Die Polizei wird (wieder) lernen müssen, gewisse Kritik wegzustecken

Die Polizei wird (wieder) lernen müssen, gewisse Kritik wegzustecken

Die Vorwürfe an die Polizei, belegt mit Videosequenzen, werden dazu führen müssen, gelassener mit Kritik umzugehen.

image
von Markus Melzl am 2.12.2021, 11:00 Uhr
image
Unzählige Medien haben neulich ein Video veröffentlicht, wo zu sehen ist, wie eine Sondereinheit der spanischen Guardia Civil auf den Balearen zwei Deutsche festnimmt, welche des Drogenhandels verdächtigt wurden.
Die beiden Tatverdächtigen sassen vor einem Restaurant und wurden nicht gerade zimperlich von den Beamten zu Boden gedrückt und in Handschellen gelegt. Bei dieser brachialen Aktion war gut zu sehen, dass die Verdächtigen aufgrund der polizeilichen Vorgehensweise keinen Moment daran dachten, sich der Festnahme zu widersetzen. Grund für die Publikation dieser Videosequenz war nicht der Vorwurf an die spanischen Sicherheitskräfte wegen ihrer Vorgehensweise, sondern weil alles sehr spektakulär aussah.
Wenn jedoch eine Schweizer Polizeieinheit bei der Festnahme einer Person etwas härter vorgeht, dann bricht im Blätterwald der Mainstream-Medien das grosse Geheule los. Und selbstverständlich zückt immer jemand seine Handykamera, filmt die Szenerie und publiziert diese auf den sozialen Medien und verklickert die Sache an irgendein Medienunternehmen.
Der weitere Gang ist vorgezeichnet. Journalistinnen und Journalisten befragen Passanten, welche solche Aktionen nur vom Tatort-Krimi her kennen und dabei feststellen, dass die Fernseh-Dramaturgie definitiv nicht mit der Realität verglichen werden kann.
Zudem sind die Hintergründe nicht bekannt und dadurch werden auch die falschen Schlüsse gezogen. Die Pressestellen der Polizeikorps müssen daraufhin in unzähligen Interviews und Statements das Vorgehen erklären oder gar rechtfertigen. Dabei wäre es doch viel einfacher. Wer sich einer Festnahme entziehen will oder sich dagegen zur Wehr setzt und dabei sogar eine Waffe verwendet, löst entsprechende Reaktionen seitens der Polizei aus. Diese können dann schon mal ruppiger ausfallen, wobei es jedermann selbst in der Hand hat, wie Polizistinnen und Polizisten auf sein Verhalten reagieren.
Wer bei „Halt Polizei“ stehen bleibt und sich in einigermassen zivilisiert verhält, wird sich eine körperliche Auseinandersetzung ersparen können. Eine Täter- oder Verdächtigenfestnahme (auch mit Gewaltanwendung) ist ein hoheitliches, polizeiliches Handeln, welches klar in der Strafprozessordnung geregelt ist und kein wettkampfsportlicher Anlass.
Wer jedoch versucht, sich einer Festnahme zu entziehen und mit der Polizei eine Schlägerei anzettelt, soll mit der Kritik etwas zurückhaltend sein, auch wenn er ein paar Blessuren oder ein „Veilchen“ davonträgt.
Der Schweizerische Polizeibeamtenverband (VSPB) spricht von belastenden Seiten im Arbeitsalltag, wenn Kameras und Kommentierer die ständigen Begleiter der Polizei sind. Dies trifft wohl zu, wobei man akzeptieren muss, was nicht zu ändern ist. Deshalb wäre es wichtig, dass Polizistinnen und Polizisten im täglichen Fronteinsatz auf der Strasse gelassener auf diese neuen Umstände reagieren und sich nicht verunsichern lassen.
Hier ist die Politik im hohen Masse gefordert, welche sich hinter ihre Polizei zu stellen hat und nicht bei jeder Festnahme, wo mal die Fäuste fliegen, ein Drama inszeniert.

Mehr von diesem Autor

image

Die Gefahr eines personellen Notstands bei der Polizei ist nicht zu unterschätzen

Markus Melzl13.1.2022comments

Ähnliche Themen

image

Fake News: Hauptsache, der Täter ist ein Jude?

Sebastian BriellmannHeute, 13:30comments