Die Gurke der Woche: Haltung vor Leistung bei «Kulturplatz»

Die Gurke der Woche: Haltung vor Leistung bei «Kulturplatz»

Eine Ode an drei Übersetzerinnen in der Sendung «Kulturplatz» des SRF verfängt nicht. Wichtige Hintergründe bleiben unerwähnt.

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von Sebastian Briellmann am 9.4.2021, 12:00 Uhr
Foto: Shutterstock
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Seit sich, oh Schreck, auch Weisse an der Übersetzung von Amanda Gormans Gedicht «The Hill We Climb», das sie an der Inauguration von US-Präsident Joe Biden präsentierte, versucht haben, ist in der Literaturszene ein feuriger Streit entbrannt: Dürfen auch Weisse Texte von Schwarzen übersetzen? In Frage gestellt wird, ob sich Weisse in Minderheiten hineinfühlen können, ihre Gedanken richtig wiedergeben können. Einigen weissen Übersetzern wurde der Auftrag kurzerhand wieder entzogen.
Es ist gut, dass auch der «Kulturplatz» des SRF sich diesem Thema annimmt. Der abstruse Versuch, mehr Diversität durch mehr Einengung zu erreichen, hätte eine vertiefte Auseinandersetzung verdient.

Nicht mehr woke genug...

Das Resultat verkommt jedoch zur Ode; an die Lyrikerin, die die «Welt verzauberte», und ein «Signal an ein Amerika» sendet, «das erwacht, und den Albtraum abschütteln will, den das Land so sehr spaltet»; und auch an den Verlag «Hoffmann und Campe», der drei Frauen mit unterschiedlichen «Erfahrungswelten» als Übersetzerinnen engagiert hat. Man hätte auch sagen können: Frauen mit unterschiedlicher Herkunft, Hautfarbe, Religion. Aber das ist natürlich nicht mehr woke genug.
Das Trio – bestehend aus der Übersetzerin Uda Strätling, der Rassismusforscherin Hadija Haruna-Oelker und der Autorin Kübra Gümüşay – ist ganz begeistert ob ihrer gemeinsamen Arbeit. Und darf diese unhinterfragt bewerben. So geht Fortschritt, so geht Inklusion und Intersektionalität. Toll. Oder?
Naja. Nehmen wir Gümüşay, auch in Schweizer Medien gefeiert als Feministin und Anti-Rassistin. Bei ihr wird vieles gerne ausgeblendet: ihre Verbindung zur islamistischen Bewegung «Millî Görüş», ihre Verbundenheit mit dem Islamwissenschaftler Tariq Ramadan, der als Vordenker des Islamismus gilt. Über eine ihrer Kolumnen hat sie auch schon mal diesen Titel gesetzt: Salafismus als Ausweg.

«Doppelzüngigkeit»

Und nach der Kölner Silvesternacht war sie eine gewichtige Stimme der Bewegung #ausnahmslos. Die Zeitschrift «Emma» von Alice Schwarzer schrieb danach treffend: «Die Ausnahmslos-Frauen bezichtigten jeden des ‹Rassismus›, der es wagte, darauf aufmerksam zu machen, dass es sich bei den Tätern überwiegend um junge Männer aus traditionell patriarchalen und islamistisch verhetzten Ländern gehandelt habe.» Gümüşay klagte danach gegen die «Emma» – unterlag aber in diesem Punkt. Die deutsch-türkische Rapperin und Feministin Lady Bitch Ray kritisierte Gümüşay für ihre «Doppelzüngigkeit».
Kein Wort darüber im «Kulturplatz». Und ob ausgerechnet eine Autorin, die sich gewissen islamistischen Einflüssen zumindest nicht entziehen kann, die passende Wahl ist (und nicht eine unstrittige Autorin, die jedoch zufällig weiss ist): Darüber hätte man gerne mehr erfahren.
Worüber ebenfalls den Mantel des Schweigens gehüllt wird: Die Übersetzung der Damen Gümüşay, Haruna-Oelker und Strätling wird von den deutschen Medien zerrissen. Leistung vor Haltung: Ist das dem «Kulturplatz» zu wenig inklusiv?
Unter der Rubrik «Die Gurke der Woche» küren wir die gewagteste Mediengeschichte der Woche. Schauen Sie vorbei, wenn wir jede Woche eine neue Geschichte ehren. Was stimmt, was ist übertrieben, was ist schlicht falsch? Der Nebelspalter spaltet den Nebel.

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