Nebelspalter-Event

Armeechef Süssli: «Wir befinden uns in der Welt 4.0 – und China ist verantwortlich»

image 20. Oktober 2022, 18:37
Eine neue Welt: Armeechef Süssli. Bild: Ondrej Kolacek
Eine neue Welt: Armeechef Süssli. Bild: Ondrej Kolacek
Der Saal im «Zunfthaus zur Schmiden» ist bis auf den letzten Platz besetzt, als Armeechef Thomas Süssli die Bühne betritt. Er ist ein «General der Krisenzeiten» (Lesen Sie hier unser Interview). Thomas Süssli ist in Feldmeilen an der General-Wille-Strasse aufgewachsen. «Nomen est omen» also, wie es Nebelspalter-Chefredaktor Markus Somm zu Beginn der Veranstaltung sagt.
Und diese Zeit der Krise, diese Zeit eines brutal geführten territorialen Angriffskrieges, ist, so Süssli, der Übergang in eine neue Welt: «Wir befinden uns in der Welt 4.0», sagt der Armeechef. Es habe die Welt des «Kolonialismus» gegeben, die des «Imperialismus» und dann mit dem Ende der Sowjetunion habe man für dreissig Jahre in der Welt 3.0 gelebt. «Eine Welt, in der wir mit dem ewigen Frieden gerechnet haben. Davon ausgingen, dass die liberale Demokratie den Globus umfassen wird. Wir hatten offensichtlich unrecht», sagt der Armeechef Süssli. Die zweigeteilte Welt sei zurückgekehrt.

Russland, Chinas Junior-Partner

Es ist nicht mehr die Welt eines festen Blocks, wie während des Kalten Krieges zwischen dem Warschauer Pakt und der Nato. «Es ist ein Block von Ländern, die die regelbasierte Weltordnung, wie sie demokratische Länder wie die USA seit Jahrzehnten verteidigen, akzeptieren. Und dann gibt es die autokratischen Länder, die sich dagegen wehren.» An der vordersten Front sei nicht Russland, sondern China, so Süssli. Wie auch Präsident Wladimir Putin habe Chinas Staatsoberhaupt Xi Jinping proklamiert, dass man den Status quo der heutigen Nationalstaaten auf unserer Welt nicht akzeptieren werde. Autokraten suchen einen Platz in ihrer Welt – und ihnen ist jedes Mittel recht. Und darum sei China am gefährlichsten, nicht nur, weil der Westen momentan Russland militärisch «ausbluten» lasse, damit es die nächsten Jahrzehnte keine offensiven Angriffe lancieren könne, sondern weil China heute schon de facto – kaufkraftbereinigt – die grösste Wirtschaftskraft sei. «Russland wird dann noch ein Junior-Partner Chinas sein», sagt Süssli. Auch der Iran werde zu diesem Block gehören. Doch der Graben könne sich auch durch demokratische Staaten in Europa ziehen, warnt Süssli.
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Zurück zur Verteidigungsfähigkeit:Thomas Süssli. Bild: Ondrej Kolacek

Zurück zur Verteidigungsfähigkeit

Was bedeutet diese «Welt 4.0» für die Schweiz? «Eine Zeitenwende», erklärt Süssli. Grundsätzlich kann sich die Schweiz nur noch für wenige Wochen selbstständig verteidigen. Denn der Sollbestand beträgt heute noch 100’000 Soldaten.
Von der Politik war das nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion so gewollt (hören Sie hier unseren Podcast mit dem Armeechef). «Man hat die Armee nur noch für die Kompetenzerhaltung ausgelegt. Savoir faire und nicht mehr pouvoir faire», so der Armeechef. Doch dies werde man nun nachholen. Zeitenwende. Bis 2040 soll die Schweiz Armee wieder komplett verteidigungsfähig werden, sagt der Armeechef. Doch das werde kosten. 32 Milliarden Franken bis 2040. Bis die Schweiz wieder für die Zukunft gewappnet sein wird.

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