Ausgerechnet in Zermatt: 3G in der Schweiz dürfte bald global ein Thema sein

Ausgerechnet in Zermatt: 3G in der Schweiz dürfte bald global ein Thema sein

Das Widerstandsnest gegen die Zertifikatspflicht in der Schweiz liegt in Zermatt. Nun hat der Staat durchgegriffen und drei renitente Gastronomen festgenommen. Damit wollte er wohl Stärke zeigen. Das Ergebnis könnte aber ein ganz anderes sein als beabsichtigt. Der Schweiz sind Schlagzeilen sicher.

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von Stefan Millius am 31.10.2021, 13:30 Uhr
Der Eingang zur «Walliserkanne» in Zermatt wurde polizeilich mit Betonblöcken versperrt – aus denen danach eine Bar und bald eine Art «Altar» wurde.
Der Eingang zur «Walliserkanne» in Zermatt wurde polizeilich mit Betonblöcken versperrt – aus denen danach eine Bar und bald eine Art «Altar» wurde.
Drei Personen wurden gemäss Medienberichten am Sonntag aus der «Walliserkanne» in Zermatt polizeilich abgeführt. Es ist der vorläufige Höhepunkt einer tagelangen Auseinandersetzung. Ursprung ist die Weigerung der Gastronomen, sich der Zertifikatspflicht zu unterwerfen. Gefolgt von einer Scharade von behördlichen Anordnungen, die nicht beachtet wurden. Versiegelungen der Eingangstüren hatten nichts genützt, Betonblöcke vor dem Lokal hatten nichts gebracht, die permanente Kontrolle von Gästen war ergebnislos geblieben.
Die ganze Schweiz wartete darauf, ob die Behörden zum ultimativen Mittel greifen würden, am Sonntag war es dann schliesslich soweit. Unter direkter Beobachtung der Medien wurden drei Personen abgeführt. Ob die Festnahmen ihren Zweck erfüllen – Stärke zu beweisen – oder eher das Gegenteil auslösen, bleibt abzuwarten. Vieles spricht aber dafür, dass sich die Behörden mit der harten Linie einen Bärendienst erwiesen haben.
Doch von Anfang an. Was ist geschehen – und welche Symbolik hat es? Und was steckt überhaupt hinter der «Walliserkanne», die zum Symbol für Widerstand geworden ist?
Jedenfalls eine lange Geschichte. Der Name Aufdenblatten ist aus Zermatt nicht wegzudenken. Johannes Aufdenblatten-Imahorn und seine Schwester Katharina errichteten im Erdgeschoss eines Hauses in Zermatt bereits 1889 ein Restaurant, das «Chemin de fer». 1940 wurde daraus unter den neuen Besitzern Otto und Emma Aufdenblatten die «Walliserkanne».

Stetiger Ausbau

Das Restaurant im Walliser Baustil entwickelte sich schnell zu einem beliebten Treffpunkt für Einheimische und Gäste. Es gab die obligate Kegelbahn, ein angegliedertes Chalet entstand, 1961 kam eine Bar im Untergeschoss dazu. Und so ging es weiter. 1966 wurde aus Räumen im Obergeschoss eine Raclettestube, später wurde die unterirdische Bar zu einem Tanzlokal auf zwei Ebenen. Der neue Besitzer Armand Aufdenblatten übernahm es dann nach 1991, den Aussenbereich aufzurüsten.
Heute liegt der Betrieb bei den Gebrüdern Patrick und Ivan Aufdenblatten. Sie beherrschen seit einigen Tagen die Schlagzeilen in der Schweiz. Aber nicht aufgrund ihrer Kochkünste. Sondern weil sie sich beharrlich weigern, die Zertifikatspflicht in ihrem Restaurant umzusetzen. Auf der Webseite heisst es bereits auf der Startseite:

Bei uns sind alle Menschen herzlich willkommen, auch ohne Zertifikat

Und das meinten die beiden auch so. Sie liessen sich weder von Polizeikontrollen noch von einer offiziellen Schliessung durch die Behörden inklusive Versiegelung der Tür davon abhalten. In Seelenruhe entfernten die Beizer vor den Augen der Polizei das Siegel und liessen ihre Gäste ein. Die spielten mit und kamen in Scharen. Laut Leuten vor Ort platzte die Terrasse – die auch ohne Zertifikat besuchbar ist – danach aus allen Nähten, obschon die Saison noch nicht wirklich begonnen hat, und auch der Innenbereich wurde weiter besucht. Eine Marketingkampagne mit diesem Effekt hätte eine Unsumme gekostet.

