Das Land ohne Pandemie – Was hat Dänemark besser gemacht als die Schweiz?

Das Land ohne Pandemie – Was hat Dänemark besser gemacht als die Schweiz?

Die Maskenpflicht fiel schon länger, dann folgte die Zertifikatspflicht, und bald werden auch die letzten Massnahmen aufgehoben. Dänemark stuft Corona zur Grippe ab. Ein Luxus, von dem die Schweiz weit entfernt ist.

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von Stefan Bill am 2.9.2021, 17:00 Uhr
Die Dänen haben die Maske längst abgenommen. Bald fallen auch die letzten Einschränkungen. (Bild: Shutterstock)
Die Dänen haben die Maske längst abgenommen. Bald fallen auch die letzten Einschränkungen. (Bild: Shutterstock)
Die Pandemie ist beendet! So lautet die Botschaft in Dänemark. Während man bei uns mit der Ausdehnung der Zertifikatspflicht liebäugelt, schafft Dänemark das Zertifikat ab – gänzlich.
Am 1. August wurde die Zertifikatspflicht für die meisten Bereiche abgeschafft. Für den Rest der Wirtschaft endete sie am 1. September. Und ab dem 10. September dürfen auch Clubs wieder öffnen und Grossveranstaltungen ohne Einschränkungen oder Zertifikate stattfinden.
Und die Masken? Die sind schon lange kein Thema mehr. Bereits am 14. Juni wurde die Maskenpflicht aufgehoben – ausser für Passagiere im öffentlichen Verkehr, die nicht sitzen. Doch auch die dürfen seit dem 14. August maskenfrei stehen.
Während Dänemark seit Beginn der Pandemie 444 Tote pro Million Einwohner zu beklagen hat, sind es bei uns rund 1207. Und während wir in der Schweiz eine 7-Tage-Inzidenz von 202,8 haben, ist sie in Dänemark bloss halb so hoch. Denn in Dänemark sind fast 72 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft, und die Regierung geht davon aus, dass man diesen Wert noch auf 90 Prozent steigern kann. «Die Epidemie ist unter Kontrolle, wir haben rekordhohe Impfraten», wird der dänische Gesundheitsminister, Magnus Heunicke, auf der Ministeriums-Website zitiert. Die Regierung habe versprochen, nicht länger als nötig an den Massnahmen festzuhalten. «Und nun sind wir da.»
Uns hat man auch versprochen, dass man das Zertifikat nur so lange bräuchte, bis alle geimpft sind, die das wollen. Doch in der Schweiz will die Regierung nun – und ich wage es an dieser Stelle einfach einmal auszusprechen – faktisch einen Impfzwang einführen, damit wir unsere Impfquote, die bei etwas über 50 Prozent herum dümpelt, hochdrücken können.

Vertrauen ist der Schlüssel

Doch was hat Dänemark besser gemacht? Warum ist die Impfquote so viel höher? Warum können sich die Dänen die Freiheit nehmen, die Pandemie mal kurzerhand als beendet zu erklären?
Die Antworten auf diese Fragen haben alle mit Vertrauen zu tun. Vertrauen der Regierung in die Bevölkerung, aber vor allem auch umgekehrt.
Dänemark beschloss als eines der ersten Länder bereits im März 2020 einen harten Lockdown. Ebenfalls als eines der ersten Länder hat Dänemark das Covid-Zertifikat flächendeckend eingeführt. Nämlich bereits im April dieses Jahres.
Der entscheidende Unterschied zur Schweiz: In Dänemark versprach das Zertifikat einen Weg aus dem Winter-Lockdown. Es war ein Weg in die Freiheit. Bei uns ist es ein Weg aus der Freiheit. Es kommt zu einem Zeitpunkt, wo bei uns eigentlich (abgesehen von der Maskenpflicht) fast alles wieder normal ist. Und nun, mitten in der «Normalisierungsphase», will man fast die Hälfte der Bevölkerung zurück in den Lockdown schicken. Oder zum Impfen «bewegen». Das macht man unter anderem, indem man die Tests kostenpflichtig erklärt. Und auch das ist ein wichtiger Unterschied zu den Dänen. Denn bei ihnen konnte man sich jederzeit testen lassen. Auch ohne Symptome, und vor allem: gratis. Es gab also nie einen indirekten Impfzwang. Trotzdem, oder vielleicht sogar deshalb, haben sich viele Leute impfen lassen. Denn das Vertrauen in die Regierung war stets gross. Wenn die Regierung die Impfung als Weg aus der Pandemie aufzeigte, folgte die Bevölkerung.
Doch in der Schweiz hat das Vertrauen in die Regierung massiv Schaden genommen. Während eineinhalb Jahren wurden immer wieder falsche Aussagen gemacht, Aussagen korrigiert, Versprechen gebrochen und Prognosen abgegeben, die nicht stimmten.
Während uns vor Monaten versprochen wurde, dass das Zertifikat nur als Übergangslösung bis zur Normalisierungsphase und mit grosser Zurückhaltung benutzt werde, gab es solche Versprechen in Dänemark nicht. Dementsprechend konnten sie auch nicht gebrochen werden.
Und zuletzt spielt auch eine Prise Mut mit. Denn Dänemark hat sich früh von der Maskenpflicht verabschiedet, was von vielen kritisiert wurde. Und auch für den kommenden Winter rechnet das Land mit 700’000 Neuinfektionen und etwa 21’000 Krankenhauseinweisungen. Doch ist man überzeugt, dass die Spitäler diese Zahlen stemmen können. Somit wird Corona künftig wie eine Grippe behandelt und nicht mehr als Gefahr für die Gesellschaft eingestuft, selbst wenn die Zahlen steigen würden. Ob auch dieser mutige Schritt aufgehen wird, wird sich zeigen. Auf jeden Fall hat das Land bereits schon mit Auffrischungsimpfungen für gefährdete Personen begonnen. Da die Zertifikate aber abgeschafft wurden, bleiben diese ebenfalls freiwillig.

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