Archivperlen: Das wird man wohl noch vergleichen dürfen

Archivperlen: Das wird man wohl noch vergleichen dürfen

Vor fast genau 101 Jahren erschien dieses Gedicht im Nebelspalter. Wir befinden uns derzeit in der achten Strophe - auch wenn es damals um die Spanische Grippe ging.

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von Marco Ratschiller am 17.3.2021, 18:59 Uhr
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Das Gedicht «Die Grippe und die Menschen» von 1920 in Oirignal-Fraktur.

Als Würger zieht im Land herum
Mit Trommel und mit Hippe,
Mit schauerlichem Bum, bum, bumm,
Tief schwarz verhüllt die Grippe.

Sie kehrt in jedem Hause ein
Und schneidet volle Garben -
Viel rosenrote Jungfräulein
Und kecke Burschen starben.

Es schrie das Volk in seiner Not
Laut auf zu den Behörden:
«Was wartet ihr? Schützt uns vorm Tod -
Was soll aus uns noch werden?

Ihr habt die Macht und auch die Pflicht -
Nun zeiget eure Grütze -
Wir raten euch: Jetzt drückt euch nicht.
Zu was seid ihr sonst nütze!

's ist ein Skandal, wie man es treibt.
Wo bleiben die Verbote?
Man singt und tanzt, juheit und kneipt.
Gibt's nicht genug schon Tote?»

Die Landesväter rieten her
Und hin in ihrem Hirne.
Wie dieser Not zu wehren wär',
Mit sorgenvoller Stirne:

Und sieh', die Mühe ward belohnt.
Ihr Denken ward gesegnet:
Bald hat es, schwer und ungewohnt,
Verbote nur geregnet.

Die Grippe duckt sich tief und scheu
Und wollte sacht verschwinden –
Da johlte schon das Volks aufs Neu'
Aus hunderttausend Mündern:

«Regierung, he! Bist du verrückt –
Was soll dies alles heissen?
Was soll der Krimskrams, der uns drückt,
Ihr Weisesten der Weisen?

Sind wir den bloss zum Steuern da,
Was nehmt ihr jede Freude?
Und just zu Fastnachtszeiten – ha!»
So gröhlt und tobt die Meute.

«Die Kirche mögt verbieten ihr,
Das Singen und das Beten –
Betreffs des andern lassen wir
Jedoch nicht nah uns treten!

Das war es nicht, was wir gewollt.
Gebt frei das Tanzen, Saufen.
Sonst kommt das Volk – hört, wie es grollt,
Stadtwärts in hellen Haufen!»

Die Grippe, die am letzten Loch
Schon pfiff, sie blinzelt leise
Und spricht: «Na endlich – also doch!»
Und lacht auf häm'sche Weise.

«Ja, ja – sie bleibt doch immer gleich
Die alte Menschensippe!»
Sie reckt empor sich hoch und bleich
Und schärft aufs neu die Hippe.

Signiert ist das Gedicht, das am 6. März 1920 im Nebelspalter erschien, mit «A.Z.». Mit grösster Wahrscheinlichkeit stehen die Initialen für den Zürcher Arzt und Mundartschriftsteller Arthur Zimmermann (1864-1948, der in jenen Jahren immer wieder Gedichte zum Nebelspalter beisteuerte. Er war von 1915 – 1935 Sekretär der Zürcher Gesundheitsdirektion und damit vermutlich sehr direkt in die Grippe-Massnahmen involviert.


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