Zertifikat: Warum ist Berset plötzlich so ruhig?

Zertifikat: Warum ist Berset plötzlich so ruhig?

Der Bundesrat hält zum ersten Mal seit einem Monat wieder eine Pressekonferenz ab. Doch über die wichtigsten Fragen schweigt er sich aus.

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von Franziska Oswald am 18.11.2021, 14:48 Uhr
Bundesrat Alain Berset lässt zur Zeit lieber die Kollegen informieren. (Bild : Keystone)
Bundesrat Alain Berset lässt zur Zeit lieber die Kollegen informieren. (Bild : Keystone)
Als Alain Berset an diesem Donnerstag vor die Presse tritt, tut er dies erstmals seit einem Monat wieder. Seine Botschaft: keine neuen Massnahmen, aber auch keine aufheben. So weit, so wenig überraschend.
Im Oktober musste er noch mehr kämpfen, mehr erklären, warum der Bundesrat bei der erweiterten Zertifikatspflicht bleibt. Die Sitation war jedoch eine andere, die Lage damals entspannt. Er sagte damals: «Wir haben gesehen, dass die Fallzahlen in Ländern, welche die Restriktionen aufgehoben haben, rasch und stark wieder angesteigen.»
Nun, vier Wochen später, gilt in den Restaurants, Kinos und Clubs immer noch die Zertifikatspflicht. Die Fallzahlen steigen aber trotzdem. Als der Bundesrat damals beschloss, bei der Zertifikatspflicht zu bleiben (um eben dem Anstieg der Fallzahlen entgegenzuwirken), registrierte das BAG knapp 1500 Fälle; an diesem Donnerstag sind es nun rund 6000. Eine Vervierfachung.
Trotzdem ist die Situation in den Spitälern dieses Landes nicht besorgniserregend: Die Intensivstationen sind nur zu etwa 75 Prozent ausgelastet – knapp 17 Prozent davon sind Corona-Patienten. Insgesamt sind in den Spitälern 85 Prozent der Betten belegt (3,2 Prozent durch Corona-Patienten).

Mehr Normalität?

Dennoch neigen die Behörden weiterhin zu Panikprognosen. Dabei entwickeln sich die Hospitalisationszahlen ganz anders als noch vor einem Jahr. Die Kurven der Fallzahlen und Hospitalisationen divergieren. BAG-Vertreterin Virginie Masserey sagte am Dienstag: «Die Kurven von diesem Jahr unterscheiden sich stark von jenen des letzten Jahres zur selben Zeit.» Bei den Fallzahlen seien sie zwar relativ ähnlich, aber die Kurve der Hospitalisationen «ist sehr viel flacher».
Auch Berset bestätigte heute: «Die Fallzahlen steigen, die Hospitalisationen auch, aber langsamer». Das wird aber nicht etwa als «good news» verbreitet, sondern es wird weiterhin ermahnt. Masserey sagt: «Auch geimpfte Personen müssen den Mindestabstand und die Hygienemassnahmen respektieren.»
Warum das eigentlich alles? Wer sich erinnert, der weiss, dass Guy Parmelin am 8. Oktober noch gesagt hat: «Das Zertifikat erlaubt es, zu mehr Normalität zurückzukehren – denn an Orten, an denen die Zertifikatspflicht gilt, kann man andere Hygienemassnahmen wie den Mindestabstand aufheben.»

Angst vor den eigenen Aussagen?

Hinsichtlich solcher Aussagen, die von der Realität widerlegt worden sind, verwundert es nicht, dass sich Berset, so gut es geht, zurückhält und die Ja-Kampagne zum Covid-Gesetz sich selbst überlässt. Weshalb soll er sich jetzt mit Äusserungen exponieren und das Risiko in Kauf nehmen, wieder falsch zu liegen? So zeigte unter anderem der «Tages-Anzeiger» auf, dass Reisen bei einem Nein nicht unmöglich wird.
Auch Parmelin deklarierte das Zertifikat noch vor zwei Wochen zum «Angebot der Hoffnung auf Freiheit». Es garantiere «vor einer Infektion geschützt zu sein, währenddessen man alle Vorzüge des sozialen Lebens geniessen kann».
In Anbetracht der nun steigenden Fallzahlen scheint dies nicht mehr überzeugend. Also schweigt man weitgehend. Es wirkt, mitten im Abstimmungskampf, dass man den Gegnern nicht noch mehr Angriffsflächen bieten mag: Also lässt man nun lieber andere reden.

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