Corona-Pandemie: Erlöst uns Omikron?

Corona-Pandemie: Erlöst uns Omikron?

Noch ist unklar, wie gefährlich Omikron ist. Dennoch überbieten sich Journalisten, Politiker und Virus-Beamten gegenseitig mit pechschwarzen Warnungen. Dabei besteht Anlass zur Hoffnung. Omikron scheint harmloser als Delta.

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von Markus Somm am 18.12.2021, 04:28 Uhr
Die Omikron-Variante wurde zuerst in Südafrika entdeckt. Dann verbreitete sie sich in Windeseile über alle Kontinente.
Die Omikron-Variante wurde zuerst in Südafrika entdeckt. Dann verbreitete sie sich in Windeseile über alle Kontinente.
Pünktlich zu Weihnachten hat sich mit Omikron eine neue Corona-Variante gemeldet, um uns alle die Festtage zu vergällen, so macht es fast den Anschein. Dafür können die Medien nichts. Auch die Behörden sind nicht schuld – und doch wiederholt sich etwas, was seit Beginn der Pandemie irritiert: Dass immer über das Negative, das Pech, die düsteren Aussichten, kurz: die Finsternis berichtet wird, nie aber über das Positive, das Helle, das Licht.
Wie zum Beispiel Omikron. Schnell war klar, dass sich diese Mutante als ansteckender erweisen dürfte; unklar dagegen bleibt bis zur Stunde, ob sie auch gefährlicher ist. Meistens, das lehrt die Vergangenheit und sagen uns die Mediziner, mutiert ein Virus zwar, damit es sich unter anderem noch leichter verbreiten kann, gleichzeitig jedoch büsst es an Gefährlichkeit ein, zumal dies auch im «Eigeninteresse» des Virus liegt. Es hat nichts davon, wenn der Wirt, den es heimsucht, zu rasch stirbt. Zugegeben, manchmal gilt diese Regel nicht.

In die Katastrophe verliebt: die Medien

Wenn man aber in den letzten Tagen die schweizerischen Medien konsultierte, dann wurde zwar breitflächig dargestellt, wie rasant sich das Virus durch Südafrika frass, um genauso rasch in Europa oder Amerika aufzutauchen. Vom Risiko, das das für uns bedeutete, erfuhr man wenig, meistens wichen die Journalisten aus. Sie blieben schweigsam oder kleinlaut – und erwähnten nur ganz nebenbei, dass offen war, was das für uns bedeutete: Ist es schlimmer oder weniger schlimm? Man beliess es bei Prognosen, die in etwa so lauteten: «Es könnte sein, dass es damit zu mehr Hospitalisierungen kommt». Dass auch das Gegenteil denkbar war – davon las man selten.
Dabei hätte man es besser wissen können. Oder besser: Geradeso, wie man ständig belastende Indizien hervorkramte, die vermuten liessen, dass Omikron eine neue Katastrophe heraufbeschwören könnte, wäre es angezeigt gewesen nach entlastenden Fakten zu forschen: Erkenntnissen, die uns zuversichtlich stimmten – statt depressiv. Doch darauf kam offenbar niemand – ob in den Redaktionen oder im Bundesamt für Gesundheit – das sich ohnehin besser umbenennen lassen sollte: zum Bundesamt für Krankheit. BAK. Ich wiederhole mich: Man hätte auch anders über diese neue Variante berichten können.