Zögernde Behörden

Nichts genützt hatten auch die jüngsten polizeilichen Intervention bis zum Sonntag: Den Eingang mit Betonblöcken zu versperren. In kurzer Zeit wurde dieser Wall zur Freiluftbar umfunktioniert, gleichzeitig diente er Demonstranten wie den Leuten von «Mass-Voll» und den Freiheitstrychlern als Mahnmal, das es zu schmücken galt. Für härtere Massnahmen wie einen Freiheitsentzug der widerspenstigen Gastronomen mussten sich zusätzliche Instanzen einschalten, und diese zögerten lange.
Vermutlich nicht zufällig. Denn wenn man in der Schweiz etwas unter den Augen der Weltöffentlichkeit machen will, tut man das am besten in Zermatt. Dem Matterhorn sei Dank kennt man den Ort rund um den Globus. Betonblöcke vor einem Restaurant in Schwamendingen hätten kaum das Potenzial für internationale Schlagzeilen. Dasselbe vor einem traditionsreichen Betrieb in einer international bekannten Feriendestination hingegen schon.

Bilder, die der Tourismus nicht mag

Stand heute ist es noch nicht soweit. Der deutsche Journalist Boris Reitschuster hat der «Walliserkanne» zwar bereits einmal Platz eingeräumt in einem Beitrag, der sich um den Widerstand gegen 3G in der Schweiz drehte, aber das ist rund sechs Wochen her. Weil Twitter und Co. aktuell aber bersten vor Bildern der leicht absurd anmutenden Inszenierung von Betonblöcken mitten im Dorf, die von Schaulustigen umgeben sind, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Geschichte grössere Kreise weit über die Schweiz hinaus zieht. Sie ist einfach zu gut.
Jetzt ist sie noch besser geworden: «Dank» der medienwirksamen Verhaftung dreier Personen. Die Prognose sei erlaubt: Die «Walliserkanne» macht bald die Runde in diversen Sprachräumen.
Der Tourismus im Wallis ist zwar erpicht auf Verbreitung, aber kaum auf solche dieser Art. Zermatt ist ein mondäner Ort, er zieht neben durchschnittlichen Tagestouristen auch «die Reichen und die Schönen» an, die viel Geld liegen lassen. Dass im Ort derzeit ein ziemliches Tohuwabohu herrscht, könnte abschreckend auf sie wirken. Dass die Behörden hilflos zusehen mussten, wie die aktuelle Verordnung trotz aller Versuche unterlaufen wurde, war für diese zwar ziemlich peinlich, aber es schien lange immer noch besser als die Alternative: Ein härterer Kurs.
Denn hinter den Kulissen dürfte sich längst die Politik mit dem Fall befassen. Es ist offensichtlich, dass die Behörden den Laden schon lange gern einfach geschlossen hätten. Doch durchsetzen liess sich eine Schliessung nur, wenn Patrick und Ivan Aufdenblatten hinter Gittern landen. Davor schreckten die Verantwortlichen lange zurück. Die Anordnung dazu musste von Staatsanwaltschaft oder Staatsrat, der Regierung, kommen.

Kaum mehr eine Handhabe

Ein veritabler Balanceakt für die Behörden. Die Betonblöcke erfüllten ihren Zweck nicht, im Gegenteil, sie avancierten zu einem Altar des Widerstands. Im Grunde hätte man sie sofort entfernen müssen, um weniger Bildstoff für die (sozialen) Medien zu liefern. Hätte man das getan, hätte das aber gewirkt wie ein Eingeständnis gegenüber den kampfeslustigen Beizern und ihren Unterstützern. Mal für Mal das Restaurant zu durchpflügen und die Gäste – meist ohne Erfolg – um das Vorzeigen des Zertifikats oder zum Gehen aufzufordern, wirkte nach einigen Tagen nur noch wie Comedy. Ebenso wie die Versiegelung einer Tür, die sowieso nach wenigen Minuten wieder abgerissen wurde.
Bleibt nur die Verhaftung, und die wurde erst am Sonntag vollzogen. Recht spektakulär, Augenzeugen berichten von heftiger Gegenwehr bei der Festnahme dreier Personen, verbunden mit Gewalt durch die Polizei. Der Staat hat es letztlich also doch getan. Die Frage ist, wie schlau das war. Denn das ist eigentlich das Letzte, was der Bund vor der Abstimmung über das Covid-19-Gesetz vom 28. November 2021 brauchen kann: Ein fleischgewordenes Symbol für den Widerstand gegen die Zertifikatspflicht. Das gibt es nun. Der jüngste Akt der Geschichte hat Märtyer provoziert, Menschen mit einem Namen und einem Gesicht.
Die «Walliserkanne» zeigt, wie angreifbar das System ist. Schert ein Betrieb unerwartet aus und stellt sich quer, stehen die Behörden plötzlich vor der Frage, wie sie damit umgehen. Vor allem, wenn es potenziell vor den Augen der ganzen Welt geschieht. Die Behörden haben sich nun entschieden, aufs Ganze zu gehen. Ob das politisch geschickt war, werden wir in wenigen Wochen erfahren. Es ist eine Art Etappensieg, der nichts aussagt über das Finale.

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