Die Schweiz hat die liberalsten Fans – und die Spieler senden ihnen ein wichtiges Signal. Gedanken zu einem grossen Triumph

Die Schweiz hat die liberalsten Fans – und die Spieler senden ihnen ein wichtiges Signal. Gedanken zu einem grossen Triumph

Der Erfolg gegen Frankreich zeigt, wie sehr sich die Schweizer für ihre Nationalmannschaft freuen, ja begeistern können. Dass sie die Spieler manchmal auch kritisieren, gehört zur Erfolgsgeschichte dieses Landes.

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von Sebastian Briellmann am 29.6.2021, 17:05 Uhr
Schweizer Fans ins Bukarerst: Sie fordern, sie fördern. Screenshot: SRF
Schweizer Fans ins Bukarerst: Sie fordern, sie fördern. Screenshot: SRF
Was die Schweizer Fussballnationalmannschaft an diesem durchaus denkwürdigen Montagabend vollbracht hat, mit einem Sieg der Leidenschaft gegen die Grossmacht Frankreich, dem Weltmeister, das verdient Respekt. Es ist in Ordnung, dass dieser grosse Triumph, und nichts weniger ist es, nun mantramässig als «historisch» deklariert wird – endlich, heisst es überall, hat die Schweiz die Erwartungen erfüllt, mit einer Leistung wie gegen Frankreich gar übertroffen.
In diesen Stunden des kollektiven Glücksgefühls darf aber nicht vergessen werden, wie dieser Erfolg möglich geworden ist – und was er über ein Land aussagt, in dem man sich bisher des Eindrucks nicht erwehren konnte, dass die Beziehung zwischen Mannschaft und den Fans mindestens angeknackst war (was weltweit wohl ziemlich einmalig sein dürfte). Nirgendwo sonst fühlen sich Nationalspieler, normalerweise ihrer Funktion wegen schon Helden, vom Volk so wenig geschätzt und verstanden. Und nirgendwo sonst fühlen sich die Fans so wenig hingezogen zu Menschen, denen sie eigentlich ganz selbstverständlich ihre Hochachtung entgegenbringen wollen.

Die kriselnde Beziehung

Die Entfremdung wurde über die letzten Jahre kultiviert mit endlos geführten Debatten über (fehlende) Identifikation und Ernsthaftigkeit. Was dabei zu wenig zur Geltung kommt: Zwischen Doppeladler-Affäre und Blondschopf-Empörung wurde vernachlässigt, was eigentlich die Essenz dieser kriselnden Beziehung war: der fehlende Erfolg.
Man soll ruhig begeistert sein, jetzt, da dieser da ist, aber ein bisschen Realismus in der Euphorie hat noch nie geschadet. Gegen Frankreich wäre auch ein Ausscheiden nun wirklich nicht unrealistisch gewesen – genau so, wie die Schweiz zuvor an Titelkämpfen gegen Argentinien, Polen und Schweden bereits «Geschichte» hätte schreiben können.
Das Team, eine Ansammlung von Hochbegabten, hat sich – so ehrlich muss man sein – nicht stetig verbessert, bis es endlich mit den Allerbesten mithalten konnte; es hat nun endlich geschafft, dass in engen Partien für einmal nur die Schweiz als Sieger vom Schlachtfeld kommen konnte.

Dass Granit Xhaka ein überragender Fussballer ist, daran zweifelt seit bereits zehn Jahren niemand mehr. Aber dass Granit Xhaka auch ein überragender Captain sein kann, dafür musste erst das Spektakel von Bukarest kommen.


Es ist sicherlich ein Zufall, dass dies erst gegen Frankreich der Fall war, aber bezeichnend ist es dennoch: Vielleicht unbewusst, vielleicht aber auch nicht, haben diese am Montag genialen Schweizer – mögen sie nun Shaqiri oder Schär heissen – gezeigt, zu was sie fähig sind. Das wichtigste Beispiel: Dass Granit Xhaka ein überragender Fussballer ist, daran zweifelt seit bereits zehn Jahren niemand mehr. Aber dass Granit Xhaka auch ein überragender Captain sein kann, dafür musste erst das Spektakel von Bukarest kommen.
Als Anführer dieser Unverstandenen ist er mindestens mitverantwortlich, dass von Zwietracht auf einmal gar nicht mehr so viel spürbar ist: Da ist plötzlich bei der Nationalhymne bei jedem die Hand auf dem Herz; eine Geste, die als Annäherung, ja Versöhnung zu verstehen sein kann. Und es ist Leidenschaft auf dem Platz. Es mag selbstverständlich klingen, aber das war es ja nicht in der Vergangenheit. Daran verzweifelten die Fans, darüber enervierten sie sich – und vielleicht, wie es halt so ist im Fussball, auch nicht immer stilvoll.

