Bildungspolitiker schlagen Alarm: «Die Praxis wird komplett ausgeschaltet». Die grosse KV-Reform – Teil 2

Bildungspolitiker schlagen Alarm: «Die Praxis wird komplett ausgeschaltet». Die grosse KV-Reform – Teil 2

Der neuen Ausrichtung der Berufsbildung schlägt immer mehr Widerstand entgegen – nun auch mit drastischen Worten aus der Politik: Drei Nationalräte sprechen über ihre Besorgnis.

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von Sebastian Briellmann am 3.6.2021, 17:00 Uhr
Bauen wir mit der Reform die Qualität des KV ab? Foto: Shutetrstock
Bauen wir mit der Reform die Qualität des KV ab? Foto: Shutetrstock
Die geplante KV-Reform sorgt auch im Parlament für rote Köpfe. Bildungspolitiker aus allen Reihen stören sich an der umfassenden Neustrukturierung des wohl wichtigsten beruflichen Ausbildungszweigs der Schweiz. Die Basler GLP-Nationalrätin Katja Christ wählt drastische Worte, wenn es um die Reform geht. Ihre Interpellation trägt den Titel «KV-Reform – ein Lehrstellenkiller?»

Lesen Sie hier Teil 1:


Auf Anfrage begründet Christ ihre Sorge. Sie sagt: «Was wir bei der KV-Reform erleben, ist für mich ein Déjà-Vu. Nachdem die Volksschule mit dem Lehrplan 21 schon auf Kompetenzkurs gebracht wurde, sind nun die Gymnasien und zeitgleich die Lehrlingsausbildung an der Reihe.» Man folge hier etwas gar unkritisch einer Agenda – und in dieser Verabsolutierung sei dies sicher zum Nachteil der Bildung im Allgemeinen.
Hoffnungen, dass der zunehmende Druck – auch von Lehrerverbänden und aus der Privatwirtschaft – noch etwas nützen wird, hat Christ jedoch nicht mehr wirklich: «Diese Reform ist kaum mehr zu retten. Die Privatfirma Ectaveo hat eine klassische Teppichetage-Reform geliefert, am Schreibtisch skizziert. Mit der Praxis hat das nichts zu tun, im Gegenteil, die Praxis wurde komplett ausgeschaltet.»

«Dass Fächer wie Finanzplanung und Rechnungswesen nur noch beiläufig mitgelernt werden sollen, halte ich für fahrlässig.»

Katja Christ, GLP-Nationalrätin (BS)

Klar ist für Christ: Kommt die Reform, kommen auch die entsprechenden digitalisierten Lernprogramme. Dafür hat die private Beratungsfirma Ectaveo gesorgt. Sie wurde mit der Ausarbeitung der KV-Reform beauftragt, führt auch die Weiterbildungen durch und sorgt dafür, dass für die entsprechenden Lernprogramme die Lizenzen gekauft werden müssen. «Es sind die Lizenzen der Firma Konvink», sagt Christ, «und die gehört – zweimal dürfen Sie raten – der Firma Ectaveo. So laufen heute Bildungsreformen!»
Christ fragt sich auch, und wohl nicht zu Unrecht, was diese Reform überhaupt bringen soll. Handlungskompetenzen statt klassische Grundlagenfächer: Das erschliesst sich ihr nicht wirklich: «Was ist denn überhaupt eine Kompetenz, wo liegt der Unterschied zur Wissensvermittlung? Man muss doch wissen: 2 plus 2 gibt 4 und nicht irgendetwas zwischen 3 und 5. Dass Fächer wie Finanzplanung und Rechnungswesen nur noch beiläufig mitgelernt werden sollen, halte ich für fahrlässig. Auch bei den Fremdsprachen sehe ich schwarz: Frühfranzösisch ist schon mal gescheitert. Jetzt droht Französisch ganz zu verschwinden.»

«Der Inhalt der Ausbildung wird mit der Reform schlechter, die Lehrlinge sind weniger kompetent – es kommt zu einem Fachkräftemangel. Das bevorzugt Arbeitnehmer aus dem Ausland. Das kann es nicht sein.»

