Die Erhöhung des Rentenalters ist ein Entscheid der Vernunft

Die Erhöhung des Rentenalters ist ein Entscheid der Vernunft

Der Nationalrat ist dem Ständerat gefolgt und will das Rentenalter der Frauen um ein Jahr auf 65 Jahre anheben.

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von Dominik Feusi am 9.6.2021, 14:12 Uhr
Das höhere Rentenalter lässt sich mit der höheren Lebenserwartung begründen. (Bild: shutterstock)
Das höhere Rentenalter lässt sich mit der höheren Lebenserwartung begründen. (Bild: shutterstock)
Mit der Abstimmung ist der wichtigste Entscheid in der laufenden Altersreform gefallen. Männer und Frauen würden damit wieder gleichbehandelt – wie bei der Gründung der AHV. Links lief vergeblich gegen die Änderung Sturm. Das letzte Wort haben die Stimmbürger voraussichtlich nächstes Jahr an der Urne.
Wenige Politikfelder sind im Grunde so einfach wie die Altersvorsorge. Es gibt auf der einen Seite Einnahmen in Form von Lohnprozenten und Steuern und auf der anderen Seite Ausgaben in Form von Renten. Und es gibt einen Zeitpunkt, ab dem diese Renten ausbezahlt werden.

Eine Milliarde Verlust pro Monat

Seit Jahren geht die Rechnung aus diesen drei Faktoren nicht mehr auf. Betrachtet man das reine Umlageverfahren, also was an Einnahmen aus Lohnprozenten verteilt werden kann, fehlen jeden Monat eine Milliarde Franken. Selbst mit der Querfinanzierung aus Steuergeldern fehlt noch rund eine Milliarde pro Jahr. Tendenz steigend. Weiter so wie bisher ist also keine Option.
Weil das System der AHV so einfach ist, gibt es genau drei Möglichkeiten, das Sozialwerk am Leben zu halten: die Einnahmen erhöhen, die Renten senken oder das Rentenalter nach hinten verschieben.

Noch nicht nachhaltig

Ersteres wurde in den letzten 25 Jahren mehrfach gemacht, Zweiteres ist nicht gewollt. Also bleibt nur die dritte Variante. Und das Schöne an ihr ist, dass sie sich auch noch mit der längeren Lebenserwartung begründen lässt. Sachgerechter als die Erhöhung auf 65 für beide Geschlechter wäre nur, das Rentenalter gleich an die Lebenserwartung zu koppeln, wie es die Renteninitiative der Jungfreisinnigen vorschlägt. Denn was der Nationalrat beschlossen hat, geht zwar in die richtige Richtung, saniert die AHV jedoch nicht nachhaltig.
Links hat man das Rentenalter allerdings zu einem Tabu erkoren. Und wer den argumentativen Notstand der klassenkämpferischen Linken erleben wollte, wurde in der Debatte im Nationalrat nicht enttäuscht. Da wurden angebliche Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern ins Feld geführt, die statistisch weiterhin nicht erwiesen sind oder abenteuerlich hochgerechnete Nachteile aus der Kindererziehung ins Feld geführt, obwohl Frauen längst Kindergutschriften erhalten und in Sachen Kinderbetreuung wohl besser direkt mit ihren Männern reden, statt vom Staat ein früheres Rentenalter verlangen sollten.

Linke auf der Seite des Patriarchates

Die Ironie des linken Geschlechterkampfs gegen die Erhöhung liegt aber in der Geschichte der Bevorteilung. Das tiefere Rentenalter wurde den Frauen in den 50er-Jahren gewährt, damit die meist jüngeren Ehefrauen gleichzeitig mit ihren Männern in die Pension gehen konnten. Heute verteidigen die angeblich progressiven Linken das paternalistische Überbleibsel des Patriarchats mit Zähnen und Klauen.

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