Die Schweiz kann Corona? — Sieht das die Bevölkerung auch so?

Die Schweiz kann Corona? — Sieht das die Bevölkerung auch so?

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von Sandro Frei am 25.3.2021, 15:21 Uhr
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Am letzten Freitag hat der Bundesrat entschieden, vorerst keine weiteren Lockerungen vorzunehmen. Die Kantone sehen es anders. Wie sieht es die Bevölkerung? Das umfangreichste Material ist bei Michael Hermann zu finden.

Schon seit Monaten betreibt Politgeograf Michael Hermann mit seinem SOTOMO-Institut ein Corona-Monitoring. Letzte Woche hat er die siebte Befragung veröffentlicht. Die Umfragen finden jeweils im Auftrag der SRG statt.
Betrachten wir die Resultate genauer. Wie sieht es die Bevölkerung wirklich? Wie ist die Stimmung?

46 Prozent der Befragten lehnen die Schliessung von Geschäften und Dienstleistungen ab

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Screenshot SOTOMO
Wie im obigen Bild ersichtlich, sind 46 Prozent der Befragten der Meinung, dass die Schliessung von Geschäften und Dienstleistungen zu weit geht. Unter Dienstleistungen sind auch die Schliessung von Restaurants gemeint. Das Lager der Gegner dieser Massnahme nimmt kontinuierlich zu, es ist ein eindeutiger Trend festzustellen. Besonders die unter 34-Jährigen beurteilen diese Massnahme je länger, desto kritischer. Zwei Drittel finden, die Öffnung von Aussenbereichen in der Gastronomie (Terrassen-Streit), müsse sofort in Kraft treten.

Links-Rechts-Konflikt

Interessant zu beobachten ist weiter, dass sich die Bevölkerung zu Beginn der Corona-Krise unabhängig von der politischen Einstellung einig war, wie die Krise bewältigt werden müsse. 91 Prozent standen im April 2020 hinter den Massnahmen des Bundesrats. Nach über einem Jahr Krise ist es aber so, dass sich die Thematik zu einem typischen Links-Rechts-Konflikt akzentuiert hat.
Grund dafür ist eine immer stärker zunehmende Ideologisierung der Krise und der Bewältigung der Pandemie. 61 Prozent sind heute mit dem Bundesrat alles in allem zufrieden. Dies ist ein hoher Wert und zeugt vom grundsätzlichen Vertrauen, das die Bevölkerung in den Bundesrat hat.

SVP-Basis stützt Kurs der Parteileitung

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Screenshot SOTOMO
Nach der Gesamtbeurteilung der Lockerungen durch den Bundesrat befragt, ist bis auf die SVP-Basis, bei allen Parteien eine Zustimmung festzustellen. Die Wähler der FDP, der Mitte, der GLP, SP und Grünen sind mit dem Tempo der Lockerungen einverstanden. Verschärfungen fordert in der aktuellen Situation kaum jemand, ein paar Ausreisser ausgenommen. Viel wurde über die Strategie der SVP zur Krisenbewältigung geschrieben und kritisiert. Die SVP verrenne sich mit ihrer scharfen Kritik an der Exekutive. Betrachtet man aber die Zahlen, sprechen sich 76 Prozent der SVP-Wähler für stärkere oder schnellere Lockerungen aus. Bei den restlichen Parteien scheint die Basis die Politik des Bundesrats mitzutragen. Wobei gerade bei der FDP eine starke Minderheit unzufrieden ist und sich schnellere Öffnungen wünscht.
Die Zahlen von Michael Hermann zeigen, je weiter links, desto geringer die Kritik am Bundesrat. Während bei den Freisinnigen noch 40 Prozent für eine Lockerung der aktuellen Massnahmen eintreten, sinkt dieser Wert bei Wählern der Mitte oder der SP. Ausnahme bilden die Grünen, die deutlich stärker für schnellere Lockerungen eintreten, als es die SP- oder GLP-Wähler tun. Die Zahlen zeigen: SVP und die SP haben ein gutes Gespür für ihre Basis und schätzten deren Ansichten richtig ein. Die Grünen sind im linken Lager am kritischsten. Gerade bei ihnen könnte dies mit ihrer Wählerstruktur zusammen hängen, sind viele Wähler der Grünen doch eher jünger, gerade im Vergleich mit den SP-Wählern.

