Brotzeit mit Heitlinger

Brotzeit mit Heitlinger

Der Leib Christi, heiliges Mysterium, das Brot der Welt. «Maul auf, Zunge raus!» Die Hostie, verabreicht von der goldenen Schale direkt in den Mund der Gläubigen. Die Gläubigen waren wir, eine Schar von rotznasigen Internatsbuben.

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von Oliver Hepp am 13.9.2021, 07:00 Uhr
Cartoon: Petra Kaster
Cartoon: Petra Kaster

Der Verabreicher: korpulent, schwarzer Talar, goldene Nickelbrille, Gläser wie Flaschenböden, die seine Augen winzig klein erscheinen liessen. Ein grosser, schwarzer Maulwurf, der dich fixiert und herrisch und in akzentuiert schwäbischer Färbung die Schlange der andächtig schüchtern angetretenen Internatsbuben abfertigt.
Statt «Der Leib Christi» ein «Maul auf, Zunge raus!». Bereitwillig lies­sen wir uns die Hostie auf die ausgestreckten Zungen kleben. Das Geheimnis des Glaubens, als geteiltes Brot so wie bei manch fortschritt­lichem Ordensbruder üblich in die Hände des armen Sünders ge­legt? Ging gar nicht. Man fasst den Leib Christi nicht an! So war Pater Heitlinger. Respekteinflössend, aber trotz­dem gemütlich. Ein Priester der alten Schule.

Das Wort Gottes

Heitlinger, im Krieg Frontpfarrer an der Ostfront und jetzt Ordenspensionär und unser Lehrer für Religion und Altgriechisch. In der Predigt interpretierte er Bibelstellen und machte Bilder und Gleichnisse, um uns Buben das Wort Gottes näherzubringen. Egal welche Stelle der Bibel er interpretierte, die Bilder und Gleichnisse endeten immer in Stalingrad. Das Sterben der Kameraden, die Kälte, die Läuse, der allgegenwärtige Hunger. Wir rotznasigen Buben hingen an seinen Lippen und wussten, was jetzt folgte. Immer. Von sich und seinen Erlebnissen an der Front übermannt, den Tränen nahe, förderte Heitlinger unter dem Talar eine abgeschabte Schnupftabakdose hervor und verabreichte sich eine gehörige Prise. Doch Tabak und Erinnerungen trieben ihm die Tränen wie Sturzbäche aus den Augen. Heitlinger zog ein überdimensionales Schnupftuch hervor und applizierte geräuschvoll den Mix aus Schnupftabak, Rotz und Tränen in die letzte verbliebene Ecke des schon arg strapazierten Textils, sodass die Kapelle in ihren Grundfesten erbebte. Wir warteten und manch einer weinte auch ein wenig und ganz heimlich, denn es war unschicklich unter uns Buben, zu weinen. Wir liebten Pater Heitlinger, diesen Gemütsbomber aus altem Schrot und Korn und mit dem Herzen am rechten Fleck.

Gerüchteküche

Dann starb Pater Heitlinger. Er wurde in der Kapelle aufgebahrt. Wir schlichen uns dorthin und betrachteten mit heiligem Schaudern, wie Fingernägel und Bartstoppeln noch Tage nach Heitlingers Dahinscheiden aus dem wächsernen Leichnam herauswuchsen. Pater Heitlinger war unvermittelt gestorben. An irgendetwas Entzündlichem. Die Gerüchteküche brodelte, so wie sie nur in einem altehrwürdigen Bubeninternat brodeln konnte. Man hätte Heitlinger obduziert und aus seiner Stirnhöhle ein Doppelpfund Schnupf­tabak geborgen. Später wurden seine privaten Gemächer totalrenoviert. Das war nötig, denn Heitlinger frönte Zeit seines Lebens nebst dem Laster des Schnupftabaks auch der Sünde des Zigarrenrauchens. Der durchdringende Geruch hatte sich in jeder Pore der alten Gemäuer festgesetzt.
Als man die Holzverschalung demontierte, welche die eingelassenen Heizkörper in den tiefen, breiten Klosterwänden kaschierte, machte man eine Entdeckung. Jeder Zwischenraum der Radiatorlamellen, jede Ritze, jeder Hohlraum war zum Bersten angefüllt mit Brotrinden, die über die Jahre und Jahrzehnte zu pickelhartem Zwieback versteinert waren. Heitlingers Reminiszenz an Stalingrad und den allgegenwärtigen Hunger. Insgesamt eineinhalb Zentner Zwieback – 75 Kilogramm – wurden aus den Klostermauern herausgepult. Die Notration für schlechte Zeiten.

Buch der Bücher

Aus dem Nachlass von Heitlinger erwarb ich sein Keysers Fremdwörterlexikon, angefüllt mit Heitlingers Randnotizen in Sütterlinschrift. Irgendwie ist Keysers Fremdwörterlexikon in meiner Bibliothek für mich das Buch der Bücher. Immer wieder nehme ich es zur Hand. Noch heute, Jahrzehnte später, schlägt mir, wenn ich es aufschlage, ein Duftbouquet von gealterter Zellulose, von altem Buch, von Zigarre und vielleicht auch der Geruch von Zwieback entgegen. Zwieback riecht nicht wirklich stark. Doch fein und unverwechselbar nach ... heiligem Mysterium, nach Würde und Liebenswürdigkeit in persona und nach Erinnerung an längst vergangene Zeiten. «Maul auf, Zunge raus!» Irgendwie riecht es nach dem Brot der Welt.

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Thomas Christian DahmeHeute, 08:00comments

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