Die Normalität kehrt zurück – fast

Die Normalität kehrt zurück – fast

Der Bundesrat lockert die Corona-Massnahmen und macht das Leben wieder lebenswerter. Aber frei sind wir noch nicht.

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von Serkan Abrecht am 23.6.2021, 13:57 Uhr
Gesundheitsminister Alain Berset  ist mutig. Seine Kritiker stehen bereits in den Startlöchern. (Bild: Ruben Sprich)
Gesundheitsminister Alain Berset ist mutig. Seine Kritiker stehen bereits in den Startlöchern. (Bild: Ruben Sprich)
Schluss mit Schreckensszenarien und Angstmacherei. Die Schweiz macht auf – zumindest für jene, die getestet, geimpft oder genesen sind. Wieder einmal geht Alain Berset (SP) mit den Öffnungsschritten weiter als ursprünglich angekündigt. Die bislang geltende Gästekapazität in der Innengastronomie fällt – draussen sowieso. Grossveranstaltungen haben ebenfalls keine Kapazitätsbeschränkungen mehr. Das Volk erhält seine Spiele zurück.
Die Maskenpflicht in den wenigen Aussenbereichen, in denen sie galt, fällt, ebenso im Büro. Auch Clubs- und Tanzlokale machen maskenlos auf. Natürlich, nur wenn ein Covid-Zertifikat vorgewiesen wird. Die Homeoffice-Pflicht wird bedingungslos aufgehoben. Die Schweiz scheint aus der Krise zu sprinten.
Der Gesundheitsminister ist mutig. Seine Kritiker stehen bereits in den Startlöchern. «Aus meiner Sicht es zu riskant in den Fitnesszentren die Maskenpflicht abzuschaffen. Sie gehen ein Risiko ein», sagt eine Journalistin, fast drohend, genervt. «Wir sind immer Risiken eingegangen», antwortet Berset. Nach der Medienkonferenz wird weiter gemurrt über den rasanten Öffnungsschritt des Bundesrats. Doch Berset ist es sich wohl mittlerweile gewohnt. Viel Feind, viel Ehr.

Normalität, doch keine Freiheit

Obwohl die Schweiz mit den Öffnungen weiter geht als ihre Nachbarländer – einmal mehr –, ist die Freiheit noch nicht zurück. Wer kein Zertifikat besitzt, für den gibt es nämlich keine Freiheit. Doch Alain Berset hält sein Versprechen ein: Wer nicht impfen will, muss nicht und erhält weiterhin Zugang zum öffentlichen Leben. Doch getestet werden muss. Wer sich nicht alle 72 Stunden ein Stäbchen in die Nase schieben lässt, den lässt der Türsteher nicht in den Club. Nur drei Tage lang ist das Zertifikat bei einem negativen Test nämlich gültig. «Es lohnt sich wirklich zu impfen», wiederholt Berset die Parole.

Es ist die Aufforderung nachzugeben, die Parole von mehr oder weniger sanftem Zwang. Impfen darf man, testen muss man – sonst wird es nichts mit der Freiheit.


Weiter besteht die Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr – weil dort keine Registrierungspflicht gelte und somit kein Tracing möglich ist. Ob die Menschen wirklich noch eine Maske im ÖV tragen, während sie fast überall wegfällt, wird sich zeigen. Der Bundesrat hofft auf Disziplin.
Ja, Normalität kehrt zurück, aber die Freiheit nicht. Der Bundesrat hält die Bevölkerung an der langen Leine, aber er hält die Leine weiter fest in der Hand. Die besondere Lage besteht weiter und gibt dem Bundesrat die Macht, via Verordnungen durchzuregieren. Ohne die besondere Lage hätte er die Bestimmungen zum Covid-Zertifikat nicht eigenhändig erlassen können. Das ist das bundesrätliche Kalkül.
Der Öffnungsschritt ist ein grosser Schritt. Doch er ist notwendig, weil alles andere nicht zu rechtfertigen wäre. Die Infektionszahlen sinken rapide, die Hospitalisierungen sowieso, Todesfälle gibt es kaum mehr – und die Menschen impfen, was das Zeug hält. Die Schweiz macht auf.

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