Der feuchte Traum der Miniatur-Diktatoren

Der feuchte Traum der Miniatur-Diktatoren

Kann sich ein Gesetz, das dem Kampf gegen Terrorismus gewidmet ist, auch gegen kritische Schweizer Bürger wenden? Theoretisch nein. Praktisch sieht heute vieles anders aus als vor 2020. Und dann ist da noch der Komiker, der sich das offenbar sehnlichst wünscht.

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von Stefan Millius am 14.6.2021, 13:00 Uhr
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Man muss immer vorsichtig sein, wenn man öffentliche Äusserungen von Kabarettisten und Komikern deutet. Simon Enzler beispielsweise lässt seine bewusst gewählten kleinkarierten Figuren meist exakt das Gegenteil von dem sagen, was er – vermutlich – privat empfindet und wird deshalb von vielen missverstanden. Allerdings gibt es auch Bühnenkünstler, denen diese subtile Ader ziemlich abgeht und die – auch wenn sie dank SRF stets gut davon gelebt haben – im Grunde auch nicht lustig sind. Die kann und darf man erst nehmen, wenn sie auf sozialen Kanälen etwas verbreiten.
Wie zum Beispiel Mike Müller am Abstimmungssonntag auf Twitter:
Der Tweet ist sehr neutral formuliert, aber den vermutlich beabsichtigten Rest erledigen dann die Kommentatoren. Denn allen ist klar, wen Müller meint, wenn er davon träumt, dass andere schweigen oder sonst im Hausarrest landen. Er spricht die Coronamassnahmenkritiker an. Die sind für ihn «halbschlau» beispielsweise die «Freunde der Verfassung». Sie gehören zu den Leuten, die an Mike Müllers ewigen Futtertrog wollen, die SRG. Menschlich nachvollziehbar, dass er sie nicht mag. Auch über Leute, die sich gegen die Maskenpflicht wehren, zieht der Mann mit Zweitberuf Bestatter her und sucht so lange, bis er zwei gefunden hat, die der SVP angehören – Bingo!
Aber zurück zum Tweet. Bundesrätin Karin Keller-Sutter, die Mutter des Terrorismusgesetzes, kurz PMT, betonte stets, damit nur ein Instrument gegen echte Gefährder haben zu wollen, man werde dieses mit Augenmass einsetzen. Allerdings haben wir nun eine «weiche» juristische Massnahme eingeführt, die nicht auf Fakten, sondern auf subjektiven Einschätzungen beruht. Je nachdem, welchem Richter eine Akte rübergeschoben wird, sieht das Resultat anders aus. So ziemlich das Gegenteil von dem, was ein Rechtsstaat sein sollte.
Was Mike Müller nur recht sein kann. Der Mann, der rein gar nichts mit «law and order» anfangen kann, wenn die SVP in diese Richtung geht, scheint bereits feuchte Träume zu haben, was das PMT angeht. Er ahnt, dass in Zukunft Leute, die nicht seiner Linie entsprechen, als «Gefährder» eingestuft werden könnten, mit den entsprechenden Konsequenzen. Und er mag den Gedanken ganz offensichtlich.

Plötzlich den Humor entdeckt?

Es sei denn natürlich, Mike Müller hat das alles scherzhaft gemeint und wollte die unheilvollen Folgen des neuen Gesetzes nur satirisch auf die Spitze treiben. Das wäre sogar das, was man derzeit in der Tat von Kabarettisten erwarten dürfte. Aber das würde bedeuten, dass man Mike Müller subtilen Humor zuspricht. Es ist wenig realistisch, dass er diesen plötzlich entdeckt hat, nachdem er ihn während Jahren auf SRF so erfolgreich verdeckt hat.
Apropos SRF: Wie geht eigentlich Müllers ehemaliger Studiopartner Victor Giacobbo mit der PMT-Frage um? Sie scheint ihn nicht weiter zu interessieren, er ist mehr mit Fragen rund um Klima und Umwelt beschäftigt:
Und auch hier gilt: Natürlich kann man das zum Brüllen lustig finden, wenn man mag. Und zugute halten muss man Giacobbo, dass er nicht Wasser und Brot hinter Gittern für die Exponenten der Erdölindustrie fordert.



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