Betroffenheit geht vor oder: Stay woke beim «Tagi»

Betroffenheit geht vor oder: Stay woke beim «Tagi»

Vor den Moral- und Betroffenheitsexzessen der «Generation woke» in den USA wird gewarnt. Beziehungsweise: von einem Übergreifen der Welle auf Europa. Hat denn niemand den Offenen Brief der 78 «Tagi»-Mitarbeiterinnen an ihren Arbeitgeber gelesen? Und gesehen, dass sie uns schon längst erreicht hat?

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von Gottlieb F. Höpli am 26.3.2021, 06:00 Uhr
Dass es sie gibt, diese hurrikanartigen Wutanfälle unter dem Banner des Antirassismus, des Antikolonialismus, Antisexismus und anderer -ismen, bestreitet inzwischen niemand mehr. Gestritten wird hierzulande höchstens noch darüber, ob es sich um einen Flächenbrand handelt, der auch über uns hereinbrechen könnte, oder nur um «Einzelfälle», wie die heimlichen Sympathisanten dieser «Generation woke» - auch «Generation Schneeflocke» genannt – beschwichtigend einwenden.
Nur dass uns die ersten Ausläufer des Schneesturms schon erreicht haben, das lesen wir kaum irgendwo. Hat sich denn wirklich niemand die Mühe gemacht, den Offenen Brief der 78 Mitarbeiterinnen des TX- (früher: Tamedia-) Konzerns an ihren Arbeitgeber zu lesen. Da werden subjektive Befindlichkeiten- und Empfindlichkeiten, lächerliche Petitessen, Klagen über eindeutige Diskriminierungen und Lohnungleichheiten zu einem ungeniessbaren Eintopf zusammengerührt – so bizarr, dass ausgerechnet die bekannteste Genderspezialistin des Tages-Anzeigers sich weigerte, den Brief zu unterzeichnen. Und sich sogar öffentlich davon distanzierte.
Im «Persönlich»-Interview sagt es Michèle Binswanger deutsch und deutlich: «Der Brief vermischt vieles, was nicht zusammengehört. Der zentrale Vorwurf, es herrsche ein durch und durch sexistisches Klima in den Redaktionen von Tamedia, Frauen würden systematisch übergangen und kleingehalten, sorgt zwar wie beabsichtigt für grosse Aufmerksamkeit. Aber ich habe das so nicht erlebt».
Damit gehört Frau Binswanger anscheinend bereits zu jener überholten Generation von Journalistinnen, die noch darauf bestehen, subjektive Betroffenheit und objektive Fakten sauber voneinander zu trennen. Derlei ist, wie der Offene Brief zeigt, heute nicht mehr gefragt. Und auch nicht mehr nötig: TX-Konzernchef Supino zeigte sich postwendend «sehr betroffen» und versprach Besserung. Damit nicht mehr vorkommt, was ein Vorgesetzter einer jungen Journalistin eröffnet: «Du bist noch nicht soweit» (Zitat Offener Brief). Oder gar eine Berichterstattung über den Frauenstreik als «unkritisch» zu qualifizieren. Geht natürlich gar nicht. Hat Pietro Supino einfach Angst, oder spekuliert er gar darauf, zur Ehren-Schneeflocke ernannt zu werden?
Das alles hat natürlich seine Auswirkungen auf den täglichen Journalismus. «Richtige», sich moralisch überlegen gebende Positionen sollen nicht mehr angegriffen werden dürfen. Betroffenheit geht vor. Die Erstunterzeichnerin des Offenen Briefs exerzierte das am Donnerstagmorgen in ihrem Redaktions-Newsletter an die «lieben Leser*innen» (!) des Tages-Anzeigers gleich selber vor. Die Bitte der deutschen Bundeskanzlerin um Verzeihung angesichts des von ihr angerichteten Corona-Osterdesasters kommentiert Salome Müller überschwänglich: «Es waren klare, aufrichtige Worte. Die Reaktionen von Politikerinnen und Politikern aller Parteien ausser der AfD zeigten Erleichterung und Respekt. Ist dies ein Hinweis darauf, wie sehr man sich in Deutschland nach Worten des Mitgefühls, der Menschlichkeit gesehnt hatte?» Ist das bloss naiv, oder bereits «woker» Aktivismus à la New York Times?
Nonkonformismus wird es im rot-grünen Tages-Anzeiger – intern einst gerne auch mal «Traktorenfabrik» genannt – noch schwerer haben als bisher. Im heraufziehenden Sturm der Schneeflocken wird nicht nur der CEO, sondern auch mancher Journalistenkollege lieber den Kopf einziehen. Und hin und wieder wohl auch eine Kollegin.

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