Das grundlegende Problem

Wenn Nationaltrainer Vladimir Petkovic aber bereits bei leisester Kritik in den Schmoll-Modus schaltet, bei Fragen zu Wasserstoff in den Haaren auf «Menschenrechte» pocht – und Xhaka nach dem Penaltyschiessen gegen die Franzosen von «vielen Mäulern» spricht, die man nun «gestopft» habe: Dann verkennen sie noch immer ein grundlegendes Problem. Sie können oder wollen es nicht verstehen, dass es den Fans nicht um Coiffeure geht, die mit genügend Wasserstoff für blondes Haar ausgerüstet sind, oder um Ferraris im Fuhrpark. Das sind keine Erfindungen von Xhaka und Co. – und gehören in einem Tross von Fussballern längst zum Standardequipment.
Solche Fisimatenten werden zum Menetekel, wenn Spieler mit flotten Sprüchen eine Erwartungen schüren, die sie dann nicht erfüllen – und dafür mit Mätzchen für Schlagzeilen sorgen, während auf dem Platz oft nicht mal die Einstellung gepasst hat.

Der religiöse Eifer

Die Schweizer Fans (und auch die Beobachter) mögen nicht mit Pathos vollgepumpte Menschen sein, die mit beinahe religiösem Eifer euphorisch jedes Spiel ihrer Nationalmannschaft herbeisehnen. Sie haben nicht wie Deutschland 80 Millionen Bundestrainer, sie fordern nicht, wie die feurigen Italiener und Spanier, nach einem Stotterstart acht neue Stürmer, vier neue Torhüter und zwei neue Trainer – und im Fall der Spanier besonders grotesk: mehr Profis, die in der heimischen Liga spielen.
Was sie erwarten, ist, was sie für möglich halten, buchhalterisch austariert. Wird der Einsatz, auch im wörtlichen Einsatz, geleistet, spielt es überhaupt keine Rolle, mit welcher Frisur oder mit welchem fahrbaren Untersatz die Nationalspieler unterwegs sind. Und schon gar nicht, wie jemand heisst oder woher jemand irgendwann in dieses Land gekommen ist. Jeder soll leben, wie er will.
Die Schweizer sind die liberalsten Fans überhaupt. Sie fordern, sie fördern. Sie verkörpern die Erfolgsgeschichte Schweiz. Es gibt berechtigtes Lob und manchmal auch berechtigten Tadel – nicht nur ein bedingungsloses Dafür oder Dawider, es wird debattiert, gestritten, sich versöhnt. Es gibt keine Mäuler, die gestopft werden müssen, wie es Xhaka behauptet. Wir tun nur das, was wir in diesem liberalen Land gelernt haben: unsere Meinung kundtun, selbst wenn sie manchmal wehtut. Das ist ein grosses Privileg.


Dennoch darf man für einmal behaupten: Nur Unbelehrbare hätten ihre Mannschaft kritisiert, wenn es gegen Frankreich knapp nicht gereicht hätte. Weil der Einsatz stimmte, eine feurige Passion zu spüren war. Das wird, natürlich zu Recht, honoriert. Das beweist die Freinacht, die in vielen Nächten auf den grossen Triumph folgte. Wer schlafen konnte, hatte Glück. In den Städten, den sozialen Schmelztiegeln, gab es Multikulti-Parties.
Selbst Politiker suchten die Nähe zu den Bürgern: Isaac Reber, ein Regierungsrat der Grünen im Kanton Basel-Landschaft, rief in den sozialen Medien zur Freinacht und zum Besuch in einem Pub auf.
Würde ein Abgeordneter aus einem anderen Land so etwas tun?
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