Zeitzeugin, ungehört

Denn ausgerechnet Angelique Coetzee, jene südafrikanische Ärztin, die die Omikron-Variante als erste bei ihren Patienten entdeckt hatte, gab schon früh Entwarnung:
«Als Hausärztin, die seit mehr als 33 Jahren praktiziert, bin ich eine der Fusssoldatinnen, die die Patienten zuerst sieht», schrieb sie in der Daily Mail, einer britischen Zeitung diese Woche: «Wir beschäftigen uns tagtäglich mit realen Menschen, nicht mit statistischen Prognosen, und ich kann Ihnen versichern, dass die Symptome, die bei Menschen mit Omikron auftreten, im Vergleich zu denen, die wir mit der weitaus gefährlicheren Delta-Variante sehen, sehr, sehr mild sind ... ».
Coetzee erschien auch in einem Interview mit der BBC, immer noch in der Hoffnung, damit die britische Regierung umzustimmen, die wegen Omikron abermals Verschärfungen ihrer Corona-Politik einleitete. Offensichtlich ohne Erfolg. Boris Johnson, im Sumpf eines Skandals versinkend, konnte vermutlich der Versuchung nicht widerstehen, mit einem erneutem Corona-Alarm davon abzulenken. Engste Mitarbeiter von ihm hatten vor einem Jahr eine Weihnachtsparty gefeiert – und damit gegen die zahllose Corona-Regeln verstossen, die Johnson der ganzen Bevölkerung gleichzeitig verordnet hatte.
Es lohnt sich die Südafrikanerin anzuhören. In der Daily Mail fuhr Coetzee fort:
«In dem Teil Südafrikas, in dem ich arbeite, wurden nicht viele Patienten mit Omikron ins Krankenhaus eingeliefert, und die meisten wurden zu Hause mit entzündungshemmenden Medikamenten wie Ibuprofen und niedrigen Dosen von Cortison behandelt.»
Das erinnert an die 1950er Jahre, als die Asiatische Grippe die halbe Welt ins Krankenbett brachte und der damalige US-Präsident Dwight D. Eisenhower seinen bedauernswerten Mitbürgern nichts anderes zu sagen hatte als ihnen per Fernsehansprache das auf dem Weg mitzugeben: «Wenn es ihnen nicht gut geht, bleiben Sie zu Hause und trinken Sie viel Tee!» Dieser Grippe fielen weltweit ein bis zwei Millionen Menschen zum Opfer.

Zuversicht statt Furcht und Elend

Gewiss, noch haben wir Corona nicht überstanden. Wenn wir jedoch Coetzees Worten Beachtung schenken, dann ist Zuversicht gestattet:
«Denken Sie auch daran, dass die meisten derjenigen, die sich hier mit Omikron infizieren, ungeimpft sind (nur 26 Prozent der Südafrikaner sind vollständig geimpft). Obwohl dies sicherlich kein Argument gegen Impfungen ist – ich kann ihren Nutzen nicht genug betonen – ist es beruhigend zu wissen, dass selbst ungeschützte Körper diese Variante viel leichter zu bekämpfen imstande sind als Delta. Aktuelle Daten deuten darauf hin, dass die Mehrheit der auf Intensivstationen zugelassenen Fälle ungeimpfte Menschen sind.»
Warum hören oder lesen wir in unseren Medien nichts dergleichen? Warum vermittelt uns das Bundesamt für Gesundheit nicht beide Seiten der Medaille: die matte – und die silberne?
Verschiedene Gründe sind denkbar:
- Die Journalisten lieben die Katastrophe – generell. Das macht sie wichtig, das erhöht die Click-Zahlen.
- Die Behörden sind paternalistisch: Wie Väter und Mütter glauben sie, man könne nie zu viel warnen, weil die Kinder es sonst nicht merkten.
- Alle haben es sich inzwischen so gemütlich im Krisenmodus eingerichtet, dass dies nun paradoxerweise eine Art Comfort-Zone geworden ist. Unbequem, lästig – aber immerhin vertraut. Man verspürt geradezu Angst, endlich aus der Krise herauszukommen.
- Es fehlt uns Gott. Menschen, deren Sinn des Lebens darin besteht, auf ihr Gewicht zu achten, haben vollkommen das Gespür für das Tragische verloren. Krankheit, Seuche, Tod: Man will das alles fast fieberhaft mit unzähligen Massnahmen zum Vergessen bringen.

Frohe Weihnachten

Am Ende dürften alle diese Faktoren eine Rolle gespielt haben. Ich traue den Zusicherungen von Dr. Coetzee, einer offensichtlich erfahrenen, praktischen Ärztin. Immerhin ist ihr die Virus-Variante auch als erster aufgefallen. Die Frau beherrscht ihr Metier.
Mit anderen Worten, Omikron wird Delta verdrängen – uns aber weniger ins Elend stürzen. Ist es nicht vorstellbar, dass wir damit dem Ende der Pandemie entgegensehen? Das Virus wird uns nicht verlassen, aber es verliert seinen Schrecken.
Das normale Leben kann wieder beginnen. Ich wünsche uns allen frohe Weihnachten und ein gutes, neues Jahr – mit sehr wenig Corona-Nachrichten, ob negativen oder positiven.

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