Der Name der Unterhose

Der Name der Unterhose

Vom ersten Pfadilager, von der ersten Liebe und von einer Demütigung in der Öffentlichkeit. Allzeit bereit!

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von Dominique Feusi am 16.8.2021, 08:56 Uhr
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Im Pfadilager. Der Geruch von Rauch und Waldboden. Zwei Wochen lang wie ein lebendiger Landjäger stinken. Den perfekten Platz für das 6-Personen-Spatz-Zelt suchen und dann dennoch auf einer Wurzel liegen. Todmüde in den Schlafsack sinken. Feuer machen. Spielen. Lachen. Lernen, ein Seil aufzunehmen und richtig zusammenzulegen. Den Achterknoten üben. Blachen putzen. Holz suchen. Eine Grube für die «Chnebelschissi» ausheben. Die Ohren spitzen, wenn die Grossen fluchen. In einer Gemeinschaft leben.
Krieg und Fliegen
Regentropfen, die aufs Zeltdach prasseln. Am Lagerfeuer sitzen und singen, einige haben wunderschöne Stimmen, andere können jedes Lied der Welt auf der Gitarre spielen. «Kein schöner Land in dieser Zeit». Wie geht der Text, kann mir jemand ein «Rondo» bringen? Wassergräben ums Zelt ziehen. Bei der Nachtübung vor Ungeheuern fliehen. Darüber diskutieren, wer bei Blitzeinschlag zuerst stirbt und mit niemandem, der neben der Zeltstange liegt, den Platz tauschen wollen. Vor dem Einschlafen blöderweise nochmals aufs WC müssen. Wer kommt mit?

Schlangenbrot – aussen immer verbrannt, innen nie ganz durch, aber trotzdem saugut.


Die Angst vor der Latrine, dem stinkenden Loch mit den vielen Fliegen. Den anderen das Zelt «pflöcklen». Heringe suchen. Heringe schnitzen. Heringe nicht aus dem Boden kriegen. Pro Woche sicher ein Kilo Dreck essen und doch nicht krank werden. Sich spielerisch messen. Für die Gruppe denken. Gegeneinander antreten. Im Geländespiel die anderen Rudel besiegen. Oder verlieren lernen. Und sich danach in den Armen liegen. Am Lagerfeuer herrscht wieder Frieden.
Und nicht zu vergessen, eine Kategorie für sich: Schlangenbrot – aussen immer verbrannt, innen nie ganz durch, aber trotzdem saugut.
Das erste Mal
Ich bin sechs, als ich in mein erstes Wölfli-Lager darf. Mein Vater, in der Kindheit ebenfalls begeisterter Pfader, ist sofort Feuer und Flamme. «Zwei Wochen?», fragt meine Mutter hingegen konsterniert. Doch es geht nicht lange, man muss sogar sagen, es geht erstaunlich schnell, und schon freundet sich die Frau Lehrerin mit dem Gedanken an zwei Wochen kinderfrei an. Es ist meiner lieben Mutter selig nicht zu verübeln. Denn ich rede wirklich sehr viel.
Man muss alle Kleider beschriften. Ich habe die eingenähten Namensetiketten in den Kleidern meiner Gspänli schon oft bewundert und finde es gemein, dass ich keine personalisierten Kleider habe. «Es muss sein!», trötzle ich. Da nimmt meine Mutter nicht etwa Nadel und Faden, sondern einfach einen wasserfesten Filzstift und schreibt meinen Namen rein.
Ich bin entsetzt. Mein Vater ist amüsiert. Er schenkt mir sein Pfadi-Messer, einen beeindruckenden Dolch mit Horngriff. Auf dem Holster ist GRIZZLY, sein Pfadiname, eingeprägt. Meine Mutter sagt, er sei geistesgestört. Mein Vater sagt, ich müsse nur lernen, wie man damit umgeht. Es sind die 80er. Kein Mensch nimmt Anstoss daran, dass ein kleines Mädchen mit einem grossen Dolch durch die Gegend rennt.
Dolchstoss ins Herz
Doch den Dolchstoss ins Herz soll mir kein Messer, sondern die Liebe versetzen. Er heisst Sugus, er ist 17, ein Rover aus einem anderen Fähnli, der bei der Lagerleitung hilft, und es ist Liebe auf den ersten Blick. Jedenfalls meinerseits.
Er spielt Gitarre wie der Teufel. Er singt die besten Lieder. «Bini Gottfriedstutz e Kiosk?» von Rumpelstilz oder «I han es Zündhölzli azündt» von Mani Matter. Ich denke, er hat all die tollen Lieder selbst geschrieben. Sugus ist nicht nur schön, er ist genial. Alle anderen können mich mal.
Ich werde getauft, doch die Erinnerung daran ist blass. Nicht einmal der Initiationsritus besteht gegen Sugus. Es gibt Verfolgungsjagden und Piraten, aber ich verfolge nur meinen Schatz. Andere haben Heimweh, ich erinnere mich nur schwach. Meine Mutter schickt ein riesiges Fresspaket voller Süssigkeiten für alle, und alle kommen zu mir und sagen, meine Mutter sei wirklich nett. Mir ist das komplett egal. Ich finde nur einen nett, und diese Süssigkeit heisst Sugus.
Der Verrat
Doch dann kommt der letzte Tag. Alle stehen auf dem Versammlungsplatz, die Leiter haben eine Kiste mit Fundstücken, Sugus hält sie hoch und jeder, der was von sich erkennt, ruft.
Und dann passiert’s! Oh Gott! Welch Schande! Welch Schmach! Sugus hält eine rosa Frotteeunterhose hoch.
MEINE rosa Frotteeunterhose!
Jemand ruft, die sei von mir.
Und ich behaupte: «NEIN! DIE HABE ICH NOCH NIE GESEHEN!»
Doch Sugus johlt: «Komisch! Da steht dein Name drin!»
Alle lachen. Und ich möchte nun sofort nach Hause gehen. Meinen Eltern in die Arme fallen und weinen. Aber ich halte mich tapfer am Dolch meines Vaters fest und hole erhobenen Hauptes meine mit wasserfestem Filzstift beschriftete, rosa Frotteunterhose ab.
Den Sugus schaue ich nie mehr an.
In die Pfadi gehe ich jedoch noch jahrelang.

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