Coming home. Es ist Zeit, dass wir wieder Schweizer werden.

Coming home. Es ist Zeit, dass wir wieder Schweizer werden.

Lange Zeit galt es als der letzte Schrei, die Welt zu umarmen, die EU zu lieben, die Schweiz zu belächeln. Nicht mehr. Wer in dieser unruhigen Welt überleben will, muss wissen, wer er ist und was er kann.

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von Markus Somm am 1.5.2021, 10:55 Uhr
Rütlischwur, Wilhelm Tell, Marignano? Alles zum Lachen.
Rütlischwur, Wilhelm Tell, Marignano? Alles zum Lachen.
In einem Interview mit der NZZ wurde Ralph Hamers gefragt, was in fünf Jahren bei der UBS noch gleich sein werde, darauf antwortete Hamers, ein Holländer: «Die Swissness. Ich habe den Eindruck, die Schweizer unterschätzen manchmal die Kraft dieser Marke. Swissness steht für Stärke, für Vertrauen, für Zuverlässigkeit.»
Vielleicht braucht es einen Holländer, um die DNA unseres Landes schon nach acht Monaten im Amt so gut zu erkennen. Gewiss, originell ist die Zuschreibung nicht, und doch hört man sie selten von unseren Politikern oder Managern, zwei Gruppen, die oft genug lieber davon reden, dass die Schweiz sich ihrem Umfeld anpassen müsste, – was ja stimmt – als dass sie sich auf die Erforschung unserer nationalen Seele kaprizierten. Nationale Identität? Schweizersein? wie man das früher so schön zusammenschrieb wie bei keiner anderen Nation, nach dem Muster des Schweizerpasses, des Schweizerbürgers oder des Schweizerdegens? All das riecht seit geraumer Zeit nach Geistiger Landesverteidigung, nach kratzigen Militärhosen Modell 1939, nach Rückschrittlichkeit und Bünzlitum.

Im Dickicht der Migration

Und doch wäre es dringender denn je, dass wir Schweizer uns wieder etwas klarer werden, wer wir sind. Was zeichnet uns aus? Gewiss, manche meinen ja, schon allein die Frage sei überholt angesichts der Tatsache, dass so viele Schweizer oder Einwohner der Schweiz noch gar nicht so lange hier leben. Bis zu 40 Prozent der Jungen, so warnen uns die Statistiker, verfügten über einen Migrationshintergrund, will heissen, sie selbst oder ihre Eltern oder ihre Grosseltern (oder ihre Urgrosseltern) sind einmal in dieses Land eingewandert. Doch was soll das bedeuten? Selbst Christoph Blocher, dessen Ururgrossvater einst aus Württemberg gekommen ist, hat so gesehen einen Migrationshintergrund, nicht zu reden von solch berühmten, weil einst mächtigen Schweizerfamilien wie die Sarasin, Pestalozzi oder Turrettini, die je für sich (und in dieser Reihenfolge) so wichtige Städte wie Basel, Zürich oder Genf geprägt haben.
Schon in diesem Hinweis auf die Tatsache, dass viele Schweizer heute Zuwanderer sind, liegt ein Missverständnis. Wenn die Schweiz etwas seit langem kennzeichnet, dann die Zuwanderung; man kann darüber streiten, wie viele Leute es verträgt, und sicher haben wir das derzeit zu wenig im Griff, aber kaum jemand, selbst wenn er sich konservativ fühlt, würde daran zweifeln, dass die Schweiz auch immer ein Land der Immigranten war, – sehr fähigen und weniger fähigen. Gleichzeitig beschwören jene einen falschen Gegensatz herauf, die behaupten, allein die Suche nach einer Schweizer DNA, ja jeder Patriotismus widerspreche dem hehren Ziel der Völkerverständigung – oder der Integration in Europa, genauer: dem Anschluss an die EU. Denn das ist es, wovon die meisten insgeheim träumen, die sich oft so schwer tun mit unserer Geschichte, mit unserer Einzigartigkeit, kurz mit dem Sonderfall.
Was haben diese Propagandisten unserer alternativlosen Zukunft in Europa sich bemüht, den schweizerischen Sonderfall aufzulösen. Zuerst in der Gegenwart: Kaum ein Gesetz, das zur Diskussion stand, wurde verabschiedet ohne die Ermahnung, man müsste das tun, weil im Ausland bereits ein ähnliches beschlossen worden sei. Vorbild war kaum mehr je die Schweiz, sondern immer alle anderen Länder, obschon die meisten unter diesen weniger erfolgreich kutschierten. Irrsinn des Nachäffens. Wenn man schaut, was die Konkurrenz so macht, ist das klug, aber nur solange die Konkurrenz besser ist. Kein Unternehmer würde an einem Bankrotteur Mass nehmen. Wir tun dies seit geraumer Zeit, wann immer wir eine untaugliche Regulierung der EU in unser Gesetz einfügen, – und das geschieht oft genug, auch ohne Rahmenabkommen.

