«Wir gehen auf tutti!» Ein Lehrer kämpft mit allen Mitteln gegen die Maskenpflicht an Schulen

«Wir gehen auf tutti!» Ein Lehrer kämpft mit allen Mitteln gegen die Maskenpflicht an Schulen

Der Aargauer Lehrer Jérôme Schwyzer trifft mit seinem Kampf gegen die Maskenpflicht an den Schulen einen Nerv. Die Spendengelder fliegen ihm nur so zu. Die Behörden erklärten die Kinder zu einer Gefahr. Das müsse so rasch als möglich aufhören.

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von Philipp Gut am 14.9.2021, 12:30 Uhr
Jérôme Schwyzer, 37, ist Oberstufenlehrer in Lenzburg AG und Präsident des neugegründeten Lehrernetzwerks Schweiz..
Jérôme Schwyzer, 37, ist Oberstufenlehrer in Lenzburg AG und Präsident des neugegründeten Lehrernetzwerks Schweiz..
Herr Schwyzer, Sie kämpfen gegen die Maskenpflicht an den Schulen. Was stört Sie daran?
Mich stört primär diese Atmosphäre der Angst. Seit zwei Jahren wird unseren Kindern gesagt – mehr oder weniger explizit –, dass sie primär eine Gefahr für ihr Umfeld sind, vor der man sich hüten muss. Während die Kinder doch eigentlich hören sollten, dass sie eine Freude sind, ein Segen und ein Glück. Dass sie eine Bereicherung für uns alle sind. Was das mit unseren Kindern macht, können wir uns ausmalen. Deshalb muss das so schnell als möglich aufhören. Zudem ist die Wirkung der Maske alles andere als gesichert. Es erreichen uns Zahlen aus den USA. Dort haben viele, auch bevölkerungsreiche Staaten wie z. B. Florida, die noch nie eine Maskenpflicht gehabt haben, keine höheren bzw. keine wesentlich höheren Infektionszahlen als Staaten mit permanenter Maskenpflicht. Schliesslich möchte ich den Kinder- und Jugendpsychologen Philipp Ramming zitieren, der gesagt hat: «Kinder kommunizieren allgemein sehr nonverbal und bauen so auch ihre Beziehung zu den Lehrern auf. Aus der Forschung ist bekannt, dass Kinder auf das Fehlen von Mimik zuerst mit erhöhter Aktivität und, wenn der Zustand länger andauert, apathisch reagieren.»
Das Maskentragen an den Schulen bringt Ihrer Ansicht nach also nichts?
Ein allfällig geringer Nutzen der Masken wiegt all diese Nachteile bei weitem nicht auf. Insbesondere, wenn man bedenkt, dass Kinder von schweren Krankheitsverläufen praktisch nicht betroffen sind und die Überlebenschance bei Menschen bis 18 bei 99,9988 Prozent liegt. Deshalb sind diese Massnahmen nicht verhältnismässig und aus meiner Sicht verfassungswidrig. Dazu kommt, dass es doch wichtig wäre, dass das Immunsystem der Kinder von Grund auf gestärkt wird. Falls das Maskentragen die Übertragung von Keimen tatsächlich verhindert, was ja behauptet wird, würde es auch die Auseinandersetzung mit Grippeviren etc. verhindern. Diese Auseinandersetzung ist aber für die Entwicklung eines gesunden Immunsystems fundamental. Sonst haben wir in ein paar Jahren ein noch viel schlimmeres Schlamassel.
Auf den sozialen Medien und auf Flyern haben Sie einen Spendenaufruf gestartet. In wenigen Tagen sind erstaunlich hohe Beträge eingegangen. Offenbar treffen Sie mit Ihrem Anliegen einen Nerv.
Natürlich. Der Umstand, dass wir in so kurzer Zeit so viel Geld gesammelt haben, macht mich glücklich und froh und zeigt mir, dass viele Menschen die Not sehen. Es erreichten uns über 400 Mails mit rührenden Aussagen. So schreibt eine Spenderin: «Wenn ich von Menschen wie Ihnen lese, gibt mir dies selbst viel Mut und Kraft, weiter für uns Menschen einzustehen - mitunter auch für unsere Gesundheit.» Eine andere Person schreibt uns, es fehlten ihr die Worte, um ausdrücken, wie viel es ihr bedeute, dass sich engagierte Lehrer nun «wirklich für das Wohl unserer Kinder einsetzen». Anderseits macht es mich aber auch traurig und bereitet mir ernsthafte Sorgen. Denn viele Menschen – wir haben über 300 Einzelspenden in einer Woche erhalten – sind derart verzweifelt, dass sie bereit sind, einem unbekannten Lehrer Geld zu spenden. Und nicht nur 20 oder 50 Franken, das auch, sondern oft 200, 500 oder gar 1500 oder 2000 Franken. Diese Resonanz ist beeindruckend.
Sie wollen auch mit juristischen Mitteln gegen die Maskenpflicht an den Aargauer Schulen vorgehen. Wie sehen dabei Ihre Argumente und Ihre Strategie aus?
Ich möchte mich an dieser Stelle noch nicht zu unserer Strategie äussern. Nur soviel: Wir haben in diesen Tagen ein Gespräch mit unserem Rechtsanwalt, der ein ausgewiesener Fachmann auf diesem Gebiet ist, und wir werden dann wieder kommunizieren. Den «Nebelspalter» werde ich ganz sicher zeitnah informieren.
Würden Sie einen negativen Entscheid der ersten Instanz weiterziehen?
Auch das kann ich zu diesem Zeitpunkt nicht abschliessend beantworten. Es hängt auch damit zusammen, wie es finanziell aussieht. Aber grundsätzlich sind wir bereit, auf tutti zu gehen, und ich schliesse auch den Weiterzug unserer Klage bis nach Strassburg nicht aus. Denn es geht um unsere Kinder. Und es geht um Menschenrechte!
