Brief an den Vater

Brief an den Vater

Von meinem ersten vaterlosen Jahr: Du warst ein Mensch nach meinem Herzen. Und ich einer nach Deinem. Ich bin Dir unendlich dankbar.

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von Dominique Feusi am 13.12.2021, 10:00 Uhr
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Liebster Vater,
Seit einem Jahr bist Du nun nicht mehr da. Rufst nicht mehr an. Legst nicht mehr Deinen väterlichen Arm, in dem ich für immer ein Kind bin, um mich. Sagst nicht mehr: «Das wird schon», und die Welt ist wieder in Ordnung.
Seit einem Jahr habe ich Deine Stimme nicht mehr gehört. Manchmal habe ich Angst, dass ich vergesse, wie sie klingt. Dann schaue ich mir den letzten Film, den ich von Dir habe, an: Du hast den jungen, schon ziemlich grossen Hund auf dem Schoss. Der Hund ist wie alle Tiere ganz vernarrt in Dich. Du sagst dem Hund, was für ein schöner Hund er doch ist, und der grosse junge Hund schnappt vor Liebe etwas über und schnappt nach Dir und Du rufst: «He! Das isch min Finger!» Der junge Hund hält sofort inne und schaut Dich ehrfürchtig an. Du streichelst ihn und sagst: «Ja aber säg emal!», und lachst. Dann lachst Du in die Kamera. Der Film steht still. Es ist das letzte Bild.
Es beschreibt Dich so gut. Deine Wärme. Deine ansteckende Heiterkeit. Deine kurzen Aufbrauser. Deine Nachsicht und Grosszügigkeit. Deine Zufriedenheit.
Du warst nie wirklich böse auf mich. Keine Ahnung, wie man das schafft. Mein Mist hat Dich eher amüsiert. Und wenn was kaputt ging, hast Du mit den Schultern gezuckt und gesagt: «Das sind nur Sachen.»
Und schon muss ich wieder lachen. Weil ich Dich sagen höre: «Jetzt lass emal die Bräms los!»
Ich bin acht und will am Seifenkistenrennen teilnehmen und Du unterstützt mich – wie in allem, was ich mache. Das Seifenkistenrennen hat es Dir jedoch besonders angetan, Du schraubst und konstruierst Jahr für Jahr wie in einem Formel-1-Stall. Nur bin ich leider sehr langsam. Weil Deine Seifenkiste sehr schnell ist, bremse ich wie verrückt. Und Du stehst am Rand und schreist wie ein Verrückter: «Jetzt lass emal die Bräms los!»
Du machst mir im Ziel nie einen Vorwurf. Und ein Mal bin ich dann wirklich sehr schnell, als es kurz nach dem Start knallt und die Bremse nicht mehr funktioniert, und ich Dich schreien höre: «Brämse! Gopfertori, BRÄMSE!», bevor ich mit einer Spitzenzeit in die Heuballen krache. Und meine Mutter beschliesst, dass wir das mit der Seifenkiste fortan nicht mehr machen.
Ich muss lachen, weil wir das später oft in gespielt gehässigem Ton sagen: «Jetzt lass emal die Bräms los!» Auch als Du mir das Autofahren beibringst. Mit dem Testarossa. «Nur der ist geschaltet!», sagst Du zu meiner mässig begeisterten Mutter und Deiner mässig begeisterten Frau. Und später sagst Du: «Jetzt gib emal Schnaps!», und ich drücke aufs Gas, doch schon nach ein paar Sekunden wirst Du kreideweiss, greifst ins Lenkrad, wir fahren rechts ran und Du schreist, ob ich komplett gestört sei, und ich schreie: «DU hast gesagt, gib Schnaps!» Und Du schreist: «Aber doch NICHT SO!» Als wir nach Hause kommen, haben wir beide einen hochroten Kopf, und meine Mutter sagt: «Jetzt ist klar, weshalb der Testarossa heisst!»
«Dein Kind ist eine Katastrophe!», lachst Du dann.
Du warst meiner Mutter ein toller Mann. Sie war glücklich mit Dir. Du warst glücklich mit ihr. Ihr wart glücklich mit mir. Das ist für ein Kind der Jackpot. Das gibt Sicherheit für ein ganzes Leben mit; ein innerer Rückzugsort, ein leuchtender, warmer, immerwährender Hort, da, wo all die schönen Erinnerungen sind.
Und es sind so viele, ich könnte Bücher damit füllen.
Eine meiner liebsten Erinnerungen ist, wie ihr zusammen tanzt, und ich tanze zwischen euren Beinen auf Deinen Füssen mit. Wir tanzen oft zu dritt. Vater, Mutter, Kind. Wir sind ein gutes Team. Doch dann geht vor zehn Jahren die Musik aus. Das grosse Sterben in unserer Familie beginnt. Es wird still.
Und irgendwann sind nur noch wir zwei da.
Wir haben gemeinsam um Mami getrauert, um meine so geliebte Mutter und um die Liebe Deines Lebens. Wir haben so viele geliebte Menschen zu Grabe getragen. Ich musste darüber reden und Du hast gesagt, das bringt Dich um, und hast geschwiegen. Wir haben uns in der Trauer verloren und uns wieder gefunden. Wir waren immer verbunden.
Du hast mir auf dem Sterbebett ein Versprechen abgenommen: «Sei nicht zu lange traurig. Es bringt mich nicht zurück, aber dir geht es schlecht. Versprich mir das!»
Dieses Versprechen hat mich durch das Jahr gebracht, mich überleben lassen. Du wusstest das.
Ich danke Dir dafür. Ich danke Dir für jedes Jahr, jeden Tag, jede Stunde, ja, jede Sekunde, in der Du mir so ein guter Vater warst.
Du warst bei meinem ersten Atemzug dabei und ich bei Deinem letzten. Liebster Vater, ich trage Dich bis zu meinem letzten Atemzug in meinem Herzen.

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