Alle kaufen sich einen Hund – weil sie treue Begleiter für den modernen Wohlstandsmenschen sind

Alle kaufen sich einen Hund – weil sie treue Begleiter für den modernen Wohlstandsmenschen sind

Beim Hund kann man eine erwünschte Reaktion hingegen einfach voraussetzen, denn er ist weltanschaulich, politisch und ethisch flexibel. Solange er Futter kriegt, bleibt er tolerant.

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von Mathias Binswanger am 30.11.2021, 13:00 Uhr
Der Hund, immer da für den Menschen, nie widersprechend, nie untreu. Foto: Keystone
Der Hund, immer da für den Menschen, nie widersprechend, nie untreu. Foto: Keystone
Es ist ein Zeichen steigenden Wohlstandes, dass immer mehr Menschen ihr Zuhause mit Hund oder auch Katze teilen statt mit anderen Menschen. Diese Entwicklung lässt sich in praktisch allen reicheren Ländern beobachten.
Konzentrieren wir uns einmal auf den Hund, dann ist der Anstieg in Deutschland besonders ausgeprägt. Die Zahl der Hunde hat sich dort von 5,5 Mio. im Jahr 2005 auf 10,7 Millionen im Jahr 2020 fast verdoppelt. Das entspricht einer jährlichen Wachstumsrate von 4,6 Prozent. In der Schweiz sind die Zahlen etwas schwankender aber der Anstieg ist auch hierzulande unübersehbar. Je reicher man wird, umso weniger kann man sich der verführerischen Kraft eines Hundes entziehen.

Tierisches Glückspotenzial

Haushalte, in denen Eltern mit Kindern wohnten, werden also zunehmend ersetzt durch Haushalte, in denen ein oder zwei Erwachsene mit einem oder manchmal sogar mehreren Hunden zusammenleben. Aber auch die verbliebenen Familien mit Kindern werden häufiger durch Hunde ergänzt. Während Hunde früher so profanen Zwecken wie Jagd oder Wache dienten, werden sie jetzt immer mehr zu Lebensgefährten der Menschen. Denn diese Tiere haben ein Glückspotenzial, welches der Spezies Mensch oft fehlt.
Doch worin besteht dieses Glückspotenzial? Es sind mehrere Eigenschaften, die der Hund dem Menschen voraushat. Eine erste angenehme Eigenschaft des Hundes besteht darin, dass er ein wunderbarer Zuhörer ist und nie widerspricht. Man kann praktisch sämtliche Reaktionen in ihn hineinprojizieren, was bei Menschen schwieriger ist. Denn Unterhaltungen mit Menschen sind immer mit einem Risiko verbunden. Man weiss nie so genau, wie das Gegenüber reagiert.
Beim Hund kann man eine erwünschte Reaktion hingegen einfach voraussetzen, denn er ist weltanschaulich, politisch und ethisch flexibel. Solange er Futter kriegt, bleibt er tolerant. Also kann man ihn auch bedenkenlos mit Emotionen überschütten, ohne dass einem dies als Schwäche ausgelegt wird.

Keine Heuchelei

Der Hund ist als Gefährte auch deshalb so wichtig, weil der moderne Wohlstandsmensch schon in relativ frühem Alter zu Neurosen neigt, was seine soziale Kompatibilität verringert. Es gibt heute so viele Gründe, neurotisch zu werden: zu wenig Erfolg, zu wenig Anerkennung, unerfüllter Partnerwunsch, unerfüllter Kinderwunsch oder übererfüllter Kinderwunsch. Für neurotische Menschen ist das Zusammenleben mit einem Tier wesentliche einfacher als mit menschlichen Partnern. Man muss sich nicht verstellen und muss anderen Menschen keine Beziehungsfähigkeit vorheucheln.
Doch es gibt auch ganz handfeste Gründe, die einen Hund im Alltag unentbehrlich machen. Mit einem Vierbeiner ist man legitimiert, zu jeder Tages- und Nachtzeit und bei jedem Wetter draussen herumzulaufen. Läuft ein Mensch, oder noch schlimmer: ein Mann, zu später Stunde alleine herum, wirkt das im besten Fall komisch, aber vor allem verdächtig. Normale Menschen verlassen ihr Haus nicht grundlos und schon gar nicht zu seltsamen Zeiten. Ist man hingegen mit Hund unterwegs, wird man sofort zum harmlosen Normalbürger. Ein Hund muss schliesslich ab und zu mal raus.

