Die Quarantäneliste zerstört die Saison für viele Ferienorte

Die Quarantäneliste zerstört die Saison für viele Ferienorte

Gäste aus einer Reihe von Ländern müssen in der Schweiz nach Ankunft zehn Tage in Quarantäne. Diese Massnahme führt für viele Ferienregionen zu einem Totalausfall. Die Hotels erhalten Stornierungen am laufenden Band. Am härtesten trifft sie das Wegbleiben der Briten.

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von Stefan Millius am 3.12.2021, 10:00 Uhr
Bild: Pixabay
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«Innerhalb von zwölf Stunden habe ich Absagen in der Höhe von mehr als 100’000 Franken erhalten»: Das sagt René Hürlimann, Inhaber des «Hotel Alex», einem Luxusresort in Zermatt. Dieses und viele der rund 100 Hotels im Ort lebe touristisch vor allem von Gästen aus Grossbritannien, das auf der Quarantäneliste des Bundesamts für Gesundheit steht – neben den Niederlanden, Belgien, Dänemark und vielen afrikanischen Staaten.
Doch für Zermatt fällt nur das Vereinigte Königreich ins Gewicht. Hürlimann geht davon aus, dass es in Destinationen wie Verbier, St.Moritz oder Pontresina und im Berner Oberland ähnlich aussieht. «Das sind Topgäste, die täglich 1000 bis 2000 Franken ausgeben.»

Frankreich profitiert

Laut dem Hotelier gehen die Briten stattdessen nun scharenweise nach Frankreich. Er wisse von vielen Fällen, in denen Touristen nach Genf fliegen, ein Auto mieten und dann ins französische Chamonix fahren. Das ist ohne Quarantänepflicht möglich, «und die Franzosen lachen sich ins Fäustchen», so René Hürlimann. Der Bundesrat habe angesichts der Omikron-Variante für einmal schnell sein wollen und habe präventiv «absolut das Falsche gemacht, das war eine völlige Überreaktion».
Er ist nicht der Einzige, der das so sieht. Der Walliser Staatsrat Christophe Darbellay nennt im «Walliser Boten» die Quarantäneliste «die negativsten Massnahmen, die Bern seit Monaten ergriffen hat» und spricht von einem schweren Schlag für den Tourismus in seinem Kanton. Im «Blick» sekundiert André Lüthi, Chef des Reiseveranstalters Globetrotter, diese Aussage: Die Branche werde von Annullationen überflutet.

Zu spät für eine Umkehr

Gerüchteweise könnte der Bundesrat die Quarantäneliste heute Freitag bereits wieder aussetzen oder zumindest ausdünnen. Der Schaden sei aber bereits angerichtet, sagt René Hürlimann. «Wer bei uns storniert hat, der hat bereits anderswo wieder gebucht. Für die Weihnachtstage können Touristen nicht einfach abwarten, vor allem nicht die guten Gäste, die in gehobene Häuser wollen.» Niemand werde anderswo ein zweites Mal stornieren und wieder in Zermatt anklopfen.
Anfang September wären die Auswirkungen zu verkraften gewesen, so der Hotelier, doch die Entscheidung sei wegen der kommenden Wintersaison zum schlechtesten Moment gekommen. «Und die Rechnung für die Ausfälle kann ich ja nirgends hinschicken.» Zudem leide die Glaubwürdigkeit des Ferienlandes Schweiz unter der Hauruckaktion.
Verschärfend kommt dazu, dass die betroffenen Destinationen bereits in der Wintersaison 2020/21 unter die Räder kamen und massiv Geld verloren. Die Kurzschlussreaktion des Bundesrats direkt in dem Zeitraum, in dem Gäste noch eine andere Option finden, ist für Zermatt und andere Ferienorte eine wahre Katastrophe.

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