Wer hat Angst vor Wilhelm Tell?

Dann galt es aber auch, den Sonderfall in der Vergangenheit in Abrede zu stellen. Was für Unsinn mussten wir uns anhören. Morgarten habe nie stattgefunden, wurde geraunt, ohne jeden Beleg, während die Quellen eine deutlich andere Sprache sprechen. Rütlischwur, Wilhelm Tell, Marignano? Alles zum Lachen. Entweder mythisch, also erfunden, oder überschätzt, also ideologisch: Das ging so weit, dass die Linke, sprich die Freunde des EU-Beitritts, 2015 das 500jährige Jubiläum der Schlacht von Marignano einfach totschweigen wollte; als geradezu geschmacklos, wenn nicht debil wurde dargestellt, dass man dieser vielleicht folgenreichsten, weil glücklichsten Niederlage der Weltgeschichte feierlich gedacht hätte. Selbst der Bundesrat räusperte sich bloss betreten. Und die Neutralität? Auch diese, so versicherten uns die kritischen Historiker, verdankten wir bestimmt nicht der Vorsicht und Schlauheit unserer Vorfahren, sondern dem Wiener Kongress, also dem Kartell der Grossmächte, gewissermassen den geistigen Vorläufern der EU. Vielen Dank liebes Europa, dass Ihr uns nicht mehr angreift. Ideologie der Unterwerfung.
Es war durchsichtig, aber durchaus wirksam. Heute gibt es kaum mehr einen Schüler oder eine Schülerin, die allzu viel über die Schweizer Geschichte wüssten. Im Sinne der Imitation lernen sie nun über die Verstrickungen einzelner Schweizer in den Sklavenhandel – als wären wir Amerikaner, deren Staat die Sklaverei einmal als «besondere Institution» akzeptiert hatte – doch, warum es dieses kuriose Land mitten in Europa überhaupt gibt, das lernen unsere Jugendlichen nicht mehr. Schon das zu verlangen, wirkte abartig, wenn nicht reaktionär.
Stärke, Vertrauen, Zuverlässigkeit. Besser könnte man die Hinterlassenschaft, die Langzeitfolgen des schweizerischen Sonderfalls vielleicht nicht beschreiben. Ralph Hamers, den ich bewusst als Holländer bezeichne, weil dies der Begriff ist, der uns seit jeher emotional vertraut ist, hat das richtig gesehen. Vielleicht weil auch die Holländer für lange Zeit einen Sonderfall in Europa dargestellt haben: Republikaner wie wir (bis sie leider einen Monarchen bestimmten), vorwiegend Calvinisten, also Reformierte, wie traditionell mehr als die Hälfte der Schweizer einst, ein Volk auch, das vor allem Geld verdienen will, wo das Merkantile, das Krämerische, das Unternehmerische nichts Anrüchiges hat.
Wer sind wir? Es ist Zeit, dass wir uns wieder mit dieser Frage befassen. Denn nur wer weiss, woher er kommt, was er kann und was nicht, bringt die Kraft auf, zu überleben. Die Zeiten sind unruhig. Umso mehr brauchen wir dieses Selbstvertrauen. Coming home. Die Rückkehr der Schweizer in die Schweiz, das steht an.
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