Restaurants ja — Kulturveranstaltungen nein

Beim Öffnen der Restaurantterrassen findet sich eine komfortable Zwei Drittel-Mehrheit, die eine sofortige Öffnung unterstützen. 53 Prozent sind für eine komplette Öffnung der Gaststätten, auch der Innenräume ab April, mit angemessenem Schutzkonzept. Besonders die Basis der Freisinnigen und der SVP unterstützen diese Forderung.
Andere Lockerungsschritte werden kritischer betrachtet. Auf die Frage “Der Bundesrat entscheidet über Massnahmen, wann wollen Sie Kultur- und Sportveranstaltungen mit beschränktem Publikum zulassen?” reagierten die Befragten deutlich abwartender als bei der Gastronomie. Auch Sport in Innenbereichen steht nicht zuoberst auf der Liste der Befragten. Die Mehrheit hält diese zum jetzigen Zeitpunkt für verfrüht. Eine andere Frage ist, ob die Wirte überhaupt Gäste hätten, wenn sie öffnen dürfen. Auch hier zeigen sich Unterschiede zwischen links und rechts. Die Wähler der Mitte und rechts davon sind bereit, Lokale aufzusuchen. Linke sind viel zurückhaltender bei dieser Frage, auch wenn sie geöffnet wären. Hier spielt auch mangelndes Vertrauen in die Wirksamkeit der verwendeten Schutzkonzepte eine Rolle.

Bevölkerung steht hinter geöffneten Skigebieten

Besonders Ende des letzten Jahres wurde heftig diskutiert, ob Skigebiete noch offen sein sollen. Nachbarländer äusserten ihren Unmut über die Schweiz, da hiesige Skigebiete offen bleiben durften. Die Befragung zeigt nun, dass eine deutliche Mehrheit der Befragten offene Wintersportgebiete unterstützt. Hier hat der Bundesrat die Stimmung in der Bevölkerung gut antizipiert.

Bundesrat beeinflusst die Meinung auch

Die Stimmung kann auch kippen, je nachdem wie sich der Bundesrat entscheidet. So waren noch im Januar 60 Prozent gegen eine Schliessung der Läden. Im März, nach Öffnung, beurteilte eine Mehrheit der Befragten die Massnahme positiv. Dies zeigt, dass die Meinung die Stimmung der Bevölkerung kippen kann, wenn sie das Gefühl hat, dass die Massnahmen angebracht sind und Wirkung entfalten.

Masken akzeptiert

Ein besonders zu Beginn kontroverses Thema waren Masken. Wochenlang wurde über die Sinnhaftigkeit von Masken diskutiert. Diese sind im Gegensatz zum Frühling 2020 heute durchs Band breit akzeptiert. 79 Prozent der Befragten befürworten eine Maskenpflicht in Einkaufsläden. Im Öffentlichen Verkehr ist die Akzeptanz ebenfalls besonders hoch. Die wichtige Rolle, die Masken im Zurückdrängen der Pandemie spielen, sehen und verstehen die Leute, weshalb sie auch bereit sind, sich an die Regel zu halten.

49’909 Teilnehmer nahmen an der gewichteten Onlinestudie des Forschungsinstituts SOTOMO teil. Durchgeführt wurde sie vom 9. bis 15. März über die Onlinekanäle der SRG nach dem Opt-In-Verfahren. Dies bedeutet, dass die Teilnehmenden sich selber selektioniert haben und von selbst über die Onlineplattformen auf die Umfrage gelangt sind.
Diese Art der Studien ist normalerweise nicht über alle Zweifel erhaben. Es gibt verschiedene Hürden, die dafür sorgen, dass nicht alle Bevölkerungsgruppen teilnehmen. Die Umfrage ist nur zugänglich, wenn man sich schon auf einer Plattform der SRG befindet. Hier passiert der erste Selektionsschritt. Die zweite Selektion findet statt, dass man freiwillig an der Umfrage teilnimmt. Somit sind die Teilnehmenden nicht speziell repräsentativ ausgewählt. Für viele sind die Eintrittschranken mit den geschilderten Hindernissen zu hoch und es werden viele Probanden aussortiert vor Beginn der Umfrage. Um dies zu korrigieren, werden die Werte gewichtet, damit sie der demografischen Verteilung entsprechen und somit repräsentativer sind.

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