Die Impfung als Patentlösung? Die Realität sieht anders aus

Die Impfung als Patentlösung? Die Realität sieht anders aus

In der Schweiz soll die Impfung die Normalität zurückbringen. Andere Länder sind aber trotz hohen Impfquoten weit weg von Normalität.

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von Stefan Bill am 19.8.2021, 12:30 Uhr
Bild: Shutterstock
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Die Drei-G-Regel existiert bald nur noch in der Theorie. Tests sind verpönt. Der Druck auf die Ungeimpften steigt. Denn die Impfung ist der einzige Weg aus dieser Krise – so lautet zumindest das Narrativ, das weltweit vorherrscht.
Der «Tages-Anzeiger» schreibt dazu heute: «Inzwischen scheint das Alter nicht mehr der entscheidende Faktor für komplizierte Verläufe zu sein, sondern die Impfbereitschaft.» Und auch die Corona-Taskforce stösst noch immer in das gleiche Horn und twitterte kürzlich von «hoch wirksamen Impfstoffen».
Doch Meldungen aus anderen Ecken der Welt lassen Zweifel an der hohen Wirksamkeit aufkommen. Der ehemalige Impfweltmeister Israel hat beispielsweise bereits 5,8 Millionen von rund 9 Millionen Einwohner geimpft. Trotzdem meldete das Land am Dienstag 8728 neue Corona-Fälle, der höchste Wert seit über einem halben Jahr. Gemäss Angaben des Ministeriums schütze die Impfung nur noch zu 39 Prozent. Massnahmen müssen ergriffen werden. In dem Land, das als erstes nach monatelangen Lockdowns wieder fast ohne Einschränkungen auskam, gilt ab heute die Zertifikatspflicht in fast allen Bereichen – und das bereits für Kinder ab 3 Jahren.
Gegen die tiefe Schutzwirkung der Impfung hat Israel glücklicherweise eine Lösung gefunden: Man impft einfach noch einmal. Bereits letzten Monat hat Israel damit begonnen, Personen ab 60 Jahren ein drittes Mal zu impfen. Seit dieser Woche können auch Personen ab 50 diesen Schritt gehen. Doch nützt das wirklich etwas? Vierzehn Israelis haben sich bereits trotz dem dritten Pieks mit Corona infiziert, zwei davon wurden hospitalisiert. Das meldete «The Times of Israel» vor rund zehn Tagen.

Mehr als die Hälfte der neuen Fälle sind Geimpfte

Israel ist nicht das einzige Land, das zu viel von der Impfung erwartet hat. In Island zeigt sich ein ähnliches Bild. Das Land hob Ende Juni alle Einschränkungen auf, da die Herdenimmunität erreicht sei, wie damals der Epidemiologe des Landes, Thorolfur Gudnason, sagte. 87 Prozent der Einwohner über 16 Jahre waren an Islands «Freedom Day» Ende Juni bereits mindestens einmal geimpft.
Doch nun hat sich die Lage geändert. Mittlerweile weist das Land wieder eine 14-Tage-Inzidenz von 393,2 pro 100’000 Einwohner auf. Das sind Rekordwerte für den Inselstaat. Und das obwohl laut Covid.is inzwischen sogar 86,3 Prozent der Personen ab 16 Jahren vollständig geimpft sind.
Von Herdenimunität ist nicht mehr die Rede. Dafür wird mittlerweile davon gesprochen, dass es ein Fehler war, Geimpften einen Vorteil zu gewähren. Die Isländische Zeitung «Morgunblaðið» berichtete anfangs dieser Woche, dass von den 55 Fällen, die am Sonntag diagnostiziert wurden, 32 vollständig geimpft waren. Und gemäss dem Nationalen Universitätsspital waren von den sechs Personen, die sich am Dienstag auf der Intensivstation befanden, fünf geimpft.
Gudnason stellt daher fest, dass auch Geimpfte das Virus relativ leicht weitergeben. Deshalb werden seit Ende Juli auch negative Corona-Tests von Geimpften und Genesenen verlangt – während bei uns die Abschaffung kostenloser Tests gefordert wird.
Doch auch in Island findet man eine Lösung für das Problem. Da nur 40 Prozent der Bevölkerung einen Vektorimpfstoff, also keinen mRNA-Impfstoff, erhalten hat, diese Gruppe aber über die Hälfte der Infizierten ausmacht, geht man davon aus, dass Vektorimpfstoffe weniger Schutz bieten.
Darum soll gemäss der «Iceland Review» noch diese Woche damit begonnen werden, die 53’290 Personen, die den Johnson & Johnson-Impfstoff erhalten haben, ein drittes Mal zu impfen – und zwar entweder mit dem Moderna- oder dem Pfizer-Impfstoff. Ob die Impfungen effektiver werden, wenn man sie kombiniert, wird sich wohl zeigen.
«Krankheit und Tod haben die Menschheit immer begleitet und werden dies auch weiterhin tun. Es ist offensichtlich, dass Impfungen nicht ausreichen, um diese Tatsache zu ändern»

Fréttablaðið, grösste Tageszeitung Islands

Seit Anfang August erhalten zudem auch Lehrer und Schulpersonal eine Auffrischungsimpfung. Und das ist nicht alles. Wie die «Iceland Review» weiter berichtete, hat der Gesundheitsminister neue Vorschriften verabschiedet. Diese sehen vor, dass alle Passagiere einen negativen PCR-Test vorlegen müssen, bevor sie ein Flugzeug nach Island besteigen dürfen. Doch gemäss Islands grösster Tageszeitung «Fréttablaðið», enthalten die neuen Vorschriften keine Klausel für Personen, die sich von einer Ansteckung erholt haben, aber dennoch von den empfindlichen PCR-Tests als positiv eingestuft werden.
Dies, weil das Erbgut des Virus nach der Genesung noch einige Wochen nach der Infektion in den Atemwegen gefunden werden kann.
Daher können selbst Isländer teils nicht in ihr Land einreisen, obwohl sie genesen sind. Zudem sind die Quarantäneregeln sehr streng. Zurzeit befinden sich in Island 3261 Menschen in Quarantäne. 1169 sind mit einer aktiven Infektion in Isolation.

Keine Krise in Island

Die «Fréttablaðið» schreibt aber, dass es in Island keine Krise gäbe. Vielmehr beklagt sie die grossen Einschränkungen, die das Land trotz der hohen Impfbereitschaft wieder hinnehmen muss. «Wäre die Welt bisher frei von Krankheit und Tod gewesen, wäre dies alles aufgrund der Ansteckung sehr verständlich gewesen. Krankheit und Tod haben die Menschheit jedoch immer begleitet und werden dies auch weiterhin tun. Es ist offensichtlich, dass Impfungen nicht ausreichen, um diese Tatsache zu ändern.»
Die Hoffnung auf ein normales Leben, sobald ein Grossteil der Bevölkerung zweimal geimpft ist, ist also im besten Falle naiv. In Island sei es lange her, dass die Regierung die Botschaft an die Nation gesendet habe, dass das Ziel ein normales Leben im Land sei, schreibt die «Fréttablaðið»: «Es ist fast so, als ob die Behörden beginnen, die ungewöhnliche Situation als normal zu betrachten und ausdrücklich von anderen die gleiche Ansicht zu erwarten». Und das im Land mit der höchsten Impfquote Europas.

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