Alle Farben

Alle Farben

Vom Verlassen und Verlassenwerden. Und von der Theorie, dass man sich durch alle Haarfarben schlafen soll. Zum Protokoll:

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von Dominique Feusi am 1.11.2021, 09:59 Uhr
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Kurt hat Liebeskummer. Und der wird im Alter auch nicht schöner. Also der Liebeskummer. Wie der Kurt in jungen Jahren ausgesehen hat, weiss ich nicht. Kurt ist 76, hat drei Kinder, zig Enkel, war dreissig Jahre lang verheiratet und hat seine damalige Frau für eine jüngere verlassen. Mit der war er zweiundzwanzig Jahre lang zusammen, bis ihn die Jüngere letzte Woche wiederum für einen Jüngeren verlassen hat.
So habe sie es gesagt: «Ich habe jetzt einen Jüngeren!» Aber da der Kurt nicht mehr so gut hört, habe sie seine Perplexität missinterpretiert und selbst für Kurt ohrenbetäubend laut zigfach ins Telefon geschrien: «Ich habe jetzt einen Jüngeren! EINEN JÜNGEREN!» «Auch die Nachbarn sind jetzt informiert», sagt der Kurt, leicht von der Situationskomik amüsiert. Er versucht zu lächeln, schaut dabei jedoch wie ein trauriger Uhu aus. «Ach, Gottfried Stutz!», seufzt er. Ich sage nichts und hole ihm noch einen Kafi Luz.

Wie ein Boomerang

What goes around, comes around? Es tut mir leid für den Kurt, Verlassenwerden ist nie lustig, aber ist es nicht manchmal seltsam, wie sich das Leben so rächt? Längst hat man etwas vergessen und wenn man es am wenigsten erwartet, zack: Man erntet, was man sät. Und nein, dafür ist es nie zu spät.
Lassen Sie mal Revue passieren, wurde Ihnen öfter das Herz gebrochen oder waren Sie der Grund für Liebeskummer? «Bitte melde dich!» oder «Kein Anschluss unter dieser Nummer»?
Bei mir steht’s in etwa unentschieden. Ich habe Männer, die mich auf Händen trugen, für solche verlassen, die sich ganz offensichtlich einen Schnurz für mich interessierten. Und war dann todunglücklich. Aber die, die mich auf Händen trugen, wollte ich nicht. Tja, es war kompliziert.

Der perfekte erste Mann

Wie ich das erste Mal verlassen wurde, ist aber ziemlich witzig, und weil der Kurt und ich nicht das Alter, jedoch den Humor teilen, versuche ich ihn mit meinem ersten Verlassenwerden aufzuheitern.
Das war so: Der D. war mein erster Freund, ein hübscher, grosser, sehr sportlicher Bursche mit braunen Haaren, dicht wie ein Biberfell, er war witzig und lieb, hatte gute Manieren, war gleich alt und gleich unerfahren, wir entdeckten alles gemeinsam und es war alles sehr schön, er war der perfekte erste Mann. Aber dann, nach zwei Jahren Beziehung, rief er eines Abends an und sagte: «Ich habe mit meiner Coiffeuse geschlafen!»
Doch der D. hatte kein schlechtes Gewissen, nicht mal den Anflug von Reue. Schliesslich hatte seine Untreue einen Grund: «Sie hat schwarze Haare!», sagte er: «Und du bist blond!»

Die Farbenlehre

Denn da war in seinem jungen Burschen-Hirn diese Theorie, dass man sich durch alle Haarfarben schlafen soll. Und meine Eltern, die dachten, jetzt kommt der erste Liebeskummer und das totale Drama, konstatierten mit Erstaunen, dass sich diese Theorie voller Euphorie auch in meinem Hirn festsetzte. Ich war nicht traurig. Ganz im Gegenteil, das waren neue, ja ungeahnte Möglichkeiten! Ziemlich sicher wäre ihnen Liebeskummer weitaus lieber gewesen, als eine Teenager-Tochter, die sich fröhlich durch alle Haarfarben schlafen will.
Mein armer Vater! Sein Leben lang hat er an allem, was ich tat, stets grosses Interesse gezeigt. Ausser als ich ihm voller Tatendrang erzählte: «Aber ich könnte auch mit einem Blonden schlafen! Oder mit einem mit schwarzen Haaren! Oder mit allen!»
Da lacht der Kurt: «Zum Glück hab ich nur Söhne!»
Während ich wie ein verschreckter Uhu gucke. Weil ich mich plötzlich frage: In welcher Form rächt sich das wohl?

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