Somms Memo

«Das ist wie im Zweiten Weltkrieg». Ein Augenzeugenbericht aus der Ukraine.

image 24. Januar 2023, 11:30
Seit Monaten wird um Bachmut, eine kleine Stadt im Osten der Ukraine, gerungen.
Seit Monaten wird um Bachmut, eine kleine Stadt im Osten der Ukraine, gerungen.
Die Fakten: Die Kämpfe in der Region Bachmut dauern an. Die Russen haben Geländegewinne erzielt. Den Ukrainern fehlt es an Munition, Waffen, Truppen. Warum das wichtig ist: Wer glaubt, die Ukrainer seien in einer guten Position, irrt. Russland hat die Oberhand. Die Ukrainer wanken. Ein Augenzeugenbericht von der Front. Philipp Henze ist ein deutscher Unternehmer, der jetzt in der Nähe von Bachmut den Ukrainern hilft, ihre Verwundeten so rasch als möglich zu versorgen. Er diente früher vier Jahre lang als Zeitsoldat bei der Bundeswehr.
  • «Ich war im Irak-Krieg, in Afghanistan, in Libyen. Doch so etwas habe ich noch nie gesehen. Das ist wie im Zweiten Weltkrieg».

Vermittelt von einem guten Bekannten, erhielt ich gestern die Gelegenheit, mit Henze am Telefon zu sprechen. Er redet ruhig und präzise, dennoch spüre ich, wie aufgebracht er ist. «Scheisse» sagt er hin und wieder, aber nicht oft:
  • «Wer behauptet, er hätte so etwas schon einmal erlebt, lügt. So einen Krieg haben das letzte Mal vielleicht unsere Grosseltern durchgemacht.»

Henze befindet sich unmittelbar an der Front, der sogenannten Zero Line. Alle Minuten werden Verwundete angeliefert, Männer, die schreien, Männer, die nichts mehr von sich geben, Männer, die bluten und bald sterben.
  • «Als ich hier letztes Jahr anfing, hatten die Ukrainer in ihren Einheiten keine eigenen Medics, also Sanitäter oder Ärzte. Wen es getroffen hatte, starb meistens auf der Stelle.» Auf medizinische Hilfe war nicht zu hoffen.

Heute ist die Situation allerdings nicht viel besser; immerhin, so erzählt Henze, bringen er und seine Leute es jetzt fertig, die goldene Regel der Nato einzuhalten: Wenn jemand verwundet wird, stellen sie sicher, dass er innert einer Stunde auf den Operationstisch zu liegen kommt – sofern er bis dann den Transport überlebt. Logistisch und militärisch, sowie was das medizinische Fachwissen betrifft, physisch, aber auch mental handelt es sich um eine gewaltige Herausforderung.
  • «Wir schaffen es in 40 bis 50 Minuten».

«Wir», das sind er und die Leute der eigenen Firma, in der Regel Deutsche; wobei die meisten wie er über medizinische Kenntnisse verfügen. Henze selbst hat in der Armee eine Ausbildung als Combat First Responder, oder kurz: CFR Bravo, erhalten, eine Spezialschulung höherer Stufe als eine Art Notfallsanitäter unter Gefechtsbedingungen. Seine Firma heisst Wodan International Ltd. Sie hat sich seit Jahren auf sogenannte MedEvac spezialisiert, eine englische Abkürzung, die für «Medical Evacuation» steht, zu deutsch: Medizinische Evakuierung.
  • «We enable safe working in hostile environments», heisst es auf der Homepage, «Wir ermöglichen sicheres Arbeiten in feindseliger Umgebung».

In der Tat.
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Wenn er und seine Leute nun an der russisch-ukrainischen Front die Verwundeten bergen, kommt es häufig vor, dass sie noch vor Ort operieren müssen. Russische Drohnen fliegen herum und melden seinen Standort an die Artillerie, so dass es innert Minuten kracht – was Henze und seine Mitarbeiter zwingt, sich unablässig an einen anderen Ort zu bewegen.
  • «Manchmal verschieben wir uns vier- bis fünfmal.» Was das für den Patienten bedeutet, kann man sich ausmalen. Unendliche Schmerzen, oft der Tod.