Mustafa Atici, SP-Nationalrat (BS)

Auch der Basler SP-Nationalrat Mustafa Atici sagt: «Ich stehe dieser Reform sehr kritisch gegenüber.» Der Bildungspolitiker nennt gleich fünf Probleme, die er für gravierend hält.
1. Mit der Zusammenlegung der Profile B und E werden die Schwächeren benachteiligt. «Und das schwächt unser gutes System. Das macht für mich keinen Sinn – da wir für unseren dualen Weg ja bewundert werden.»
2. Atici stört sich auch an der Schwächung der Sprachen. Französisch dürfte so einen noch schwierigeren Stand haben. «Immerhin», sagt Atici, «stehen die Chancen gut, dass dieses Manko in der Anhörung beim SBFI noch korrigiert wird.» Da dürfte der Basler recht haben: Wie man aus dem SBFI hört, wird hier wohl nachgebessert.
3. Unverständlich ist es für Atici auch, dass Fächer wie Finanzplanung und Rechnungswesen nicht mehr obligatorisch sein sollen. «Es ist unerlässlich, dass Absolventen einer KV-Lehre die wirtschaftlichen Grundlagen vermittelt bekommen. Wenn dies nur nebenbei während der Behandlung eines sogenannten Kompetenzziels geschieht, wird viel notwendiges Wissen verloren gehen.» Diese Änderung wird eine Berufsmatura erschweren, und die Übergänge zu weiteren Qualifizierungen werden schwieriger.
4. Klar ist für Atici, dass die Reform, die bereits im Sommer nächsten Jahres umgesetzt werden soll, zu früh kommt: «Das geht viel zu schnell. Eine Reform wird kommen, irgendwie, aber dafür braucht es mehr Zeit. Die Lehrpersonen müssen sich zuerst auf eine neue Unterrichtsstruktur vorbereiten – und sich bei der Umsetzung auch einbringen können.
5. Atici spricht noch einen anderen, in der Debatte gern vergessenen Punkt an. Er sagt: «Sollte die Reform so kommen, wie sie Stand jetzt ausgearbeitet wurde, ist das eine Rückstufung des dualen Bildungssystems in der Schweiz. Der Inhalt der Ausbildung wird mit ihr schlechter, die Lehrlinge sind weniger kompetent – es kommt zu einem Fachkräftemangel. Das wiederum bevorzugt Arbeitnehmer aus dem Ausland. Das kann es nicht sein.»

«Bei der Kompetenzorientierung dürfen Fächer wie Buchhaltung oder Rechnungswesen keinesfalls leiden. Das wäre ein No-Go.»

Christian Wasserfallen, FDP-Nationalrat (BE)

Der SP-Parlamentarier ist halbwegs optimistisch, dass die Reform noch grundlegende Verbesserungen erfahren wird. Dafür brauche es aber Druck der Kantone. Was man weiss: Die Nordwestschweizer Kantone – Aargau, Basel-Landschaft, Basel-Stadt, Solothurn – sind nicht glücklichmit der Reform, auch in Zürich gibt es Widerstand.
Der Berner FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen bemängelt diese Punkte ebenfalls: «Bei der Kompetenzorientierung dürfen Fächer wie Buchhaltung oder Rechnungswesen keinesfalls leiden. Das wäre ein No-Go. Diskussionsbedarf gibt es auch bei den Fremdsprachen: Hier muss eine Landessprache erste Wahl sein. Und bei der Berufsmatur darf es nicht zu Abstrichen kommen.»

Lesen Sie am Montag in Teil 3:

Die grosse KV-Reform: So sieht der Unterricht der Zukunft aus

Auch Wasserfallen wünscht, dass die Reform um ein Jahr nach hinten verschoben wird. Dass Nationalrat und Ständerat eine gleichlautende Motion eingereicht haben, sei «extrem aussergewöhnlich». Das habe er noch nie erlebt. Wasserfallen stellt aber klar: «Das muss es aber gewesen sein: Die Politik darf sich nicht in den Inhalt der Berufsbildung einmischen – das wäre extrem gefährlich. Wer unzufrieden ist mit der Reform – etwa ein Branchenverband –, muss nun hinter den Kulissen Druck machen.»
Ob dieser Druck noch etwas bewirken kann: fraglich. Die Beschwerden, so scheint es, kommen zu spät.

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