Abgespeckt sind «Bund» und «Berner Zeitung» geniessbarer

Abgespeckt sind «Bund» und «Berner Zeitung» geniessbarer

Tamedia vereint die Redaktionen der beiden Berner Tageszeitungen zu einer einzigen. Erwartungsgemäss empören sich Gewerkschafter und Linkspolitker. Eine ehemalige Redaktorin urteilt anders. Die Doppelspur habe zu vielen Überschneidungen geführt und Belangloses gefördert.

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von Anna Huber* am 2.5.2021, 14:00 Uhr
Bild: Peter Schneider Keystone
Bild: Peter Schneider Keystone
Weil die Autorin befürchtet, als Nestbeschmutzerin bestraft zu werden, will sie anonym bleiben.
Dass die Politberichterstattung oder gar die Demokratie leide, raunen zurzeit die Streiter fürs Berner Zweiblattmodell. Wirklich? Kuschen die St. Galler vor den Behörden? Sind die Baslerinnen übers Ratsgeschehen schlecht informiert? Wissen die Schaffhauser nicht, was in ihrer Stadt passiert? In diesen und anderen Städten ist längst nur noch eine einzige Tageszeitung mit integrierter Online-Plattform vor Ort. Ohne erkennbare Defizite fürs Gemeinwohl.

Zwei Etiketten fürs Gleiche

Der Medienkonzern Tamedia nennt sich jetzt unverständlich TX Group. Das Unternehmen vereint in den nächsten Monaten die zwei bisher einigermassen unabhängigen Redaktionen der Berner Tageszeitungen «Bund» und «Berner Zeitung» (BZ) zu einer einzigen. Die beiden Blätter bestehen als Zeitungstitel weiter. Der «Bund» soll sich auf die Stadt Bern ausrichten, die BZ die Agglo und das Land einbeziehen. Trotzdem bedeutet dies, dass hinter zwei verschiedenen Etiketten weitgehend das Gleiche verpackt ist.
Durch die Fusion verschwinden 20 Vollzeitpensen. Die meisten Redaktorinnen, Fotografen und Produzentinnen arbeiten teilzeit. Sofern sie nicht freiwillig künden, werden damit rund 30 Angestellte auf die Strasse gestellt. Auf eine Strasse, die kaum von freien Arbeitsplätzen für Medienschaffende gesäumt ist. Weil die gesamtschweizerischen Themen bereits seit Jahren gemeinsam produziert werden, trifft es vor allem Lokaljournalisten.
Ich habe einige Jahre als Redaktorin in den Lokalressorts der BZ gearbeitet, lange genug, um mich über manches zu ärgern. So haben wir zum Beispiel allzuoft über Belangloses berichtet. Chronistenpflicht hiess es, wenn wir umplatzierte Bushaltestellen vermeldeten. Ermüdend und langweilig für Leserinnen und Autoren waren die journalistischen Wegbegleitungen von Bauprojekten durch das baurechtliche Gestrüpp: Publikation, Einsprachen, Einspracheverhandlungen, Änderungen. Alles war säuberlich und oft grossflächig zu rapportieren.

Überdotierte Ressorts

Gefürchtet waren die Nachzüge. Wenn zwei Schulstandorte zusammengelegt werden sollten, durfte jede IG, jeder Elternverein und jede lokale Parteisektion über kindliche Entwicklungsdefizite, unzumutbare Schulwege und Diskriminierungen räsonieren.
Auch in den Lokalressorts gibt es Stress: Abstimmungs- und Wahlsonntage, Unvorhergesehenes. Aber wenn bloss Routine anstand, waren die Teams überdotiert. Und suchten nach Arbeit, die sie auch fanden. Weil die Autorinnen und Autoren zuviel produzierten, mussten sie oft lange warten, bis der Text in der im Umfang limitierten Printausgabe erschien. Die Ressorts zu verkleinern und die Spitzen mit anständig bezahlten freien Mitarbeitern aufzufangen, scheiterte. Die Teams konnten vermeintlich glaubhaft versichern, dass die Schreibkünste der miserabel entschädigten Freelancer gerade mal knapp für die unbeliebten Wochenend-Einsätze taugten.

Unterscheidbar durch die Satzstellungen

Die bisherige Praxis bei der Politberichterstattung: Im Berner Stadtparlament schreiben Journalist A und Journalistin B über die gleichen Traktanden. Unterscheidbar sind die beiden Texte bloss noch durch die verschiedenen Satzstellungen – zugegeben, das ist überspitzt, trifft aber den Kern.
Der Spardruck hat in den letzten Jahren einiges verändert. Die Kollegen werden darob aufschreien: Die Abstriche haben bereits manches verbessert. Viel Kleinstklein ist verschwunden. Wenn die beiden Redaktionen zu einer einzigen vereinigt werden, beschleunigt dies die Entwicklung in die richtige Richtung. Nochmals: Die Entlassungen sind für die Betroffenen schwer zu verkraften. Die Straffung liefert aber die Chance zu einem wirklich zeitgemässen qualitativ besseren Medienangebot.

Die Linke will Geld, die Mitte bedauert, die Rechte schweigt

Die Fusion der beiden Redaktionen hat zu den zu erwartenden Reaktionen geführt. Empörte Gewerkschafter werfen dem Konzern überhöhte Dividenden vor. Entsetzte Linkspolitikerinnen sehen die Demokratie in Gefahr. Der linksgrüne Berner Stadtpräsident Alec von Graffenried sah selbstverständlich ebenfalls dunkle Wolken, versuchte dann aber die Aussichten aufzuhellen. Bern werde weiterhin eine starke journalistische Infrastruktur haben – dies durch die zahlreichen Informationsbeauftragten in den vielen Ämtern der Bundesstadt. PR- und Kommunikationsleute als Träger der Meinungsvielfalt, da schwingt unfreiwillige Komik mit.
Die Linke bedauert und will Staatshilfe, die Mitte bedauert und will, dass sich die öffentliche Hand raushält, die Rechte schweigt. Bereits im Vorfeld der jüngsten Entscheide der TX Group forderten SP und Grüne im Stadtberner Parlament, dass sich die Gemeinde an kantonalen Förderungen beteilige.
Tatsächlich hat der Berner Regierungsrat anfangs April einen Gesetzesentwurf in die Vernehmlassung geschickt. Die Vorlage will unter anderem verhindern, dass die «Lokalberichterstattung an Breite und Tiefe einbüsse und dass die Bevölkerung das Interesse an lokalen politischen Themen verliert».
* Pseudonym (Name der Redaktion bekannt)
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