«Wir möchten ein neues, breiteres Freihandelsabkommen»

«Wir möchten ein neues, breiteres Freihandelsabkommen»

Die britische Botschafterin Jane Owen über die neue Steuerung der Zuwanderung, den Impferfolg ihres Landes und die Werte des Westens.

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von Dominik Feusi am 23.4.2021, 17:00 Uhr
Botschafterin Jane Owen möchte ein umfassendes Freihandelsabkommen aushandeln. (Bilder: Ruben Sprich)
Botschafterin Jane Owen möchte ein umfassendes Freihandelsabkommen aushandeln. (Bilder: Ruben Sprich)
Auch ohne Union Jack an der Fassade merkt der Besucher beim Betreten der Residenz der britischen Botschafterin in Bern den englischen Charakter, den dieses Haus prägt. Besonders im Garten, in den uns Botschafterin Jane Owen führt, um in der morgendlichen Kälte vor den ersten Frühlingsblüten die Bilder zu schiessen.
Da wachsen wohlproportionierte Rhododendren unter alten Bäumen, obwohl ihnen das Klima am heimischen Golfstrom auf der Insel vermutlich besser behagen würde. Tulpen strecken sich der Sonne entgegen. Man wähnt sich im Garten eines englischen Landhauses.

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Botschafterin Jane Owen.

Zurück im Salon setzen wir uns in eine stilvolle beige gestreifte Sitzgruppe. Auf dem Beistelltisch steht ein Portrait des Schwiegervaters der Botschafterin als Pilot der Royal Air Force vor einer Spitfire, dem legendären und entscheidenden Jagdflugzeug im Zweiten Weltkrieg. Es gibt Tee und natürlich Shortbread.
Frau Botschafterin, das Vereinigte Königreich und die Schweiz haben in letzter Zeit vor allem daran gearbeitet, dass es wegen des Brexit nicht zu Problemen kommt. Diese «Mind the gap»-Strategie, ist sie gelungen?
Ich denke ja. Wir haben sieben bilaterale Verträge abgeschlossen, insbesondere für den Freihandel und die Rechte der Bürger die im jeweils anderen Land leben. Auch ein Abkommen über den Transport haben wir abgeschlossen. Bei der polizeilichen Zusammenarbeit sind wir übereingekommen, in den nächsten Monaten eine enge Kooperation zu erarbeiten.
Viel Zeit hatten sie nicht.
Wir sind rasch weit gekommen, auch weil beide Länder offen und pragmatisch veranlagt sind und wir so schnell Lösungen gefunden haben.

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«Beide Länder sind offen und pragmatisch veranlagt.»

Wenn eine junge Schweizerin in Grossbritannien studieren möchte, ist es jetzt schwieriger als vor dem Brexit?

«Unsere Regeln haben wir darauf ausgerichtet, dass Talente der ganzen Welt bei uns studieren können.»


Unser neues Immigrationssystem behandelt alle gleich – und für die meisten ist die Anmeldung unkompliziert. Unsere Regeln haben wir darauf ausgerichtet, dass Talente der ganzen Welt bei uns studieren können. Wenn jemand einen Studienplatz hat, dann kann er mit dem Handy ein Studentenvisa bekommen.
Und wenn das Studium endet?
Dann kann diese Person während zwei Jahren im Land bleiben, vielleicht noch eine Zusatzausbildung anhängen oder sich eine Stelle suchen und einen Arbeitsaufenthalt bekommen. Da sind wir grosszügig.
Das ist vor allem clever. Sie wollen die bei ihnen ausgebildeten Talente in Grossbritannien behalten.
Natürlich. Der Erfolg der britischen Wirtschaft in den letzten fünfzig Jahren basiert vor allem auf zwei Dingen: Erstens unsere attraktiven Rahmenbedingungen für ausländische Investitionen, auch aus der Schweiz. Sie sind der achtgrösste Investor in Grossbritannien. Und zweitens auf der Offenheit gegenüber Talenten aus der ganzen Welt. Wir wissen, dass wir diese Leute brauchen.
Und wer einfach zum Arbeiten nach London kommen möchte?
Wir haben keinen freien Personenverkehr mehr. Das war ein wichtiges Ziel des Austrittes aus der EU. Man kann nicht mehr ohne Job kommen und dann erst etwas suchen. Aber wer eine Stelle hat, unsere Sprache spricht und mit dem angebotenen Lohn für sich sorgen kann, der bekommt rasch und einfach eine Aufenthaltsgenehmigung.
Die drohenden «Gaps» sind also geschlossen. Aber genügt das?
Wir freuen uns über den Fortschritt, den wir bereits gemacht haben. Wir wollen aber noch mehr.
Was zum Beispiel?
Wir möchten ein neues, noch breiteres Freihandelsabkommen aushandeln. Besonders möchten wir die Zusammenarbeit bei den Dienstleistungen vereinfachen. Die Schweiz hat ja kein Dienstleistungsabkommen mit der EU. Jetzt, wo wir dort nicht mehr dabei sind, liessen sich hier vielleicht neue Möglichkeiten für diesen Sektor erschliessen, der den Finanzplätzen hier und dort zugute kommt.

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«Forschungsprogramme sollten offen sein.»