Gravierender Nachteil namens Tod

Doch leider hat der Hund auch gravierende Nachteile, die vielen Hundebesitzern erst mit der Zeit bewusst werden. Hundehaltung ist zeitintensiv und erfordert tägliche Pflege, was die Flexibilität einschränkt. Zudem füllt der Hund die Wohnung oft mit Haaren und Geruch – und er gibt auf Fragen nur selten vernünftigen Antworten. Am schlimmsten ist aber seine begrenzte Lebenszeit. Stirbt ein Hund, dann schlägt der Trennungsschmerz gnadenlos zu. Nicht wenige Menschen, die das erleben mussten, fragen sich deshalb, ob sie sich das nochmals antun sollen.
Wie kann man einem Tier seine ganze Liebe schenken, wenn man schon nach zehn Jahren damit rechnen muss, dass es einen bald verlässt? Zwar gibt es immer Ersatzmöglichkeiten, aber das ist in solchen Momenten nur ein schwacher Trost.
Doch jetzt gibt es Hoffnung dank der Digitalisierung. Alle geschilderten Nachteile des Hundes können in Zukunft vermieden werden – dank neu entstehenden Roboterhunden. Vom Äusseren her werden diese immer realistischer und flauschiger, so dass man sich einfach in sie verlieben muss. Dank selbstlernenden Algorithmen (Aritifical Intelligence) sind sie auch bald in der Lage, ihr Verhalten an die jeweilige Besitzerin oder den jeweiligen Besitzer anzupassen. Der Hund wird zum «A-la-carte-Gefährten», der niemals stirbt. Wenn man ihn braucht, kommt er sofort und ist anschmiegsam und lieb. Muss man sich aber kurzfristig anderen dringenden Angelegenheiten, wie dem täglichen Konsum von sozialen Medien widmen, kann er mit einem Befehl ausgeschaltet werden – und zieht sich diskret zu seiner Ladestation zurück.

Mit Robotern ist alles denkbar

Statt Nahrung braucht er nur hin- und wieder etwas Strom und ist von Anfang an sowohl stubenrein als auch geruchsfrei. Und das allerbeste: Er ist nicht nur, wie der natürliche Hund, ein Zuhörer, sondern kann auf Wunsch auch Konversationen führen. Aber er sagt dann genau das, was die Besitzerin oder der Besitzer gerne hören wollen.
Natürlich muss es nicht zwingend ein Hund sein. Denkbar sind auch Roboterkatzen, Roboterschweinchen oder Robotermeerschweinchen. Diese technischen Wunderwerke können ihre Besitzer dann auch liebevoll daran erinnern, die tägliche Ration an Medikamenten einzunehmen, sich mehr zu bewegen, oder ungesunde Ernährung zu reduzieren. Denn über ein flauschiges Robotertier erreicht man viele Menschen eher als über einen mahnenden menschlichen Zeigefinger. Die Digitalisierung ermöglicht so innovative Lösungen, die das Leben sicherer, gesünder, komfortabler und emotional reichhaltiger machen.
Oder etwa nicht?

Zur Person

Mathias Binswanger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz und Autor mehrerer Bücher wie «Die Tretmühlen des Glücks» (2006) oder «Der Wachstumszwang» (2019). Er war selbst einmal kurz Chefredaktor des «Nebelspalters» im Jahr 1998. Er sagt: «Die Wahrheit verträgt keine politische Korrektheit.» Und er ist der Meinung, dass die wirklich wichtigen Dinge im Leben es verdienen, nicht ernst genommen zu werden.

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