Die Empörungsspirale

Die Empörungsspirale

Wie sich immer mehr Menschen empören, und was das mit ihnen macht. Gedanken eines Nichtempörten.

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von Mathias Binswanger am 30.12.2021, 11:00 Uhr
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Neben anderen Dingen hat die Corona-Pandemie auch gezeigt, dass Menschen sich gerne empören. In fast allen Alters- und Bevölkerungsgruppen lag ein Empörungspotential brach, das durch die Pandemie neu zum Leben erweckt wurde. Schnell war Schluss mit dem in Schönwetterlagen praktizierten Motto «leben und leben lassen» Neu waren «besser wissen», «Finger zeigen» und «verurteilen» angesagt. Denn mit einem klaren Feindbild lebt es sich irgendwie einfacher.
Es begann damit, dass die Pandemie auf zwei unterschiedliche Menschentypen traf. Einen eher seltenen, freiheitsliebenden, obrigkeitskritischen Menschen, der sich über jede Einschränkung der Freiheit empörte. Und andererseits einen eher häufigen, sicherheitsliebenden, obrigkeitsgläubigen Menschen, der sich von Anfang darüber beschwerte, dass die zuständigen Stellen zu spät und zu wenig drastisch reagieren. Zwar gab es zu Beginn noch viele Unentschlossene, die nicht so recht wussten, zu welcher Kategorie sie gehören. Aber mit der Zeit fanden die meisten ihren Platz und reihten sich in das eine oder andere Lager ein.
Damit war die Bühne frei für eine bis heute andauernde Empörungsspirale. Die freiheitsliebende Seite empörte sich, dass die Wirtschaft mit Lockdowns abgewürgt wurde. Auf der Gegenseite empörte man sich darüber, dass wirtschaftliche Interessen offenbar wichtiger waren als der Erhalt von Menschenleben, weil zu kurze und zu wenig drastische Lockdowns verhängt wurden. Die Reaktion war eine Empörung über die unmenschliche Behandlung der Alten, die in Alters- und Pflegeeinrichtungen monatelang keinen Besuch mehr empfangen durften. Kaum wurden die Massnahmen aber wieder gelockert, empörten sich Lockdown-Freunde darüber, dass diese Lockerungen viel zu früh und unter dem Druck der Wirtschat erfolgten. Und dann Empörungen über Maskenpflicht, über fehlende Maskenpflicht, über fehlende Kontrolle der Maskenpflicht…..
Doch all das war letztlich nur ein Vorgeplänkel auf das Empörungsthema schlechthin: die Impfung. Zu Beginn des Jahres 2021 lagen die ersten Impfstoffe vor. Doch schon bald zeigte sich: Es gibt eine Gruppe von Menschen, die sich nicht impfen lassen will. Diese schnell als borniert und wissenschaftsfeindlich charakterisierten Impfskeptiker wurden zum neuen Feindbild der aufgeklärten Menschheit hochstilisiert. Doch die Impfunwilligen revanchierten sich mit einer Gegenempörung über die Zunahme der Einschränkungen für Nicht-Geimpfte. Sie empfanden dies als De-facto-Impfzwang und gingen lautstark auf die Strasse. Das führte zu einer nochmals gesteigerten Empörung auf Seite der Impfenthusiasten. Wie kann man die Freiheit zu demonstrieren dafür missbrauchen, Krankheit und Tod unter den Menschen zu verbreiten? Klar, dass auch die gegenseitigen Bezeichnungen nicht mehr allzu freundlich waren. Impfgegner wurden zu Schwurblern, CovIdioten, Coronaleugnern und Verschwörern. Und aus Impfbefürwortern wurden Impffanatiker, Impfnazis oder Corona-Diktatoren.
Natürlich wurde der Empörung medial noch kräftig nachgeholfen. Auf der ständigen Suche nach mehr Klicks wählten Medien besonders empörungsfreundliche Schlagzeilen. Denn wer sich empört, ist ständig auf der Suche nach weiteren Empörungsquellen, und davon muss man in einem so hart umkämpften Markt profitieren. Und es gab viele Helfer, die bereit waren, bei dieser medialen Kampagne mitzumachen: geltungssüchtige und mediengeile Virologen, Politiker, Journalisten, Influencer, Blogger, Ethiker, Philosophen, Schauspieler, Sänger oder Comedians, denen ihre Komik schon vorher abhandengekommen war.
Doch es gibt noch eine weitere, ganz besonders verwerfliche kleine Gruppe von Menschen, die wir noch gar nicht erwähnt haben. Das ist die Gruppe der Nichtempörer, zu der ich, ich gebe es zu, auch gehöre. Menschen, die sich weigern, sich in diesem für die Menschheit entscheidenden Auseinandersetzung emotional zu engagieren. Galten Mässigung und Unaufgeregtheit früher als Tugend, so werden sie seit Ausbruch der Pandemie als ein Ausdruck von Gleichgültigkeit und Feigheit betrachtet. Auch darüber muss man sich selbstverständlich empören. Der geimpfte Gutmensch zeichnet sich nämlich auch durch «Zivilcourage» aus. Er weist jeden Nichtmaskenträger, jede zu lange im Zug essende Person oder jede Gruppe nahe beieinanderstehende Menschen mit Empörung auf ihr Fehlverhalten hin. Und diese heroischen Akte müssen dann auf sozialen Medien sofort verbreitet werden.
Alle diese Verhaltensweisen tragen aber nichts zur Schaffung eines lebenswerten Umfelds bei. Es wird deshalb Zeit, aus dieser sinnlosen Empörungsspirale auszubrechen. Natürlich geht das nicht von heute auf morgen. Aber man kann ja mal damit beginnen, pro Woche einen empörungsfreien Tag festzulegen. Das hilft nicht nur dem eigenen Glück, sondern vor allem auch dem Glück der Mitmenschen.

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