Das Ende einer Woche voller Hoffnungen, Erwartungen und Verhaftungen

Das Ende einer Woche voller Hoffnungen, Erwartungen und Verhaftungen

Am Montag haben sich die Klimaaktivisten vor den Banken an Fässer gekettet und ihre Parolen lautstark über den Paradeplatz gerufen. Heute, fünf Tage später, gipfelt ihre Aktionswoche schliesslich in einer Demonstration in Bern.

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von Stefan Bill am 6.8.2021, 18:00 Uhr
Die Klimaaktivisten sprechen auf dem Münsterplatz zu ihren Anhängern.
Die Klimaaktivisten sprechen auf dem Münsterplatz zu ihren Anhängern.
Mitarbeit: Fabienne Niederer
Bereits in den Zugabteilen erkennt man sie, mit ihren zusammengerollten Fahnen und den Plakaten, die aus den Rucksäcken hervorlugen – die Klimaaktivisten, die sich vom Klimacamp in Zürich her auf den Weg in die Schweizer Bundesstadt machen.
Auf dem Berner Münsterplatz versammeln sie sich. Rund 1000 Menschen erscheinen zu der bewilligten Kundgebung – erwartet werden von der Polizei im Vorfeld mehr, circa 3000. Wie dem auch sei, die Botschaft, die sie der Welt mitteilen möchten, ist dieselbe wie immer: «Rettet das Klima!»
Organisiert ist die Demonstration von der Schweizer «Rise Up For Change»-Bewegung, die sich immer wieder mit Aktionen für mehr Klimaschutz ausspricht. Zuletzt am Montag auf dem Zürcher Paradeplatz, als sich mehrere Dutzend Demonstranten vor der Credit Suisse und UBS versammeln und deren Eingänge blockieren. Über 80 Personen werden an diesem Morgen verhaftet. (Lesen Sie hier unsere Reportage: Sie hängen in Gerüsten, sie ketten sich an Fässer.)
An diesem Freitag geht es deutlich friedlicher zu – weniger «ziviler Ungehorsam». Auch das Klientel hat sich verändert. Im Gegensatz zu den vergangenen Tagen in Zürich sind hier in Bern auch viele ältere Menschen anzutreffen. Es wird deutlich, dass die Klimabewegung schon längst nicht mehr nur der jüngeren Generation vorbehalten ist.
Von Plakaten mit der Aufschrift «Klima-Grosi» bis zu selbstgemachten Transparenten, die von Rentnern hochgehalten werden, finden sich auf dem Münsterplatz da zahlreiche Beispiele.
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Auch die älteren Semester sind diesmal an der Demonstration vertreten. (Foto: Stefan Bill)

Klimaaktivisten: «Es braucht Druck!»

