Die Sehnsucht nach dem harten Aufprall

Die Sehnsucht nach dem harten Aufprall

Nach dem Panik-Modus kommt der Katastrophenmodus. Ist die Welt scheiternsverliebt und lebensmüde?

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von Milosz Matuschek am 24.10.2021, 08:26 Uhr
Foto: Enno Kapitza
Foto: Enno Kapitza
«Scheitern, wieder scheitern, besser scheitern». Mit dieser Formel aus Becketts «Warten auf Godot» lässt sich gerade gut das geistige Klima unserer Zeit einfangen. Geht es nur mir so oder herrscht gerade eine besonders grosse Lust daran, der alten Welt beim Einsturz zuzusehen? In China wackelt ein grosser Immobilienkonzern unter der Last von 300 Milliarden Dollar an Verbindlichkeiten, weltweit brechen Lieferketten und drohen Versorgungsengpässe, Energiepreise steigen, Black-Outs und Cyberattacken drohen, die Inflation steigt, Insolvenzen und wirtschaftlicher Niedergang könnten folgen.
Und an der Corona-Front? Dort geht es im Eiltempo vom Impfangebot, zum Impfzwang und jetzt zu «Impfdurchbrüchen», also der Sichtbarkeit der mangelhaften Wirkung der Impfstoffe. Der Verfall der verlautbarten Effektivität der Vakzine, wie er in diesem Video treffend zusammengefasst wird, scheint den allgemeinen Verfall vieler Lösungsvorschläge und des Vertrauens allgemein widerzuspiegeln. Zwischen dem Hochjubeln von Patentlösungen für alles und dem Realitätstest liegen oft nur noch wenige Wochen. Wir betreten gerade «Fuckup-Territory». Und am schlimmsten daran: Allen scheint es egal zu sein.
In normalen Zeiten könnte man eine psychologische Erklärung dafür anführen. Der kanadische Essayist John Ralston Saul hat die Wettbewerbsgesellschaft, in der wir leben, einmal so erklärt: «Wettbewerb setzt voraus, dass es einen Gewinner gibt, aber viele Verlierer. Sonst ist es kein Wettbewerb. Eine Wettbewerbsgesellschaft ist also vor allem eine Gesellschaft von Verlierern.» Daraus kann man ableiten: Da sich die meisten ohnehin als Loser fühlen, empfinden sie es als Entlastung, wenn sie sich in bester Gesellschaft fühlen dürfen.
In Berlin beispielsweise ist der Loser-Status sozusagen Staatsräson und Lebensgefühl in einem. Dort bekam man zuletzt nicht mal eine Wahl hin. Potentielle Wahlbeobachter gäbe es zwar genug, die verkaufen aber lieber Gras im Görlitzer Park. Nein, in Berlin fehlte es vielerorts am Nötigsten: an Wahlzetteln. Dafür gab es lange Schlangen an den Wahllokalen. So konnte man also den real existierende Sozialismus schon sehen, bevor ihn sich die Berlin per Wahlzettel herbeigewünscht haben. Wobei man gerade bei Wahlen in Berlin immer Stalins Diktum im Hinterkopf behalten sollte: «Die Leute, die die Stimmen abgeben, entscheiden nichts. Die Leute, die die Stimmen zählen, entscheiden alles.»
Wir leben jedoch nicht in normalen Zeiten, sondern in Zeiten, in denen uns eine «neue Normalität» übergestülpt werden soll. Der «Great Reset», eine Agenda des Weltwirtschaftsforums, steht auch bei vielen Staatenlenkern und Globalisten ganz hoch im Kurs. Gemeint ist ein grosser Umbruch oder Neustart. Einfach mal alles auf Null und dann neu und besser aufbauen. Systemwechsel und Umbau der Welt nach dem Vorbild der Wassermelone: Außen klima-grün, innen sozialistenrot und ein paar totalitär-braune Kerne dürfen auch nicht fehlen. Den Agendatreibern kommen Chaos und Dysfunktionalität dabei gerade recht. Je mehr man vom Scheitern der Politik, der Wissenschaft, der Medien, der Wirtschaft sieht, desto besser für sie. Denn erst im Klima von Angst und Unordnung wächst «die Masse» heran, wie Gustave Le Bon den Mob nannte, der sich zur Lösung der Probleme dann die Führerfigur herbeiwünscht.
Was dann folgen dürfte, sieht man schon jetzt im Ansatz: Der Alltag wird noch mehr zum QR-Hindernisparcours, es gibt noch mehr Überwachung, vielleicht aber erst mal Zuckerli für gutes Verhalten und erst danach ein beinhartes Social Credit System, wie in China. Je grösser der Kontrollverlust, desto grösser die Sehnsucht nach dem Retter, einem neuen Tech-Diktator, einer alles überblickenden UN-Technokratengruppe als Weltregierung oder einem anderen Heilsbringer. Über ein Kollektiv der Ängstlichen und Orientierungslosen lässt sich am leichtesten herrschen. An Technokraten und Bürokraten mangelt es der Welt zudem auch nicht, hier jedenfalls dürfte nie ein Lieferengpass bestehen. Die Gefahr eines technokratischen Globaltotalitarismus sah Hannah Arendt übrigens schon vor 70 Jahren. Unter den heutigen Mainstream-Intellektuellen sieht sie so gut wie niemand.
Die Lösung gegen Machtkonzentration ist immer die gleiche: Dezentralisierung von Macht. Wo möglich hilft Technologie dabei. Früher war es der Buchdruck, heute ist es die Blockchain. Der Einzelne muss jetzt an parallelen Strukturen bauen, sich emanzipieren und letztlich unregierbar werden, sich also gegen den Fuck-Up immunisieren. Die Stärkung des Positiven bringt dabei mehr als die Kritik am Alten. So wichtig Demonstrationen gerade sind, sei es in Bern oder in Triest: Wer ohnehin die Welt brennen sehen will und Chaos super findet, dem kommen Proteste, Streiks und Ausschreitungen gerade recht.
Braucht die Welt erst einen harten Aufprall, um aus dem Schlummertraum ihrer virtuellen Realität aufzuwachen?

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