Der Denkfehler vom aussterbenden Publikum

Der Denkfehler vom aussterbenden Publikum

Nun ist sie wieder da, die Konzert- und Theatersaison, und wir dürfen diesen Winter auch wieder hin! Die allermeisten Besucher sind grau- bis weisshaarig – aber wer das Aussterben dieses Publikums vorschnell beschwört, begeht einen Denkfehler.

image
von Gottlieb F. Höpli am 5.11.2021, 11:00 Uhr
image
30 Jahre scheint ja ein beliebter Prognosehorizont zu sein. In den nächsten 30 Jahren würden Konzerte, Oper und Theater klassischen Zuschnitts einen «dramatischen Niedergang» erleiden, sagte uns kürzlich ein deutscher Juniorprofessor der Soziologie voraus. Weil nämlich das Durchschnittsalter der Besucher solcher Veranstaltungen deutlich schneller ansteige als jenes der Bevölkerung. Was für ein Fehlschluss! Derlei Kassandra-Töne, wissenschaftlich oder auch nur journalistisch verbrämt, hören wir nämlich seit Jahrzehnten. Und sie waren stets falsch.
Wohl wahr: Wer das Publikum eines klassischen Konzerts von oben betrachtet, wie es Orchestermusiker üblicherweise tun, sieht einen «Silbersee» grauer und weisser Häupter. Menschen, die lieber schnell als gründlich denken – darunter sollen sich leider auch Medienschaffende befinden – schliessen daraus flugs, dass mit dem Lebensende der heutigen Besucher auch der Lebenszyklus der klassischen Musik im Konzertsaal enden werde.
Nur: Sind wir die denn die Letzten, die älter werden? Das Gegenteil ist bekanntlich der Fall. Die durchschnittliche Lebenserwartung des Schweizers ist auf deutlich über 80 Jahre angestiegen. Das Bildungsniveau, zumindest das formale (Matur, Hochschulabschluss) ebenso. Bald einmal 1,5 Millionen Menschen in der Schweiz sind über 65 Jahre alt. Ein riesiges Nachfragepotential nach kulturellen Leistungen – ein wahrer Schatz, der da im Silbersee begraben liegt!
Nicht ohne Grund werden vielerorts Konzertsäle und -orte wie die Zürcher Tonhalle mit grossen Geldmitteln aufgerüstet. In Deutschland wurde in jüngster Vergangenheit mehr als eine Milliarde Euro in vier neue Konzertorte investiert, Projekte wie München nicht einmal mitgezählt. Mit gutem Grund: In unserem Nachbarland werden pro Saison über 18 Millionen Tickets für Konzert, Oper und Theater verkauft – das ist mehr, als die Bundesliga-Clubs an Zuschauern ausweisen können.
Wer jetzt immer noch jammert, da werde für eine grauhaarige «Elite» zu viel Geld ausgegeben, der rechne doch beim Fussball oder bei den Openairs die Sicherheitskosten hinzu, die der Staat jedes Wochenende zu tragen hat, um randalierenden Fans Einhalt zu gebieten…
Dass Konzertveranstalter, Kulturpolitiker und -journalisten händeringend nach einem jüngeren Publikum Ausschau halten, ist deshalb wohl vergebliche Liebesmüh oder doch eher zweitrangig. Das Publikum, das zunehmend nicht nur Bach, Mozart und Beethoven, sondern Madrigalisten wie Gesualdo, barocke Polyphonie oder Schostakowitsch und John Cage zu hören bekommt, wird deswegen wohl nicht jünger. Und war es auch nie! Weil die Generation der 30-50-Jährigen nun einmal selten Zeit und Ruhe aufbringt, um ein solches Konzert zu besuchen. Aber wer sagt denn, wie viele dieser in Familie und Beruf heute noch hundertprozentig geforderten Frauen und Männer sich danach sehnen, sich dereinst ganz ohne Kindergeschrei und Teenager-Protest für einen Konzertabend feinzumachen?
Nein, der Silbersee, über den manche Orchestermusiker manchmal spotten mögen, wird nicht austrocknen. Trotz, und nicht wegen eines Bildungssystems übrigens, von dem man hierzulande nicht behaupten kann, es brilliere in Sachen Kulturvermittlung. Das wäre aber ein anderes Kapitel. Und wird wohl erst Gegenstand besorgter Kommentare, wenn es einmal eine Pisastudie gibt, in der die Kenntnisse von Tonarten, Harmonien oder gar die Beherrschung eines Musikinstruments abgefragt wird.

Mehr von diesem Autor

image

Warum lieben die Linken die SRG?

Gottlieb F. Höpli26.11.2021comments

Ähnliche Themen

image

Die Medien als Freund und Helfer: Eine Reise in Zitaten

Stefan MilliusHeute, 17:00comments