Auf einer extra aufgestellten Bühne werden die Botschaften und Forderungen mit der Menschenmenge geteilt – auf Deutsch, Französisch und, mithilfe einer Dolmetscherin, in Zeichensprache. «Das Argument, dass wir die Krise durch Selbstverantwortung lösen können, ist zynisch und frech», verkünden die Moderatorinnen. «Es braucht Druck!»
Dann wird ein Lied gesungen: «Fight for climate justice».
Dann kommt eine neue Rednerin. Die Botschaft bleibt jedoch in etwa die gleiche. Fünf Minuten Rede. Dann folgt wieder ein Lied.
Auf dem Münsterplatz herrscht schon fast ein wenig Volksfeststimmung.
So geht das weiter. Es wird eine Sprachnachricht von einer direkt Betroffenen des Klimawandels aus Mosambik abgespielt. Wieder folgen Parolen. Es geht darum, «für die Menschen zu sprechen, die ihre Stimme nicht erheben können, für die Arten, die aussterben, für die Zukunft des Planeten» und natürlich: «für unsere Zukunft.» Die Masse macht mit, ist begeistert.
Es geht um Solidarität, politische Korrektheit und was sonst noch dazugehört. Auch Stände, die für den Frauenstreik werben, sind aufgestellt. Solidarität scheint dann auch schon das Stichwort zu sein: Denn was die Maskenpflicht betrifft, sind die Demonstrantinnen und Demonstranten gewissenhaft, und auch die Moderatorinnen auf der Bühne erinnern daran: «Es freut uns, dass ihr so zahlreich erschienen seid, aber bitte vergesst nicht, dass die Coronakrise noch nicht vorbei ist.» Trotzdem ist man hier zusammen, will die Woche und das Erreichte feiern.
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Einige Aktivisten erscheinen nach einer Woche des zivilen Ungehorsams sichtbar mitgenommen. (Foto: Stefan Bill)
Daher wirkt auch Frida Kohlmann, Mediensprecherin für «Rise Up For Change», sehr zufrieden, als sie Bilanz zieht. «Wir konnten die Themenkritik und unsere Forderungen gut platzieren und in der Öffentlichkeit das Problem bekannt machen, dass Investitionen und Finanzierungen von fossilen Energieträgern getätigt werden.» Um die Meinung der Öffentlichkeit gegenüber der Bewegung, die vom zivilen Ungehorsam womöglich negativ beeinträchtigt worden sein könnte, macht sie sich keine Sorgen: «Auf der einen Seite werden durch die Störung vom Klima den Menschen die Lebensgrundlage entzogen, und auf der anderen Seite sitzen ein paar Menschen vor einer Bank.»
Das müsse man in eine Relation bringen. «Und ich traue jedem Menschen mit einem gesunden Menschenverstand zu, das zu tun.» Wer möchte, könne natürlich ein Drama machen. «Das wird auch immer gemacht, man weiss auch von wem es gemacht wird. Und insofern haben wir das Gefühl, wir haben eher an Sympathien gewonnen.»
Vor Ort ist auch Rumen Grabow, der für die Demonstration extra aus Berlin angereist ist. Er ist dort ebenfalls Mitglied der «Rise Up For Change»-Bewegung. Der 20-Jährige will vor allem vor den deutschen Bundestagswahlen zusätzlich Druck machen und hat sich daher zu einem drastischen Mittel entschieden: «Im August werde ich, gemeinsam mit ein paar anderen, in den unbegrenzten Hungerstreik treten.» Grabow will damit ein Zeichen gegen die aktuelle Klimapolitik setzen. «Natürlich macht es mir auch Angst, diesen Schritt zu gehen, aber ich habe schon so viele verschiedene Wege ausprobiert, und sehe einfach, dass es nicht ausreicht.» Für Grabow ist klar: Die Klimakrise ist keine Meinungssache. Bekommt er durch sein drastisches Handeln negatives Feedback?
Ruben Grabow zu seinem geplanten Hungerstreik.

Und wie geht es nun weiter?

Im Anschluss an die Demonstration organisiert sich die Menge um: Es entsteht ein friedlicher Marsch durch die Berner Altstadt, der schliesslich in der Reithalle nahe des Bahnhofes endet. Verpflegung für die Demonstrantinnen und Demonstranten steht dort schon bereit.
Mit der Demonstration in Bern geht die Aktionswoche der Klimademonstranten zwar zu Ende – trotzdem gebe es noch einiges zu tun, wie Kohlmann erklärt. «Heute wird noch gefeiert, aber dann werden wir diese Woche evaluieren und schauen, was man besser machen kann. Wir entscheiden uns, ob wir bei dem Thema Finanzen bleiben oder ob es weitere Anliegen gibt, die wir auch wichtig finden.» Daraus resultieren dann wiederum neue Themen. «Zudem gibt es internationale Klimastreiktage am 21. September, wo das Klimabündnis wieder aktiv sein wird. Und auch am Klimagipfel im Oktober in Glasgow wird es etwas geben.» Die Tage der Klimademos sind also alles andere als gezählt.

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