EDA verunsichert mit Eigenmietwert die Taliban

EDA verunsichert mit Eigenmietwert die Taliban

Bei der Evakuierung der EDA-Büros in Kabul fiel den Taliban eine Schweizer Geheimakte in die Hände: der parlamentarische Plan zum Eigenmietwert.

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von Roland Schäfli am 27.9.2021, 05:48 Uhr
Karsten Schley
Karsten Schley
Der Fluchtplan des EDA aus Afghanistan sah die Vernichtung von Geheimakten vor. Da das Aussenministerium das Rauchen in Büros sogar im Ausland untersagt, hatte niemand ein Feuerzeug zur Hand. So kam es, dass den anrückenden Gotteskriegern der parlamentarische Geheimplan zur Abschaffung des Eigenmietwerts in die Hände fiel. Für die Schweiz ein diplomatischer Faux-pas. Für die Taliban ein moralisches Dilemma.
Hausbesitzende kennen das: nachdem sie sich Jahrzehnte lang das Eigenkapital am Mund abgespart haben, um sich ein kleines Häuschen im Grünen zu leisten, sitzen sie mit einem Cocktail an ihrem Pool, um in Ruhe dem Gärtner zuzusehen - und dann erreicht sie: die Rechnung des Eigenmietwerts. Was?! Genau: eben noch wähnten sie sich im Glauben, den sklavischen Pflichten eines Mieters für immer entkommen zu sein, als genau diese sie wieder einholen. Denn wer eine Immobilie besitzt und darin sogar noch wohnt, muss ein Einkommen versteuern, das nicht existiert. Die Taliban versuchten diesen Code zu entschlüsseln - erfolglos. Der Eigenmietwert solle Gleichberechtigung schaffen. Spätestens bei diesem Wort zogen die Taliban einen Dolmetscher bei.
Die Taliban wollen Reformen einführen. Ebenso wie die Freiheitstrychler verfolgen sie Autonomieziele, nur weniger radikal. Ihr Ältestenrat (in seiner Zusammensetzung vergleichbar mit dem Parlament) versuchte daher aus der Ausnahme schlau zu werden, die der Ständerat eingeräumt hatte: erwirbt man erstmals eine selbst bewohnte Liegenschaft, soll der Schuldzinsabzug möglich sein. Im ersten Jahr nach dem Kauf soll er für Ehepaare 10’000 Franken betragen (Ehe für alle bereits eingerechnet), für Unverheiratete 5000 Franken. Die Taliban bekundeten Mühe mit der Vorstellung, dass ein unverheiratetes Paar eine eigene Liegenschaft bewohnt und schworen, die ungläubigen Autoren dieses gotteslästerlichen Pamphlets auszupeitschen.
Die Schweiz, obwohl ein Alpenland wie Afghanistan, ist für die neuen Herrscher ein Buch mit 7 Siegeln: man verbietet den Abschuss von Wölfen, erlaubt aber den unerträglichen Zustand des Eigenmietwerts?! Genau wie weite Teile der Bevölkerung der Schweiz verstehen sie die teuflische Idee des Eigenmietwerts nicht. Im neuen Afghanistan hat der Eigenmietwert eine geringe Überlebenschance. Der Eigenmietwert sei ein Instrument westlicher Teufel, deklarierte ihr oberster Anführer. Für einmal widersprach die UNO-Vollversammlung nicht.
Die Abschaffung der fiktiven Mieteinnahmen würde den Steuerzahler 1,7 Milliarden jährlich kosten. Wie lässt sich das in Schafwolle umrechnen? Können Hüttenbesitzer die Tragbarkeitsrechnung überhaupt überleben? Müsste man nicht reiche Immobilienspekulaten enteignen? Aus diesen Erwägungen sehen sich die Taliban, die sich als neuer Hauseigentümerband verstehen, der Schweiz moralisch überlegen.
Die Taliban sahen bei diesem System durchaus Angriffsflächen. Darum sprengten sie das Gebäude, das vom EDA in Kabul als Zweitwohnung zwecks Steueroptimierung gemietet worden war. So ist kein Staat zu machen.

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