weniger kontaminierten Begriff «Tiefenlager».
Ich wohne im Zürcher Weinland in einer sogenannten potentiellen Infrastrukturgemeinde. Das heisst, wir – oder besser gesagt unsere Nachfahren – haben sehr gute Chancen, dereinst ein solches Lager vor der Haustüre beherbergen zu dürfen. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich begrüsse die Reaktivierung einer weiterentwickelten Kernkraft. Sie ist eine der wenigen realistischen Möglichkeiten, um die angesagte Elektromobilität mit Energie zu versorgen. Am Tiefenlager hätte ich vor allem zu kritisieren, wenn dort angebliche Atomabfälle für alle Zeiten weggesperrt würden, die man dereinst als hochenergiehaltige Rohstoffe weiterverwenden könnte.

Ein paar verhärmte alt-68er Atomgegner

Nun wissen wir aber, wie negativ die Atomenergie und ein Endlager in der öffentlichen Meinung (besonders der helvetischen und der alemannischen) aktuell immer noch belastet ist. Das ist auch das Muster dieser unseligen Regionalkonferenzen, wo die Entsorgungsorganisationen in einer Pseudopartizipation gut Wetter machen wollen und ein paar verhärmte alt-68er Atomgegner der ersten Stunde immer nur mit dem Ziel argumentieren, die friedliche Nutzung der Kernkraft wegen ihrer angeblichen Gefährlichkeit an sich zu verhindern. Auf diese Weise werden die Regionalkonferenzen für ihre Region überhaupt nichts herausholen. Wenn der Standortentscheid gefallen ist, ist er gefallen, da können sie sich auf den Kopf stellen, den Rechtsweg beschreiten, aber am Ende wird niemand ernsthaft daran rütteln wollen. Getreu dem St.-Florians-Prinzip wird ein solcher Standortentscheid auch die eidgenössische Volksabstimmung bequem überstehen.

Die braven Gemeindepräsidenten

Im Zürcher Weinland ist die Endlager-Frage der Elefant im Raum, den niemand sieht oder sehen will. Spricht man die Gemeindepräsidentinnen oder -präsidenten darauf an, befindet man sich immer gerade in einem Prozess, bei dem Gespräche laufen, aber es jetzt wirklich ungünstig ist, öffentlich darüber zu viel zu sagen oder gar handfeste Forderungen zu stellen. Offensichtlich beherrscht die Nagra die Agenda, und die Gemeinde-Munis und Leitkühe trotten brav hinterher. Als ich eine Gemeindepräsidentin fragte, warum die Gemeinden nicht einfach mal mit einer wirklich eindrücklichen Entschädigungsforderung in die Verhandlungen steigen, sagte sie mir, man wolle ja nicht als käuflich gelten. Das scheint mir kein besonders intelligentes Argument, wenn man auf die Standortfrage letztlich gar keinen Einfluss hat.
So laufen denn nun die Endlager-Standortgemeinden dank der Führungsschwäche und Leisetreterei ihrer Gemeindevorstände Gefahr, mit Almosen abgespeist zu werden. Die Entsorgungsorganisation hatten früher schon mal einen Anker bei 500 Millionen Franken gesetzt. Das ist natürlich lächerlich tief. Zum Vergleich: Im Jahr 1988 hatte die Schweizerische Eidgenossenschaft die Bauherrschaft des AKW Kaiseraugst mit 350 Millionen Franken dafür entschädigt, dass die Baupläne endgültig begraben wurden.

Plötzlich ein Igittigitt-Image

Gerade weil die die Atomkraft in der öffentlichen Meinung derart stigmatisiert ist, wirkt sich allein die Meldung, als Endlager-Standort in die engere Wahl zu kommen, negativ aus. Sie sollten einmal den ungefilterten Spott meiner Kollegen aus der Immobilienbranche hören, mit dem sie das Zürcher Weinland wegen des Endlagers schon heute überziehen! Daraus kann man schliessen, wie bereits die Bekanntgabe eines Standortentscheids auf den Marktwert der Liegenschaften drücken wird. Ohne das Geringste dafür zu können, hängt einer Gegend plötzlich ein Igittigitt-Image an. Wer dieses Sonderopfer zu erbringen hat, sollte von allen anderen verschonten Regionen der Schweiz angemessen entschädigt werden. Deshalb sollten unsere bisher braven Gemeindepräsidenten schon morgen fordern: Eine Milliarde Vorschuss fürs Endlager – aber subito!

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