Günther Tschanun: Ein Pranger für eine Leiche

Günther Tschanun: Ein Pranger für eine Leiche

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von Stefan Millius am 13.4.2021, 15:22 Uhr
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Er sass 14 Jahre im Gefängnis und lebte danach 15 Jahre als freier Mann im Tessin. 2015 verstarb Günther Tschanun dort, wie erst jetzt bekannt wurde. Geht es nach den Lesern von Onlinemedien, hätte er aber im Knast sterben müssen – mindestens.

Claudio Trentinaglia kam am 25. Februar 2015 bei einem Unfall auf dem Velo am Ufer der Maggia bei Losone ums Leben. Das wäre vermutlich 2021 kein Thema mehr, wenn Trentinaglia nicht einst Günther Tschanun geheissen und als Chef der Stadtzürcher Baupolizei im April 1986 an seinem Arbeitsort vier Menschen getötet hätte. Nun aber sind es «big news»: Endlich weiss die Schweiz, wo Tschanun nach seiner Freilassung im Jahr 2000 gelebt hat. Friedlich und gesetzestreu, soweit bekannt ist.

Virtueller Stammtisch

Die Nachricht, die natürlich nicht wirklich relevant, aber für Journalisten doch elektrisierend ist, hat in den Kommentarspalten der Onlinemedien Abgründe geöffnet, die immer sichtbar werden, sobald es um Kapitalverbrechen geht. Da und dort versucht jemand sanft, auf unser Rechtssystem hinzuweisen, das die Resozialisierung von Straftätern hoch hält. Aber damit steht man auf verlorenem Posten, wenn sich der virtuelle Stammtisch trifft.
Der allgemeine Tenor klingt anders. 14 Jahre Haft für vier Menschenleben? Ein Witz! Warum war der Mann draussen? Warum durfte er die Tessiner Sonne geniessen? Oder auch nur knapp verhüllt die Frage: Warum hat der eigentlich noch gelebt?

Renaissance des Mittelalters

Geht es um Unrechtsregimes in anderen Ecken der Welt, deren Rechtssprechung zwischen abenteuerlich und schlicht unhaltbar pendeln, zeigen sich Freizeitjuristen schnell empört. Aber dieselben Leute hätten gerne in einem Fall vor der eigenen Haustür das ganze Inventar aus dem Mittelalter zurück. Der Klassiker «In der Zelle lassen und Schlüssel wegwerfen» ist dabei noch die mildeste Variante. Einige Wortmeldungen von in aller Regel natürlich anonymen oder mit Kunstnamen ausgestatteten Kommentatoren gehen eher in Richtung: Rübe ab, und den Rest gerne öffentlich sichtbar an den Pranger stellen.
Wer mit Verweis auf den Rechtsstaat dagegen hält, wer betont, dass ein verurteilter Straftäter nach verbüsster Strafe ein Recht auf ein freies Leben hat wie jeder andere Mensch, solange er sich nichts zuschulden kommen lässt, katapultiert sich in den Augen der verhinderten Scharfrichter direkt in die Liga des Mörders selbst. Denken denn diese verständnisvollen Leute gar nicht an die Hinterbliebenen? Und überhaupt: Kuscheljustiz!

Alles nur nach dem Gesetz

Über das bei uns angewendete Strafmass kann man gern diskutieren, es lässt sich sogar anpassen, wenn der politische Wille dafür da ist. Auf der Grundlage dessen, was aktuell gilt, ist der Fall Tschanun bezogen auf die die juristische Seite in keiner Weise ein Skandal. Er wurde zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt, nachdem das Bundesgericht ein etwas milderes Urteil zerzaust hatte. Nach 14 Jahren, zwei Dritteln der Strafe, wurde er aufgrund guter Führung entlassen.
Auch das entspricht dem Gesetz, und so abscheulich der Mord an vier Menschen ist: Tschanun war ein vorbildlicher Häftling, und man kann nicht aus einem persönlichen Empfinden heraus die Regeln auf den Kopf stellen. Rechtssicherheit ist ebenfalls ein Merkmal unseres Systems. Verkürzt gesagt: Selbst das grösste «Monster» muss sich auf die Regeln verlassen können.

Wasser statt Merlot?

Wobei man ehrlich sagen muss: Die Leserkommentare wuchsen auf einem gut bestellten Feld. Die Medien, in denen sie zu finden sind, leisteten Vorarbeit. «Er liebte Merlot, Nordic Walking und sein Velo», titelte der «Blick» in der aktuellen Berichterstattung. Unter neuem Namen habe Tschanun «das süsse Rentner-Leben im Tessin» genossen, steht da weiter mit kaum verstecktem Entsetzen, das bei den Leserinnen und Lesern auf fruchtbaren Boden fällt.
Was hätte der Mann, der seine ordentliche Strafe unter dem ebenfalls ordentlich vorgesehenen Abzug abgesessen hat, denn stattdessen tun sollen? Auf Bewegung verzichten, mit dem Auto fahren statt mit dem Velo und nur Wasser trinken? Oder vielleicht ins Kloster gehen? Dort hätte man ihm allerdings sicherlich vorgeworfen, auf diese Weise kostenlos zu Brot und Logis kommen zu wollen.
Es bedeutet nicht Verständnis für einen Mehrfachmörder oder Respektlosigkeit gegenüber den Angehörigen der Opfer, wenn man sagt: Die Spielregeln des Gesetzes sind auch für Täter einzuhalten. Es bedeutet lediglich die Anerkennung des geltenden Rechtssystems. Dieses kann man wie erwähnt verändern. Aber tun werden das kaum die Leute, die an ihrer Tastatur mal schnell «Auge um Auge, Zahn um Zahn» fordern. Dafür fehlt ihnen die Ausdauer.
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