Die Banane fällt aus der Schale

Die Banane fällt aus der Schale

Noch schlimmer als die Homeofficepflicht wirkt sich die Abwahl von Donald Trump auf die Auslandredaktion der etabliertesten Medienhäuser aus. Mit dem Impeachmentverfahren gegen ihn liess sich das thematische Defizit noch einige Tage hinauszögern.

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von Nebelspalter Print am 17.3.2021, 17:11 Uhr
Ralph Weibel | veröffentlicht am 26.Februar 2021 in der PRINT AUSGABE- Burkard Fritsche
Ralph Weibel | veröffentlicht am 26.Februar 2021 in der PRINT AUSGABE- Burkard Fritsche
Nachdemauch dieses weggebrochen ist, wird der Ruf nach einem neuen staatlichen Volltrottel laut. Kandidaten gibt es einige.
Das weltweite Netz von Auslands-korrespondentinnen und -korrespondenten des ‹Nebelspalter› trifft sich am Morgen nach dem grandios gescheiterten Amtsenthebungsver­fahren gegen Donald Trump zur wöchentlichen Themenkonferenz. In den vergangenen Jahren hatte sich eine gewisse Lethargie breitgemacht. Nicht alleine, dass die Vertreter der vierten Gewalt in Pyjamahosen vor die Laptopkameras in ihrem Homeoffice sassen. Die meisten hatten das Recherchieren längst darauf reduziert, die neusten Tweets von Trump zu lesen. Irgendeinen Wahnsinn hatte der Wahnsinnige bestimmt von sich gegeben. Einem Perpetuum mobile gleich liessen sich Kommentare schreiben, Karikaturisten zeichneten drauflos und im Hintergrund analysierten Experten auf allen Fernsehkanälen, weshalb die Banane krumm und der Donald dumm ist. Dieses System begünstigte auch die Berichterstattung über Corona und so bestimmten diese beiden Themen die Schlagzeilen.
Personality Damit ist jetzt Schluss, was der versammelten Journaille noch mehr Probleme bereitet als die Technik. «Hallo, könnt ihr mich sehen?» Rund um den Globus wird an aufgeklappten Bildschirmen gerüttelt. «Hört ihr mich? Hallo!» Meist klappt es vor dem Feierabend, sich doch noch der eigentlichen Arbeit anzunehmen. «Wir könnten eine Reportage von einem der 2,4 Millionen Kinder bringen, die in Indonesien in Steinbrüchen arbeiten, als Fischer, auf Müllhalden oder Palmölplantagen.» Die Redaktion ist sich einig, der aktuelle Bezug sei vor der Abstimmung zum Freihandelsabkommen mit Indonesien unbedingt gegeben. Wenn man dann noch ein Bild sieht von Ibrahim, dessen dunkle Haut das Weiss seiner Augen erst richtig zum Leuchten bringt, und wie er mit einer viel zu grossen Machete im Dschungel steht, dann stimmt auch die Personality. Diese ist wichtig. Nur so glaubt man dem kleinen Ibrahim, wie dankbar er ist, für unseren Schweizer Brotaufstrich an der frischen Luft arbeiten zu dürfen und sich mit seinen zwölf Jahren nicht in der Schule langweilen muss.
Panikmacher Solche Geschichten treffen mitten ins Herz der gefühlsduseligen Gesellschaft, sind sich die Korrespondenten einig. Doch damit lässt sich noch kein Staat machen. Denn spätestens beim nächsten Einkaufsbummel, wenn die Gesundheits-Panikmacher in Bern je wieder einen solchen zulassen, sind die grossen Augen der kleinen Arbeiter wieder vergessen.
Das Stichwort «Personality» wird nochmals aufgegriffen. Allen voran drängt sich Boris Johnson auf. Zumindest optisch kommt der dem verlorenen Schlagzeilenlieferanten, der im Weissen Haus durch ein Valium ersetzt wurde, welches die Haltbarkeitsgrenze überschritten hat, am nächsten. Zudem hat er einiges zu bieten, angefangen beim Brexit bis hin zu einer Corona-Mutation, die schon in geringen Dosen Angst und Schrecken verbreitet.
Am härtesten davon getroffen wird mitunter Deutschland, das am Anfang eines Superwahljahres steht. Bevor uns Kanzlerin Angela alle schafft, lenkt sie mit immer noch härteren Coronamassnahmen vom eigenen politischen Versagen ab. Da blickt der Sebastian kurz neidisch über die Grenze. Nicht einmal eine Reisewarnung gegen sein eigenes Land, also einen Tirol davon, verhinderte die Aufmerksamkeit auf einen Politskandal um Finanzminister Gernot Blümel. Schon der zweite politische Rohr­krepierer nach der peinlichen Ibiza-Affäre vor zwei Jahren.
Trump-Ersatz Apropos Spanien. Da hat wenigstens jemand eine sinnvolle Idee und steckt die schlauchbootfahrenden Wirtschaftsflüchtlinge auf Gran Canaria in die von Corona leer gefegten Hotels, was auf Google umgehend schlechte Bewertungen von besorgten Touristen hervorruft. Wie man mit Flüchtlingen sinnvoll umgeht, zeigen die Griechen und Kroaten, welche diese nicht in enge Zimmer zwängen, sondern die frische Luft geniessen lassen. «Das sind jetzt aber wieder so Ibrahim-Geschichten», finden die Korrespondenten. «Wir wollten doch Personality!» Gesucht wird eigentlich ein Ersatz für Trump.
Man ist sich einig, dass es noch genug Hornochsen gibt auf dieser Welt. Beispielsweise Xi Jingping, der für internationale Zusammenarbeit plädiert, während er seine Uiguren in Arbeitslager steckt. Oder Zar Wladimir, der von seinem Fusel-Impfstoff Sputnik V als «dem besten» schwärmt, sich selber damit aber nicht impfen lässt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Irgendwie sind sich alle einig: «Es liegt vieles im Argen.» Doch bevor darü-ber geschrieben wird, sollte vielleicht doch die Geschichte mit Ibrahim realisiert werden, solange er noch uneingeschränkt Kinderarbeit verrichten kann … Höchste Zeit, hier den Laptop zuzuklappen.

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