Die Fifa vor dem Abgang aus Zürich

Die Fifa vor dem Abgang aus Zürich

Der Weltfussballverband eröffnet Büros im Herzen von Paris. Dies könnte der Beginn der Verlegung des Hauptsitzes von Zürich an die Seine sein.

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von Thomas Renggli am 30.6.2021, 10:06 Uhr
Hauptgebäude der Fifa in Zürich (Bild: Shutterstock)
Hauptgebäude der Fifa in Zürich (Bild: Shutterstock)
Jahr für Jahr stand Zürich jeweils im Januar im globalen Schaufenster – wenn im Kongresshaus anlässlich der Fifa Ballon d’Or-Gala die besten Fussballerinnen und Fussballer ausgezeichnet wurden. Der Anlass besass nicht nur werbetechnisch grösste Ausstrahlung – auch das lokale Gewerbe profitierte in hohem Masse: die Luxushotels waren voll, die Fünfsterne-Restaurants empfingen spendable Gäste, die Bijouterien und Modeboutiquen an der Bahnhofstrasse überbrückten das Januarloch. Limousinen- und Catering-Service genossen Hochkonjunktur. Trotz Avancen aus dem Ausland für den Glamour-Event hielt der frühere Fifa-Präsident Sepp Blatter eisern am Standort Zürich fest.
Sein Nachfolger Gianni Infantino dagegen verfolgte andere Pläne. Er benannte den Anlass in «The Best FIFA Football Awards» um - und zieht damit mittlerweile von Land zu Land. Und der Ballon d’Or kehrte nach Paris zurück. Aber nicht nur die Preiszeremonie ist aus Zürich verschwunden. Sukzessive verlagerten sich die Fifa-Aktivitäten ins Ausland. Die im Vierjahresrhythmus stattfindenden Wahlkongresse wurden ebenso abgezogen wie die früher zweimal pro Jahr am Fifa-Hauptsitzt durchgeführten Kommissionssitzungen. Es waren Anlässe, die die globale Fussballgemeinde an die Limmat zogen und beträchtlichen Umsatz generierten.
Der Weltfussballverband ist auch ein Tourismusfaktor. Das attraktive Fifa-Museum könnte jährlich mehrere Tausend Besucher in die Schweiz locken und ein attraktives Schaufenster für den Fussball bieten – bei richtiger Promotion und einem ehrlichen Bekenntnis. Doch die aktuelle Fifa-Leitung hat sich faktisch vom Projekt abgewendet und würde das Museum am liebsten schliessen oder ins Ausland verlegen.
Trotzdem strahlt die Ära Blatter noch immer. Der jährlich an Auffahrt stattfinde Blue Stars/Fifa-Youth Cup wurde zu einem Fixpunkt im internationalen Kalender. Er gilt als bestbesetztes Junioren-Turnier der Welt und liefert eine eindrückliche Talentschau der Stars von morgen. Zudem investiert die Fifa in den lokalen Sport. In Blatters Präsidialzeit spendete der Verband allein 2012 25 Millionen Dollar an die Stadt Zürich, unter anderem für die Erneuerung der bestehenden Sportplätze und die Förderung des Mädchen- und Frauenfussballs.
Eine Studie zum wirtschaftlichen Einfluss von internationalen Sportorganisationen in der Schweiz zeigt auf, dass der Weltfussballverband mit 408 Millionen Schweizer Franken zur Bruttowertschöpfung beiträgt. Der Geschäftsbericht der Fifa weist zudem für Zürich Steuern von 17 Millionen US-Dollar aus – in der Schweiz sind es 37 Millionen Dollar. 2021 ist die Fifa mit rund 1000 (gut bezahlten) Jobs in Zürich einer der attraktivsten und verlässlichsten Arbeitgeber.
All diese Fakten wurden am 27. Mai 2015 ausgeblendet – als die Schweizer Bundespolizei im Hotel Baur au Lac am Vorabend des Wahlkongresses sieben hohe Funktionäre vom Bett direkt in die Untersuchungshaft holte. Die Reporter der «New York Times» waren bereits vor Ort und lösten einen solchen Mediensturm aus, dass die Fifa noch vor Sonnenaufgang (in der Schweiz) zum Öffentlichkeitsthema Nummer 1 wurde. Im Home of Fifa schlug die Meldung ein wie der sprichwörtliche Blitz aus heiterem Himmel. Als Sepp Blatter bei der damaligen Bundespräsidentin und Justizministerin Simonetta Sommaruga nachfragt, weshalb er keinen Hinweis auf die Aktion erhalten habe, liess die Politikerin ausrichten: «Ich weiss nicht, weshalb sicher Herr Blatter aufregt. Sein Name befand sich schliesslich nicht auf der Liste mit den verdächtigen Personen.» Der damalige Sportminister Ueli Maurer, der den Fifa-Kongress eröffnete, sagte zum Verhalten von Sommaruga: «Sie hat in unserem Plenum niemanden informiert.»
