Der Literaturnobelpreis – eine Geschichte zum Vergessen

Der Literaturnobelpreis – eine Geschichte zum Vergessen

Den Namen des diesjährigen Literatur-Nobelpreisträgers Abdelrazak Gurnah muss man sich wohl ebenso wenig merken wie sehr viele Träger des Literaturnobelpreises seit 1901. Die weltweit höchste Auszeichnung für Dichter ist eine lange Geschichte von Pannen und Peinlichkeiten.

image
von Gottlieb F. Höpli am 8.10.2021, 10:00 Uhr
image
Was verbindet die folgenden Namen miteinander: Proust, Rilke, Kafka, James Joyce, Ibsen, Philip Roth?
Nun, es sind lauter Dichter, die den Literaturnobelpreis nicht erhalten haben. Obwohl sie ihn ohne Zweifel verdient hätten.
Und was verbindet die folgenden Namen miteinander: Sully Prudhomme, Rudolf Eucken, Verner von Heidenstam, Henrik Pontoppidan, Dario Fo, Herta Müller?
Es sind alles Personen, welche die höchste Auszeichnung für Weltliteratur erhalten, sie aber nicht verdient haben.
Man sieht aus den beiden Listen, die sich beide beliebig verlängern lassen – die eine mit berühmten, die anderen mit unbekannten Namen –, dass der vom Erfinder des Dynamits, Alfred Nobel, gestiftete Preis immer wieder skurrile bis skandalöse Wege ging. Was nicht zuletzt auf den Stiftungszweck zurückzuführen ist. Der anscheinend von schlechtem Gewissen über seine verheerende Erfindung geplagte schwedische Industrielle verlangte nämlich, dass die Dichtung des Preisträgers «das Beste in idealistischer Richtung» verkörpern solle. Also irgendwie das Gute, Schöne und Wahre befördern und das Gegenteil doch eher negativ bewerten solle.

Die richtige Weltanschauung

Kein Wunder, hatten da irreale, düstere, «destruktive» Stoffe weniger Chancen als etwa ein Pazifist wie Bertrand Russell oder betuliche Geschichtenerzähler wie Paul Heyse, Michael Scholochow oder Selma Lagerlöf. Wer auf der Menschheit froher Linken stand wie Heinrich Böll oder Günter Grass hatte es leichter, dank der richtigen Weltanschauung zum anerkannten Weltliteraten aufzusteigen als etwa ein Paul Celan oder Friedrich Dürrenmatt.
Das begann schon mit dem ersten Literaturnobelpreis im Jahre 1901. Da war Leo Tolstoi nominiert, doch die Jury nahm den Franzosen. Nein, natürlich nicht den grossen, noch lebenden Emile Zola, sondern einen weltliterarischen Zwerg namens Sully Prudhomme! Ob da doch einige Zweifel an der eigenen Qualifikation aufkamen? Jedenfalls lehnte man sich im Folgejahr in Sachen Literatur nicht mehr so weit aus dem Fenster und wählte lieber den Historiker Theodor Mommsen!
Wie wenn das Feld der Literatur nicht weit genug wäre, griff man auch später immer wieder mal daneben: mit Winston Churchill, dem Historiographen seiner selbst, dem italienischen Polit-Clown Dario Fo oder kürzlich dem Singer/Songwriter Robert Zimmerman alias Bob Dylan. Wie wenn es auf dem eigentlichen Feld der Literatur keine würdigen Kandidaten gäbe. Da fehlt wirklich nur noch der «Vaffanculo»-Schreier und Parteiengründer Beppe Grillo oder vielleicht der Liedermacher Reinhard Mey auf der Liste der Nobelpreisträger….

«Ich lese keine chinesischen Bücher»

Die seltsame Riege der schwedischen Juroren traute sich in den Anfängen des Preises kaum über den eigenen nordischen Sprachraum hinaus und wählte lieber nordische Schriftsteller wie Karl Gjellerup, Henrik Pontoppidan oder Frans Eemil Sillanpää aus. Noch 1974 kamen die Schweden Eyvind Johnson und Harry Martinson zum Zug – letzterer der auswählenden Jury allerdings wohlbekannt, da selber deren Mitglied! Ein perfekter Skandal, aber nicht der letzte.
Heute ist das Gegenteil der regionalen Selbstbeschränkung der Fall: Die Jury hat die Wahl zwischen Nominationen aus aller Welt – von Afrika bis China, von Australien bis Südkorea. Will sagen: Sie kann die Nominationen unmöglich selbst alle kritisch bewerten, kann deren Bedeutung in der regionalen und der Weltliteratur gar nicht mehr zuverlässig einordnen. Sie ist damit ebenso überfordert, wie wir es als Leser sind.
Die Liste der jüngsten Skandale innerhalb der Jury selbst wie auch der Fehlentscheidungen und Peinlichkeiten der Vergangenheit heben das Vertrauen in die jeweils neueste, meist eher unbekannte Kür der Jury auch nicht gerade. Von einem Run auf Bücher der Lyrikerin Louise Glück (Preisträgerin 2020), von Olga Tokarczuk (2018) oder Gao Xingjian (2000) ist uns denn auch nichts bekannt.
Bei solchen Preisträgern halten wir es mit dem Urteil des gefürchteten Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki, der sonst ja zu fast jedem Buch eine profilierte Meinung äusserte: «Ich lese keine chinesischen Bücher.» Und wohl auch keine aus Sansibar.

Mehr von diesem Autor

image

Nein, Geschichtsklitterer gehen nicht in die Geschichte ein

Gottlieb F. Höpli14.1.2022comments

Ähnliche Themen

image

Somms Memo #29 - Bundesrat verzögert Corona-Ausstieg

Markus SommHeute, 11:00comments