Die grosse Anbiederung. Von groovenden Geistlichen und Lehrern, die sich wie Teenies kleiden

Die grosse Anbiederung. Von groovenden Geistlichen und Lehrern, die sich wie Teenies kleiden

Jetzt ist wieder die Zeit, in der Jugendliche jenen Erwachsenen begegnen, die sie in den kommenden Jahren unterrichten werden. Die bestimmen, wo es lang geht. Statt Klartext herrscht aber meistens Anbiederung. Muss das sein?

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von Gottlieb F. Höpli am 20.8.2021, 07:04 Uhr
Cool? Grooverender Geistlicher. Foto: Shutterstock
Cool? Grooverender Geistlicher. Foto: Shutterstock
Lernziele, Prüfungsanforderungen, Stundenpläne werden bekanntlich nicht von Jugendlichen definiert, sondern von Pädagogen, Experten, oft auch von Lehrmeistern oder Pfarrern. Handle es sich um das Gymnasium, die Berufsmittelschule, die Lehrstelle oder den Konfirmationsunterricht. Daran hat sich seit Jahrzehnten wenig geändert.
Experimente, in denen jene die Ziele bestimmen sollten, die sie gar nicht kannten, sind in der Realität inzwischen allesamt ziemlich klanglos untergegangen. Was von den schönen Visionen der 68er-Generation in der Bildung übriggeblieben ist, das ist nur noch die Hülle: Man spielt den Jugendlichen vor, sie hätten gleichen Einfluss auf das, was in den kommenden Jahren mit ihnen passiert, wie ihre Lehrer oder Vorgesetzten.
In der ersten Begegnung mit den Jugendlichen spielen manche dieser Erwachsenen deshalb gerne das partnerschaftliche Spiel von der «gleichen Augenhöhe» vor. Von Zielen, die nicht immer klar kommuniziert werden, die aber «gemeinsam» erreicht werden sollen. Ja hat denn der Erwachsene diese Ziele noch nicht erreicht, mag sich der Jugendliche fragen. Hauptsache, es wird erst mal eine flauschige Atmosphäre geschaffen, in der sich die Jugendlichen wohlfühlen sollen.

Jeans, Hoodie, Pullover

Als gutes Mittel, eine solche Wohlfühlstimmung zu schaffen, gilt die Angleichung des Erwachsenen-Outfits an das Äussere der Jugendlichen. Hatten sich die Jungen einst mit einem möglichst «erwachsenen» Aussehen – Anzug, weisses Hemd, Krawatte – bemüht, in die Erwachsenenwelt einzutreten, so geben die Erwachsenen heute ihrerseits vor, mit lockerer Kleidung – Jeans, Hoodie, Pullover – als Teil der jungen Generation zu erscheinen. Was sie natürlich nicht sind. Anbiederung auch in der Sprache: Vorname, am besten gleich ein cooler anglisierter Rufname sollen den Unterschied einebnen, der ja nicht nur Altersunterschied, sondern auch Machtgefälle bedeutet. Wers glaubt...
Dumm nur, dass die Jugendlichen den Älteren in ihrer Erscheinung immer wieder einen Schritt voraus sind. Denn sie bestehen auf der optischen und sprachlichen Distanz. Weil sie den realen Unterschied sichtbar macht. Dessen Vertuschung sie, mit Recht, als höchst verdächtig empfinden. Deshalb tun sie alles, um der Anbiederung zu entkommen. Heben sich mit immer neuen Stilmitteln ab. Das wirkt auf die Älteren oft befremdlich, ja unverständlich – und will es auch sein!

Gitarre, Gospel, Groove

Besonders anfällig für die Anbiederung bei der jungen Generation scheinen leider viele Vertreter der Kirchen zu sein: Legeres Outfit (Jugendarbeiter Hampi erscheint in kurzen Hosen, die Konfirmanden in langen), Gitarre, Gospel, ausschliesslich englische Musiktitel sind vielerorts Standard. Es muss schliesslich, wie ich kürzlich in einem Kirchenboten las, «grooven» im Gottesdienst! Wie wenn das der USP (der Unique Selling Point) der Kirchen wäre!
Auch wenn der Wind an einigen Orten wieder zu drehen beginnt, scheint Anbiederung noch immer die verbreitetste Methode der ersten Kontaktaufnahme zu sein. Sie stösst bei der jungen Generation mit Recht auf Misstrauen, weil sie vertuscht, dass die Erwachsenen auf dem Weg zu den neuen Zielen mehr zu sagen, mehr zu bestimmen haben als jene, die am Anfang dieses Weges stehen. Klartext wäre ihnen lieber. Denn nur in einer Konstellation, in denen die Rollen wieder klarer sichtbar werden, wird es ihnen möglich, den eigenen Weg zu finden.

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