Entgegen dem Eindruck, der sich hier im Westen eingestellt hat, weil wir unablässig von den Milliarden von Militärhilfe lesen, die die Amerikaner und die Europäer angeblich in die Ukraine schicken, ist die Ausrüstung der Ukrainer jämmerlich:
  • «Es fehlt an medizinischem Material, Medikamenten, Verbänden, Instrumenten. Es fehlt an allen Ecken und Enden

Wer ein Krankenhaus besucht, erlebt Szenen, wie man sie in Filmen sieht, die im Ersten Weltkrieg spielen.
  • «Überall liegen Verwundete auf dem Boden herum – es blutet, es stöhnt, es jammert. Ärzte nehmen die Triage vor und entscheiden, wen man überhaupt noch behandelt, oder wen man besser sterben lässt, weil er nicht mehr zu retten ist.»

Chaos, Dreck, Verzweiflung, Tod. Von Ambulanzen, insbesondere gepanzerten Wagen, oder von Helikoptern, in denen man die verwundeten Soldaten von der Front wegschaffen könnte, ist wenig vorhanden. Die Ukrainer behelfen sich mit privaten Personenwagen. Auch Henze transportiert seine Patienten in einem VW Touareg. Er schickt mir Bilder und Videos. Stumme, leidende Soldaten liegen aufeinander, verknäuelt, leblos wie Puppen, Sanitäter drehen sie um, tasten nach Wunden, daneben liegen Wärmefolien, die vom Blut verschmutzt sind, ich höre ein Gemisch aus Ukrainisch und Deutsch, es herrscht Aufregung und gewissenhafte Routine zugleich. Wer sich wie wir Sorgen macht, ob er rechtzeitig das Tram erreicht oder im Restaurant einen Tisch bekommt, fühlt sich irgendwie lächerlich. Ist es nicht surreal? Ich sitze an meinem Schreibtisch in Zürich und rede mit einem Mann, der mir aus der Hölle berichtet, wo er sich aufhält, während die Menschen um ihn herum geschunden werden. Ich mache Notizen. Heute ist es aber speziell kalt, denke ich vielleicht, und schraube an der Heizung. In Bachmut wird unterdessen gestorben.
  • «Warum sind Sie in der Ukraine? Warum tun Sie das?», frage ich.
  • «Ich habe die Ausbildung, um hier zu helfen. Besitze eine Firma, die das beherrscht. Ich tue es aus Solidarität mit den Ukrainern, die für ihre Freiheit und Demokratie kämpfen – auf für uns.»

Was nicht bedeutet, dass Henze unkritisch alles bejubeln würde, was die Ukrainer tun. Insbesondere was die Spenden betrifft, wundert er sich, wo das viele Geld verschwindet?
  • «An der Front kommt es jedenfalls nicht an. In Kiew herrscht die Korruption. Manche Leute dort müssen sich an Spenden nur so gesund gestossen haben.»

Henze ist überzeugt: Wenn der Westen nicht schleunigst schwere Waffen schickt, verlieren die Ukrainer diesen Krieg. Um ihre Verteidigungslinien ist es viel schlechter bestellt, als man im Westen meint, wenn man die hiesigen Medien konsumiert. Von russischer Not und ukrainischem Kriegsglück kann keine Rede sein. Im Gegenteil.
  • «Es mangelt an Munition und an Waffen. Auch gehen der Ukraine die gut ausgebildeten Soldaten aus. Weil sie verwundet sind oder gestorben sind.»

Es sind die Russen, die vorstossen. Es sind die Ukrainer, die untergehen. Mascha Kaléko, die jüdische, deutschsprachige Dichterin, die in Österreich-Ungarn geboren, in Berlin lebte, bis sie vor den Nazis floh, schrieb dieses Gedicht: «Es fragt uns keiner, ob es uns gefällt, ob wir das Leben lieben oder hassen, wir kommen ungefragt auf diese Welt und müssen sie auch ungefragt verlassen.» Ich wünsche Ihnen einen guten Tag Markus Somm

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