Ein Experiment der Sonderklasse

Ein Experiment der Sonderklasse

Während die Schweiz lockert, tritt in Deutschland die «Bundes-Notbremse» gegen die Verbreitung des Corona-Virus samt seiner Mutationen in Kraft. Mit grosser Spannung verfolge ich das grösste Live-Experiment der Medizingeschichte. Es könnte unseren Blick auf die Pandemie grundlegend verändern.

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von Michael Schoenenberger, Partner bei Hirzel.Neef.Schmid.Konsulenten am 4.5.2021, 08:00 Uhr
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Vor 11 Tagen, am 23. April, trat in Deutschland die sogenannte «Bundes-Notbremse» in Kraft. Der Bund kann seither bei bestimmen Inzidenzwerten einschreiten. Damit hebelt Berlin den Föderalismus aus. Die Zentrale entscheidet. Auch wenn ich persönlich ein Fan von föderalistischen staatlichen Strukturen bin, liegt es mir fern, Angela Merkel dafür zu kritisieren. Deutschland soll tun, was es für richtig hält.
Nur so viel muss allerdings angemerkt sein: Die Massnahmen sind nicht nur extrem (Ausgangsbeschränkung!), sie haben in ihrer teilweisen Absurdität auch etwas Lachhaftes. So ist das Verlassen des Hauses von 22 bis 5 Uhr untersagt, das alleinige Betreiben von Sport draussen ist indessen bis 24 Uhr gestattet. Nicht aber von 24 bis 5 Uhr, dann ist Sport verboten. Grund dafür ist wohl, dass es im Spreewald nachts um 3 Uhr nur so von Joggern wimmelt. Aber das ist nur eine Vermutung.
Obrigkeiten haben immer recht
Vielleicht, und das würde mich als überzeugten Liberalen am meisten bedrücken, keimt da schlicht und einfach eine neue Freude am Beherrschen der Staatsbürger. In Deutschland scheinen die Menschen das mehrheitlich zu akzeptieren. Wie auch Menschen in anderen europäischen Ländern den Entzug der Freiheiten und das temporäre Einsperren klaglos hinnehmen. Macht das Virus aus freiheitsliebenden, tendenziell staatskritischen europäischen Gesellschaften solche, die brav der Obrigkeit gehorchen? Komme, was wolle?
Vor 11 Tagen also führte Berlin die «Bundes-Notbremse» ein. Ich bin sehr gespannt, wie sich das Infektionsgeschehen in Deutschland im Vergleich zur Schweiz entwickeln wird. In der Schweiz hat die Landesregierung nämlich fast zeitgleich (vier Tage zuvor, um genau zu sein) etwas Konträres beschlossen: Lockerungen, Öffnungen, Normalisierungen. Während Berlin seine Bürger partiell einsperrt, versucht Bern, den Menschen ihre naturrechtlichen Freiheiten wiederzugeben.
Ein medizinisches Live-Experiment
Wir erleben wohl gerade so etwas wie das grösste Live-Experiment der Medizingeschichte. Deutschland und die Schweiz sind vergleichbare Länder, auch was die aktuelle Impfquote anbetrifft. Wenn ich heute – am 4. Mai 2021 – auf das Virusgeschehen schaue (hauptsächlich auf die bestätigten Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner und den 7-Tage-Durchschnitt), dann sehe ich, dass diese sich in der Schweiz und in Deutschland nicht voneinander unterscheiden. Seit längerer Zeit bereits verlaufen Kurven ziemlich parallel.
Bliebe das in den nächsten zwei Monaten so, dann stellt sich die Frage, was genau extreme Massnahmen wie Ausgangssperren oder Schulschliessungen denn überhaupt bringen.
Jedenfalls fährt die Schweiz an diesem 4. Mai 2021 nicht mit voller Wucht in eine vierte Welle hinein. Ganz im Gegenteil: Die Zahl der Hospitalisierten sinkt, ebenso der 7-Tagewert bei den Neuinfektionen. Als der Bundesrat gelockert hat, sagte ein Infektiologe im Schweizer Fernsehen: «Es ist wie bei Orange über die Kreuzung fahren». Anders formuliert: Eine Hochrisiko-Strategie, bei der man sein eigenes Leben aufs Spiel setzt. Vielleicht hatte die Schweiz seit dem 19. April einfach viel Glück. Schauen wir mal.
Genauso gespannt auf das weitere Infektionsgeschehen in Deutschland und der Schweiz bin ich jedenfalls auf die Erklärungen der Fachleute. Besonders für den Fall, dass in Deutschland die Zahlen ansteigen sollten, hierzulande aber nicht.
Bleibt das Infektionsgeschehen in der Schweiz trotz Lockerungen tief (und das hoffen wir alle!), muss es dann wohl am wärmeren Wetter gelegen haben.
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