Der Superdaddy

Der Superdaddy

Neue Väter brauchen neue Mütter. Warum Familie nur gemeinsam gelingt.

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von Margrit Stamm am 27.7.2021, 07:00 Uhr
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Der Hype um den neuen Vater ist unübersehbar. Auffallend oft sind es prominente Männer, die sich als Superdaddys präsentieren. Beispielsweise unser Tennisstar Roger Federer mit seinen Doppel-Zwillingen oder auch der Schauspieler Chris Hemsworth, der den harten Superhelden spielt und als einer der Sexiest Men Alife gilt. Beide sind Weltstars, privat aber auf dem Boden gebliebene Männer, bei denen Kinder und Familie an erster Stelle stehen. «Neue» Väter also? Offenbar gelingt es ihnen bestens, die Praxis als Vater mit Glücksanspruch und Beziehungslust zu verbinden. Sie sind immer voller Energie, gut gelaunt und je nach Anlass schick oder lässig angezogen. Damit erwecken sie den Eindruck, neue Väter seien etwas Spektakuläres.
Wie wirst du ein Superdaddy?
Medienberichte über Promi-Väter sind nicht unerwünscht, weil sie mit einer Vorbildwirkung verbunden sind und auch eine willkommene Alternative zum oft beklagten Mann in der Krise darstellen.Manche Väter möchten gerne so wirken wie sie. Und weil viele Männer, die ihre Rolle neu definieren wollen oder sollen, sind empfänglich für die Botschaft der Stars: Auch du kannst ein Superdaddy werden, wenn du dies wirklich willst. Wenn wir das können, dann kannst du es auch. Du musst dich nur neu definieren!
Auf dem Ratgeber-Markt finden sich hierfür eine Flut von Titeln wie: «Zehn neue Gebote für gute Väter», «Sechs Dinge, die du heute tun kannst, um ein guter Vater zu sein». Suchen Männer Erziehungstipps, werden sie ebenso schnell fündig. Sie sollen sich als Lebenshelfer und Meister der Kniebeuge verstehen, heisst es. Also die Kinder nicht von oben herab belehren, sondern sich mit ihnen auf Augenhöhe begeben, aber auch Vorbild sein.
Stark, fürsorglich oder sexy?
Wer ein Vorbild sein will, muss ein Bild von sich selbst haben. Entsprechend breit ist die Palette an angebotenen Selbstbildern, von denen drei Superdaddy-Modelle besonders Eindruck machen.
Der starke Vater: Wer diesem Modell folgen will, eifert Männern des Typs Wladimir Klitschko (ehemaliger Box-Champion) nach, dem grossen, starken Mann mit muskulösem Body und seinem kleinen, hübschen Kind, das er in den Armen hält, auf seinen Schultern sitzen hat oder mit ihm spielt. Er ist der Inbegriff des starken Vaters, der zugleich Weitblick, Übersicht und Überlegenheit signalisiert und dadurch ein sympathisches Spannungsverhältnis zwischen gross und klein herstellt.
Der fürsorgliche Vater: Dieses Modell steht für Männer, die selbst wieder zum Kind werden, wenn sie mit dem Nachwuchs spielen. Bestes Beispiel sind Bilder von Prinz William, wie er mit seinen Kindern am Strand gedankenversunken Sandburgen baut. Damit wird er zum Modell des Vaters als Kumpel, der seinen Status als Erwachsener zeitweise aufgibt und sich ultimativ und auf Augenhöhe auf den Nachwuchs einlässt.
Der sexy Vater: Das dritte Modell vereint Männer, welche durch und durch männlich wirken wollen und ihr sexy Wesen speziell betonen. Sie werden von den Medien gerne als die neuen Helden aufs Podest gehoben, weil sie trotz Windeln wechseln und familiärem Engagement immer noch männlich genug und trotzdem richtige Kerle sind. Body-technisch zählen vor allem Profisportler zu den Augenweiden, etwa der Fussballer Gerard Piqué, der mit seinem Charme nicht nur die Latin Queen Shakira um den Finger gewickelt hat, sondern auch dank des Nachwuchses zum Bilderbuch-Daddy geworden ist.
Vaterschaft ist ein Balanceakt
Doch solche idealistischen Bilder werten alles Durchschnittliche ab und machen normale Männer höchstens neidisch. Wenn sie vor dem Eingang der Krabbelgruppe, des Kindergartens oder der Schule stehen, um ihre Kinder abzuholen und von coolen Superdaddys hören, dann fragen sie sich unweigerlich, wie die das nur machen. Selbst weit weg von solch einem Modell haben sie ganz andere Sorgen und Lebensbedingungen, so dass es ihnen schlicht und einfach nicht möglich ist, den Superdaddy auch nur zu imitieren.
Ermunterung finden sie im historischen Rückblick. Zu allen Zeitpunkten der Geschichte gab es immer eine grosse Variabilität in der Ausgestaltung der Vaterrolle. Vaterschaft unterliegt einem gesellschaftlichen Wandel, der nicht lediglich aus Patriarchen neue Väter macht, sondern viele Vätertypen entstehen lässt. Gemeinsam ist Männern, dass sie sich mit neuen Rollenanforderungen auseinandersetzen müssen (auch dann, wenn sie einem traditionellen Rollenbild verhaftet bleiben), ihre Identität neu austarieren sollen (auch dann, wenn sie genaue Vorstellungen haben) und mit der Partnerin nicht um Aushandlungsprozesse herumkommen. Denn die gesellschaftlich bedingten Umbildungsprozesse führen logischerweise zu einer Neubestimmung der männlichen und weiblichen Positionen innerhalb der Familie. Zusammengenommen sind alle diese Prozesse daran beteiligt, weshalb man vom Vater nur im Plural sprechen kann.
Obwohl es für viele Männer ermutigend sein kann, dass sie die ersten in der Geschichte sind, welche Windeln wechseln oder das Kind baden, sind sie nicht die ersten fürsorglichen und liebevollen Väter. Die Vaterschaft ist eine Pendelgeschichte. Deshalb ist sie ein Balanceakt, den Mann aktiv unter die Füsse nehmen, aushalten und gestalten muss. Der Superdaddy darf eine schöne Vision bleiben und die Kluft zum Vateralltag deutlich machen.

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