Beizen-Boss Casimir Platzer: «Das ist ein Terrassen-Trickli. Wir werden an der Nase herumgeführt»

Beizen-Boss Casimir Platzer: «Das ist ein Terrassen-Trickli. Wir werden an der Nase herumgeführt»

Casimir Platzer, Präsident von Gastrosuisse, ist überzeugt, dass sich die Teil-Öffnung für viele Betriebe nicht lohnen werde. Er fordert vom Bundesrat «endlich» Planungssicherheit.

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von Sebastian Briellmann am 19.4.2021, 06:30 Uhr
Heute öffnen die Beizen. Doch wie viele Menschen werden bei den aktuellen Temperaturen die Aussenbereiche besuchen? Foto: Shutterstock
Heute öffnen die Beizen. Doch wie viele Menschen werden bei den aktuellen Temperaturen die Aussenbereiche besuchen? Foto: Shutterstock
Herr Platzer, heute dürfen die Terrassen der Restaurants wieder öffnen. Freuen Sie sich überhaupt?
Was soll ich da sagen? Ich freue mich für die Betriebe und deren Mitarbeiter die eine Terrasse haben und wieder arbeiten können, zumindest bei schönem Wetter: Sie werden hoffentlich von den Lockerungen profitieren. Aber Fakt bleibt: Es ist eine Lösung für wenige. Das sagen wir dem Bundesrat seit Monaten.
Ist diese Lockerung nicht besser als nichts?
Das kann man jetzt noch nicht sagen. Die Restaurants haben ein organisatorisches Problem. Sie sind abhängig vom Wetter. Die Prognosen sind nicht rosig – viel Regen, tiefe Temperaturen. Wenn ein Betrieb keine überdachte Terrasse, kein Zelt oder keine Storen hat: Dann ist eine Öffnung schwierig und nicht planbar.
Werden viele Betriebe geschlossen bleiben?
Das wissen wir noch nicht, aber es ist unwahrscheinlich. Die Rückmeldungen sind vielfältig, es ist Freude und Frust. Rund ein Viertel der Betriebe hat jedoch gar keinen Aussenbereich. Viele weitere Betriebe verfügen nur über wenige Sitzplätze im Aussenbereich. Vermutlich werden in der Stadt mehr Betriebe öffnen als auf dem Land. Klar ist: Der alleinige Terrassenbetrieb kann in den meisten Fällen nicht rentabel betrieben werden.
Bleiben also 70, 80, 90 Prozent der Restaurants geschlossen?
Die Vergangenheit hat gezeigt, dass viele Betriebe öffnen, selbst wenn es sich nicht rechnet. Zu gross ist der Wunsch, wieder zu arbeiten und einen Schritt hin zur Normalität zu machen. Inwiefern eine Mehrheit der Betriebe die Terrassen tatsächlich öffnet, wird sich zeigen. Bei der Wiedereröffnung der Pubs im Vereinigten Königreich diese Woche hat die British Beer and Pub Association den Anteil der öffnenden Betriebe auf 40 Prozent geschätzt. Das entspräche rund der Hälfte der Betriebe mit einer Terrasse in der Schweiz.
Hätte man also lieber gar nicht lockern sollen?
Man hätte besser ganz geöffnet! Das, was wir jetzt haben, ist ein Terrassen-Trickli. Ein Zückerchen für die Bevölkerung und etwas Luft für den Bundesrat, der sich ein bisschen Goodwill mit dieser Lockerung erkauft. Meines Erachtens werden wir an der Nase herumgeführt.
Wäre ganz öffnen nicht unverantwortlich?
In den Restaurants ist es zu keinen Ansteckungs-Hotspots gekommen, weil die Schutzkonzepte funktionieren. Das hat uns auch das BAG bestätigt. Die Innenbereiche der Restaurants sind also nicht gefährlich, und schon gar nicht gefährlicher als die privaten Bereiche ohne Schutzkonzepte. Ich finde es unglaublich, dass die Mehrheit der Bevölkerung die aktuellen Massnahmen einfach so akzeptiert; sich anstecken lässt von der Panikmache des Bundesrats und vor allem der Taskforce. Für den allergrössten Teil der Bevölkerung stellt die Pandemie keine reale Gefahr dar, und mit dem voranschreitenden Impffortschritt sinkt die Gefahr täglich. Es erstaunt mich, mit wie wenig wir uns zufrieden geben. Ein Zückerli – und alle jubeln.
Lässt sich aus Verbandssicht nicht darauf aufbauen? Jetzt sind die Terrassen dran – und anschliessend öffnen auch die Innenräume wieder.
So ist es aber nicht. Wir haben seit Monaten null Planungssicherheit. Dieser Zwei-Wochen-Rhythmus ist eine Katastrophe: Wir warten, hoffen, erwarten – das zermürbt die Menschen in unserer Branche. Wir wissen ja bis heute nicht, wann wir die Innenbereiche aufmachen dürfen: Am 1. Mai, am 1. Juni, am 1. Juli? Diese Perspektivlosigkeit ist schwer zu ertragen. Wir fordern vom Bundesrat endlich eine klare Ansage. Er spricht jetzt schon von Grossveranstaltungen ab Juli, aber zu den Restaurants sagt er einfach nichts.
Niemand weiss, wie sich die Situation entwickeln wird.
Wenn die Todeszahlen hochgehen, die Intensivstationen überfüllt sind: Dann versteht jeder eine Schliessung. Aber das ist ja seit Monaten nicht der Fall, das ist Angst- und Panikmache. Wir sprechen über Fallzahlen – aber es handelt sich nicht um Krankheitsfälle, sondern um positiv Getestete. Im Übrigen scheint sich die Unzuverlässigkeit der PCR-Tests, auf die sich die ganzen Massnahmen abstützen, immer mehr zu bewahrheiten. Dazu gibt es mittlerweile bereits ein Gerichtsentscheid in Österreich.
Was verlangen Sie von der Politik?
Primär hoffe ich, dass die Entschädigungen wie angekündigt weiterhin fliessen werden – denn mit der Teilöffnung hat sich die wirtschaftliche Notlage nicht entschärft.
Das wird ja kaum alles sein.
Diese Woche haben wir ein Rechtsgutachten, das die Professorin Isabelle Häner von der Universität Zürich in unserem Auftrag erstellt hat, veröffentlicht: Es zeigt, dass der Bundesrat nicht gesetzes- und verfassungskonform handelt.
Werden Sie – wie der Fitnessverband – klagen?
Das überlegen wir uns seit Monaten. Aber das wäre langwierig, würde wohl Jahre dauern. Auch die Erfolgsaussichten sind nach unseren Abklärungen unklar. Aber da der Bundesrat das Gesetz nicht einhält, machen wir politisch weiter Druck.
Wie?
Das Covid-Gesetz müsste zum Beispiel ergänzt werden: Mit einem Passus, der zu einer richtigen Entscheidungsfindung für eine verhältnismässige Gefahrenabwehr beiträgt. Etwa aus wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Hinsicht ein Indikator der Über- und Untersterblichkeit – basierend auf einer altersspezifischen Sterblichkeit – sowie auch einen Indikator über die Arbeitslosenzahlen je Branche oder die Belegung der psychiatrischen Kliniken. Und nicht mehr, wie jetzt, mit Indikatoren, die den Fokus auf die mittlerweile fragwürdigen Fallzahlen legen.
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