Wir könnten auch im Bereich der Forschung enger zusammen arbeiten. Die besten Universitäten Europas stehen in Grossbritannien und in der Schweiz.
Ja. Hierzu haben wir zahlreiche Ideen und stehen in Kontakt mit ihrem Staatssekretariat. Wir brauchen diese Zusammenarbeit mehr denn je, sei es direkt mit der Schweiz oder via das EU-Programm Horizon 2020. Ich weiss, dass sie diesbezüglich in wichtigen Verhandlungen stehen. Die britische Haltung ist klar: Wir hoffen, dass die Teilnahme an diesen Programmen offen für alle ist, die etwas dazu beitragen. Je offener, desto besser.
Wie hat es Grossbritannien geschafft, so viele Menschen so rasch zu impfen?

«Unserer Regierung und den sie beratenden Wissenschaftlern war rasch klar, dass Impfungen entscheidend sein werden, um die Pandemie zu bewältigen.»


Unserer Regierung und den sie beratenden Wissenschaftlern war rasch klar, dass Impfungen entscheidend sein werden, um die Pandemie zu bewältigen. Deshalb haben wir sehr früh feste Verträge mit Herstellern abgeschlossen. Mein Vater, 88jährig, ist vor gut zwei Wochen das zweite Mal geimpft worden. Aber wir arbeiten engagiert daran mit, dass überall rasch geimpft werden kann.
Andere Länder brauchen mehr Zeit. Es gibt Stimmen, die sagen, Demokratien seien auf solche Krisen schlecht vorbereitet und Autokratien, zum Beispiel Russland oder China, besser geeignet, eine Pandemie zu bekämpfen.
Natürlich, einige Kommentatoren argumentieren so, aber ob wir schon alles über den Verlauf der Pandemie in allen Ländern wissen, scheint mir eine offene Frage zu sein. Natürlich muss man hier die Menschen von einer Massnahme überzeugen, damit sie sich daran halten. Aber das ist kein Nachteil, denn dann werden sie auch akzeptiert. Ich lebe lieber in einer freien Gesellschaft, statt rund um die Uhr kontrolliert zu werden. Und eine freie Gesellschaft ist die Voraussetzung für freie Forschung und Wissenschaft, die zum Beispiel wirksame Impfstoffe entwickelt.
Trotzdem: der russische und chinesische Einfluss in Europa wächst. Kommt unser Modell der freien Gesellschaft unter Druck?

«Die demokratischen Länder müssen zusammenstehen und inakzeptables Verhalten gemeinsam verurteilen.»

Wir müssen uns der Gefahr bewusst sein und als demokratische Länder mehr denn je darüber reden, was unsere Werte sind und was diese für die Menschen bedeuten. Im Juni veranstalten wir den G7-Gipfel und wir möchten dabei auch ein Signal aussenden, wie Länder friedlich und aufgrund von internationalen Regeln zusammenarbeiten können und welche Rolle dabei freie Meinungsäusserung, freie Presse und Demokratie spielen. Die demokratischen Länder müssen zusammenstehen und inakzeptables Verhalten gemeinsam verurteilen.
Was erwarten sie dabei von der Schweiz?
Die Schweiz ist ein Vorbild für diese Werte und spielt deshalb eine wichtige Rolle. Ihre Stimme ist – auch wegen der Neutralität — weit herum anerkannt und respektiert. Gleichzeitig heisst das nicht, wie Bundesrat Ignazio Cassis selber betont, dass sie keine Grundwerte vertreten oder schweigen, wenn es nötig wäre, sich zu äussern.
Vielleicht wird das 21. Jahrhundert – wie das letzte Jahrhundert – geprägt durch eine Auseinandersetzung zwischen der freien Welt und dem Rest.
Möglicherweise. Wir müssen uns bewusst sein, dass es dabei nicht nur um eine sicherheitspolitische Auseinandersetzung geht, sondern besonders um einen ökonomischen und technologischen Wettlauf. Und wir müssen mehr den je zusammenarbeiten. Nur dann werden wir die Menschen von unseren Werten überzeugen können.

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«Es geht um einen ökonomischen und technologischen Wettlauf.»

Das Vereinigte Königreich steht nun wie die Schweiz ausserhalb der EU. Wir haben beide Verträge mit Brüssel. Ich habe trotzdem den Eindruck, die EU sollte sich neu überlegen, wie sie die Beziehungen mit hochentwickelten Drittstaaten gestalten will, die ihr nicht beitreten.
Ich denke, die EU sucht nach Lösungen, wie sie am besten mit Drittstaaten und Nachbarn zusammenarbeiten kann. Es wird interessant, wie sich die Beziehungen zur EU weiter entwickeln. Wir haben mit unserem Freihandelsabkommen erreicht, was wir wollten: die Kontrolle unserer Grenzen, die Souveränität und das Ende der Rolle des Europäischen Gerichtshofes für unser Land. Das ist eine solide Basis. Vielleicht hätten wir noch engeren Beziehungen in bestimmten Bereichen zugestimmt, wenn wir dazu keine Souveränität hätten aufgeben müssen. Aber für uns ist die Unabhängigkeit wichtig, unsere eigenen Entscheide zu treffen. Das ändert nichts daran, dass wir gute Nachbarn und Freunde der Mitgliedsstaaten der EU sind.
Und was heisst das für die Beziehungen zur Schweiz?
Die sind wichtiger und direkter denn je. Das ist eine grossartige Sache – auch für mich als Botschafterin, die sich dafür einsetzen darf, aber vor allem für unsere Bürger. Was wir Diplomaten tun, machen wir nicht für uns, sondern für sie.

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