Sechs Jahre später gerät Zürich als Fifa-Standort weiter ins Abseits. Der Verkauf des Hotels Ascot durch den Verband war ein erstes Zeichen, das Verbot an die Betreiber des (Fifa-eigenen) Restaurants Sonnenberg, den Namen des Weltverbandes in irgendeiner Form zu verwenden, ein anderes. Auch von diversen Immobilien am Zürichberg will sich die Fifa trennen. In einem Schreiben an die Mieter heisst es: «Falls Sie am Erwerb der Liegenschaft interessiert sind, bittet der Eigentümer, sich direkt an UBS Real Estate zu wenden. Bitte beachten Sie dabei, dass nur der Verkauf der ganzen Liegenschaft geprüft wird und nicht der Verkauf einzelner Wohnungen».
Und nun kommt die Ankündigung, diverse Abteilungen und Dienstleitungen der Fifa nach Paris zu verlegen – in jene Stadt also, in der der Verband 1904 gegründet worden war. Wie die Zeitung «Le Monde» berichtet, bezieht die Fifa Büroräumlichkeiten auf einer Fläche von 6000 m2 im «Hôtel de la Marine» am Place de la Concorde. Zwar liess der Verband eine Anfrage auf eine Bestätigung dieser Information unbeantwortet, doch soll schon bald offiziell über den Umzug informieren.
Überraschen kann dieser Schritt nicht. Bereits im Oktober 2020 hatten sich im Elysée-Palast der französischen Staatschef Emmanuel Macron, Fifa-Präsident Gianni Infantino sowie der Präsident des französischen Fussball-Verbandes, Noël Le Graët, darauf geeinigt, in Paris im Jahre 2021 einen Vorposten der Fifa zu eröffnen. Dabei spielen offensichtlich auch die Verbindungen zwischen Frankreich und dem nächsten WM-Veranstalter Katar eine wichtige Rolle. Denn es ist kaum ein Zufall, dass im Hôtel de la Marine ab diesem Herbst die königliche Kunstsammlung aus Katar zu sehen ist – mit mehr als 6000 Werken und Objekten.
Aber wie kam die Fifa überhaupt nach Zürich? Im Zuge einer geplanten Reorganisation stellte das Exekutiv-Komitee am 20. Fifa-Kongress in Berlin 1931 den Antrag, dass ein erster ständiger Unternehmensstandort für die Fifa eingerichtet werden sollte. Die Wahl fiel mit 14 zu 11 Stimmen auf Zürich vor Paris.
Nach diversen Standortwechseln innerhalb der Stadt konnte im Mai 2006 schliesslich der neue Hauptsitz an der Fifa-­Strasse 20 auf dem Zürichberg bezogen werden. Seither ist das 134 Meter lange, 41 Meter breite und 12 Meter hohe Gebäude der Schweizer Architektin Tilla Theus nicht nur Arbeitsplatz für die Fifa-Mitarbeitenden, sondern auch Ausflugsziel für viele Touristen und Begegnungszentrum von Fussball-Anhängern aus der ganzen Welt.
Geht es nach Infantinos Plänen, könnte es damit schon bald vorbei sein – und der Fifa-Hauptsitz zu einer seelenlosen Hülle verkommen. Sepp Blatter sagt dazu: «Es ist ein Szenario, das es unbedingt zu verhindern gilt. Denn was wir an der Fifa haben, werden wir erst merken, wenn sie nicht mehr da ist.»
So ist Paris als Vorposten wohl nur eine Momentaufnahme. Denn zwischen Macron und Infantino soll eine Absichtserklärung bestehen, wonach eher früher als später der offizielle Sitz der Fifa in die französische Hauptstadt verlegt wird – nach 89 Jahren in Zürich. In den bisherigen Räumlichkeiten auf dem Zürichberg und in der Innenstadt sollen nur einzelne Abteilungen verbleiben. Damit würde eine neun Jahrzehnte lange Geschichte abrupt zu Ende gehen. Einst war die Fifa von Paris nach Zürich gezogen, weil «sie sich in einem politisch neutralen und sicheren Land» niederlassen wollte. Eigentlich hat sich an dieser Ausgangslage nicht viel geändert.

Thomas Renggli ist freier Journalist und Autor. Zwischen 2012 und 2015 arbeitete er auf der Kommunikationsabteilung der Fifa, unter anderem als persönlicher Mitarbeiter des damaligen Präsidenten Sepp Blatter.

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