Der «Blick» enthüllt: Alain Berset wurde vom Ausland bedroht

Der «Blick» enthüllt: Alain Berset wurde vom Ausland bedroht

Für das Boulevardblatt ist Alain Berset zum Vornherein das Opfer. Es konstruiert dafür sogar eine Bedrohung aus dem Ausland.

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von Dominik Feusi am 17.9.2021, 12:39 Uhr
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Der «Blick» hat es herausgefunden. Grund für den Einsatz der Polizei bei einer ehemaligen Liebschaft von Bundesrat Alain Berset war nicht der Gesundheitsminister, sondern im Vorfeld in «verschiedenen Sprachen» telefonisch eingegangene Drohungen aus dem Ausland (Link):
«Wie Blick-Recherchen zeigen, bestand bei den Behörden zum Zeitpunkt der Hausdurchsuchung noch Unsicherheit darüber, ob die Erpressung nicht doch im Zusammenhang mit den Drohanrufen stand. Denn als die in verschiedenen Sprachen geäusserten Drohanrufe aus Deutschland eingingen, hatte sich die Frau zeitweise in Deutschland befunden.»

Ohne Belege oder Quelle

Dann sieht die Sache natürlich komplett anders aus, als die «Weltwoche» berichtete (Link). Nur: Belege oder eine Quelle für diese These liefert der – Alain Berset stets wohlgesinnte – «Blick» keine. Es bleibt beim Raunen darüber, dass es sich um eine ausländische Bedrohung des Gesundheitsministers gehandelt haben könnte. Darum der Polizeieinsatz, darum der Einsatz von Generalsekretär und Informationschef. Gegenüber dem Feind aus dem Ausland (der überdies in «verschiedenen Sprachen» operiert) müssen wir hier in der Schweiz doch zusammenstehen. Ist doch klar!
Die Empörung über das Ausland geht auf Kosten der Genauigkeit. Ob der Anwalt von Alain Berset gegenüber der Bundesanwaltschaft falsche Angaben gemacht hat, wie die «Weltwoche» berichtet, interessiert den «Blick» gar nicht. Dafür ist für ihn bereits klar, dass sich die Vorwürfe der «Weltwoche» nicht erhärten lassen. Und er warnt noch, dass es wegen des Artikels ein Verfahren geben könnte, weil aus geheimen Akten zitiert worden sei – etwas ganz Schlimmes und Verbotenes, das «Blick»-Journalisten selbstverständlich nie tun würden.

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Alain Berset wurde von einer ehemaligen Geliebten unter Druck gesetzt (Bild: Ruben Sprich).

Weit haben wir es gebracht

Man staunt über Journalisten, die Berufskollegen mit dem Holzhammer des Strafgesetzbuches drohen: Weit haben wir es in der Medienwelt gebracht. Zufrieden mit der Berichterstattung im «Blick» dürfte einzig Alain Berset sein.
Es ist eine mühsame Aufgabe für Journalisten, wenn sie eine gute Story der Konkurrenz nacherzählen müssen. Und wenn es sich um eine Geschichte auf der Basis von unveröffentlichten Akten handelt, dann ist es schwer, sie innert Kürze relevant weiterzutreiben. Aber diese Situation kommt ab und zu vor, und es gehört zum Jobprofil, daraus journalistisch das Beste zu machen.

Das schrieben die anderen

Die Tamedia-Blätter haben das Problem gut gelöst, in dem sie die relevanten Teile der Geschichte nacherzählt haben und berichten, dass sich die Geschäftsprüfungskommissionen des Parlamentes der Sache annehmen (Link). Ebenso die NZZ, die ruhig erzählt, worum es geht, und Vermutungen über das Leck der Akten anstellt (Link). Radio SRF hat offenbar kurz über den Fall berichtet. Auf der Website von SRF, wo sonst alles verwertet wird, was irgendwie läuft, findet man allerdings nichts dazu.
(Der Nebelspalter behandelte die Affäre im Podcast «Bern einfach»: Link)

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