Ein Skandal, der keiner war – und ein Skandal, den keiner sehen wollte

Ein Skandal, der keiner war – und ein Skandal, den keiner sehen wollte

Jetzt, wo die Masken fallen, erinnert sich kaum mehr jemand an den Skandal, den die erste prominente Maskenträgerin der Schweiz entfachte: Als Magdalena Martullo-Blocher zur Frühlingssession 2020 mit Maske erschien, wurde sie des Saales verwiesen. Kurz darauf dankte das Parlament kurzerhand ab.

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von Gottlieb F. Höpli am 25.6.2021, 08:58 Uhr
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Unsere Politik ist mit einem kurzen Gedächtnis gesegnet. Kaum jemand scheint sich noch der Situation vom März 2020 zu erinnern, als die Corona-Pandemie auch über die Schweiz hereinbrach. Als Schutzmasken zuerst offiziell zu unnötigen Angstmacher-Accessoires erklärt wurden. Nicht zuletzt, weil unser Land davon ganz einfach zu wenig hatte. Und so wurde auch Nationalrätin Martullo mit Ablehnung und Häme übergossen, als sie am ersten Tag der Frühlingssession 2020 mit einer Maske erschien. Sie wurde von der Nationalratspräsidentin des Saales verwiesen. Die Medien überboten sich mit hämischen Kommentaren. Später wurde ihr gnädig erlaubt, wenigstens an den Abstimmungen teilzunehmen.
Hat sich je ein Mitglied des Parlaments bei Nationalrätin Martullo für die Hexenjagd entschuldigt? Heute, wo man sich für kleinste rhetorische Fehltritte entschuldigen muss? Zum Beispiel aus den Reihen derer, die später nicht genug Verbote und Einschränkungen fordern, dem Bundesrat nicht genug Kompetenzen (Maskenzwang inklusive) zuschanzen konnten? Ach was! Es war ja nur eine SVP-Exponentin. Und erst noch die Tochter des ungeliebten SVP-Übervaters Blocher. Wäre die erste Maskenträgerin eine linksgrüne Sympathieträgerin der Medien gewesen, die Geschichte wäre vermutlich anders verlaufen. Zumindest am Jahrestag des denkwürdigen Auftritts wäre ihr ein publizistisches Denkmal in Wort, Bild und einer SRG-Sondersendung errichtet worden.
Kurz nachdem Frau Martullo ihre Maske aufsetzte, hat unser Parlament ja dann die Maske fallen lassen. Indem es die Session pandemiebedingt einfach abbrach und der Exekutive die Alleinherrschaft überliess. Und so öffentlich erkennen liess, was es von seiner Funktion in einer Krisenzeit hält: nichts. «Die Schweizer Demokratie macht Pause», titelte die WoZ völlig zu Recht. Während rundherum in Europa die Parlamente nach Wegen suchten, trotz der Pandemie weiter zu tagen, dankte Helvetiens gesetzgebendes Organ kurzerhand ab. Und trat erst wieder zusammen, als der Bundesrat in einer Sondersession Zustimmung zu den ersten Pandemie-Notkrediten einforderte.
Diese mangelnde Krisenresistenz des Parlaments war nicht einfach eine belanglose Episode in ausserordentlichen Zeiten. Sie hatte Auswirkungen auf die folgende Bewältigung der Pandemie, die nun ganz eindeutig in der Hand des Bundesrates lag. Dem die Medien, dank ausbleibender Debatte über Umfang, Sinn und Unsinn der ergriffenen Massnahmen, anfangs kritiklos zu Füssen lagen. Ein autoritärer Ton durchzog von nun an die öffentliche Debatte zum allgegenwärtigen Thema Covid-19. Wer gegen den eingeschlagenen Weg, gegen die Massnahmen der Obrigkeit Zweifel äusserte, war bald als unmoralischer Libertin abgestempelt, der mit der Volksgesundheit russisches Roulette spielte.
Darüber wüsste der Autor dieser Zeilen aus eigener Erfahrung zu berichten. Vielleicht ist dies der Grund, dass er sich heute noch an Frau Martullos Schutzmaske und den Schwächeanfall unseres Parlaments erinnert…

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