Die Gurke der Woche: Die Stunde der Alarmsirenen

Die Gurke der Woche: Die Stunde der Alarmsirenen

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von Sebastian Briellmann am 16.4.2021, 11:30 Uhr
Foto: Shutterstock
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Hauptsache, Panik? Noch vor Inkrafttreten der bundesrätlichen Lockerungen hören wir überall die Warnsignale. Und von den Medien werden diese unwidersprochen transportiert.

Am Tag eins nach den Lockerungen des Bundesrats treten die Kritiker auf den Plan. Öffnungen, jetzt, wirklich? Geht gar nicht. Schliesslich hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) am Donnerstag 21 Todesfälle gemeldet – so viele seit Mitte Februar nicht mehr. Die Meldung verbreitet sich schnell, Pushmeldungen werden abgesetzt. Dass 17 der 21 Fälle aus Nachmeldungen aus dem Zeitraum zwischen September und März stammen: Das geht dann gerne vergessen. Zum Beispiel in den Tickern von CH Media oder in der Corona-Infobox der Bern-Ausgabe der Pendlerzeitung «20 Minuten».
Hauptsache, Panik? Es ist die Stunde der Alarmsirenen. Auch Mediziner zeigen sich besorgt: Peter Steiger, stellvertretender Direktor der Intensivmedizin am Unispital Zürich (USZ), warnt im «Blick» und in der «Neuen Zürcher Zeitung» vor der dritten Welle, die bereits da sei. Dann schlägt er unwidersprochen Alarm. Die Intensivstationen des USZ seien voll. Er sagt am Donnerstag: «Heute Morgen hatten wir noch ein freies Intensivbett.» Und: «Es nimmt massiv zu, wir jonglieren mit Betten.» Zudem würden die Patienten immer jünger: Ein Drittel sei über 70, ein Drittel zwischen 60 und 69, ein Drittel unter 60. 25 Prozent seien zudem jünger als 50, 13 Prozent unter 40.
Was er nicht sagt: Um wie viele Fälle es sich eigentlich handelt. Oder warum die Patienten jünger werden. Weil die Älteren durch die Impfung einen besseren Schutz geniessen? Weil auch weniger schwere Fälle behandelt werden? Oder weil tatsächlich mehr Junge an Corona sterben? Die aktuellste Statistik des BAG besagt: Zwischen dem 1. und 11. April gab es bisher keine Todesfälle von unter 50-Jährigen.

Voodoo-Virus?

Ebenfalls alarmistisch mutet die Klage von wenig freien Betten an: Auf einer Intensivstation ist es völlig normal, dass der Platz eng wird, wenn Patienten nach Operationen dorthin verlegt werden. Dies könne mehrmals pro Woche geschehen, sagen Ärzte. Meistens sei dies am Morgen der Fall. Im Verlauf des Tages werde wieder Platz frei und alles nehme seinen gewohnten Lauf. Insgesamt sind die Intensivstationen in der Schweiz derzeit zu 72 Prozent ausgelastet. Kein besorgniserregender Wert. Und von allen Patienten auf der IPS werden 24 Prozent wegen einer Corona-Erkrankung behandelt.
Noch vor Inkrafttreten der Lockerungen am Montag werden also bereits wieder Schreckensszenarien an die Wand gemalt. Als ob die Zahlen von heute irgendeinen Zusammenhang mit den bundesrätlichen Entscheiden von vorgestern hätten. Es scheint fast, als hätten wir eine neue Mutation, ein Voodoo-Virus, das sich die bundesrätlichen Entscheide durchliest und uns dann subito höhere Zahlen beschert.
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