Sie halten die Maskenpflicht für verfassungswidrig. Worauf stützen Sie sich bei dieser Einschätzung?
Es ist in erster Linie keine verhältnismässige Anordnung! 19 Monate nach Ausbruch dieser Pandemie kann man die Massnahmen nicht mehr begründen mit irgendwelchen Hochrechnungen, Hypothesen und Worst-Case-Szenarien. Jetzt muss der Staat endlich harte Fakten auf den Tisch legen, die jeder sehen und nachprüfen kann. Aber diese Fakten gibt es nicht. Das ist für den grössten Eingriff in das Wohl der Kinder seit Bestehen der Schweizer Volksschule einfach nicht genug! Und dagegen müssen wir uns wehren. Für die Kinder. Denn die Kinder können das nicht selber tun.
Wie gehen Sie als Lehrer mit der Vorschrift um, die Maskenpflicht in der Schule durchzusetzen?
Natürlich ist man als Lehrer auch angehalten, Vorschriften umzusetzen, die einem zuwider sind. Ich setze die Massnahme deshalb um, aber mit einem gewissen Pragmatismus.
Wie nehmen die Schülerinnen und Schüler die Einschränkungen durch die amtlichen Corona-Massahmen wahr?
Ich kann nicht für alle Schüler reden, aber viele verstehen das einfach nicht. Die allermeisten ziehen die Maske sofort ab, wenn sie dürfen. Die Schüler treffen sich in der Freizeit ohnehin, was soll denn da die Maske im Unterricht? Von vielen Eltern weiss ich übrigens, dass Schüler, die ein medizinisches Attest zur Befreiung der Maskenpflicht haben, gemobbt werden – und zwar von der Schule. Sie müssen dann z. B. alleine in einer Ecke sitzen und arbeiten. Selbst im Sportunterricht gab es Situationen, wo die Klasse maskiert Fussball spielte und ein einzelner Schüler abseits der anderen etwas für sich machen musste. Jeder Mensch mit etwas humanem Gefühl muss da doch aufschreien. Das geht doch einfach nicht.
Der weltbekannte Stanford-Professor John Ioannidis sagt, die Folgen der Massnahmen gegen die Pandemie seien viel stärker als die Folgen des Virus selbst. Welche Auswirkung der Massahmen stellen Sie bei den Kindern und Jugendlichen fest?
Ich bin kein Mediziner, aber ich weiss von vielen Personen, die über Atemschwierigkeiten und vermehrte Kopfschmerzen klagen. Ferner ist eine Welt, in der man sich mit Masken begegnen muss, weil man sich in erster Linie nicht mehr als Mitmensch, sondern als Gefahr begegnet, unglaublich schädlich für unser Miteinander. Was das mit unserer jetzigen Kinder-Generation macht, können wir uns vorstellen. Doch gerade zu dieser nächsten Generation müssten wir Sorge tragen! Leider ist aber das Gegenteil der Fall: Jugendpsychiatrien sind jetzt schon voll wegen all dieser Massnahmen gegen die Kinder. Das Ganze muss einfach aufhören! Und Bundesrat Alain Berset hat das ja versprochen, als er gesagt hat, dass, wenn alle Impfwilligen geimpft seien, keine Massnahmen mehr vertretbar seien. Allein: Herr Berset hat uns nicht die Wahrheit gesagt – und das nicht zum ersten Mal. Das Vertrauen in unsere Behörden ist bei weiten Teilen der Gesellschaft erodiert. Das beunruhigt mich sehr.
Wie nehmen Ihre Lehrerkollegen Ihr kritisches Engagement wahr?
Ich habe ein sehr gutes Kollegium und unseren Schulleiter erlebe ich als ausgezeichnet. Sicher sehen viele Kollegen mein Engagement auch kritisch, aber mit Luther möchte ich sagen: «Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Amen»
Sie arbeiten am Aufbau eines Lehrernetzwerks, das sich für Freiheit und Verhältnismässigkeit einsetzt. Wie gross ist da Ihr Rückhalt? Und welche Ziele wollen Sie damit erreichen?
Das werden wir sehen, wir sind noch in der Startphase. Die Rückmeldungen haben mir aber gezeigt, dass es viele Lehrer gibt, welche die Situation ähnlich sehen wie wir. Diesen Stimmen möchten wir Gehör verschaffen. Und eine Demokratie lebt ja zum Glück von der Vielfalt an Meinungen. Aber gerade diese Meinungsvielfalt sehe ich in grosser Gefahr. Viele getrauen sich nicht mehr den Mund aufzumachen. Bundesrat Ueli Maurer hat schon darauf hingewiesen, dass ihm viele Leute in persönlichen Gesprächen sagten: «Mer dörfs ja nüme luut säge.» Schrecklich. Da wollen wir Gegensteuer geben.
Als Lehrer stehen Sie mitten im Spannungsfeld von Schülern, Eltern und Behörden. Welche unterschiedlichen Kräfte wirken auf Sie ein, und wie nehmen Sie die vielbeklagte Spaltung der Gesellschaft durch die Corona-Massnahmen wahr?
Die Spaltung ist spürbar. Im Schulalltag bei mir persönlich noch weniger, es haben sich nur vereinzelt Eltern bei mir gemeldet; und diejenigen, die sich gemeldet haben, haben gegen die Massnahmen protestiert. Aber natürlich: Die Spaltung der Gesellschaft ist real. Und eines stelle ich fest: Es gibt eine vorgegebene Meinung, und wehe dem, der ausschert! Das ist in einer liberalen Demokratie nicht hinnehmbar. Deshalb müssen sich jetzt die pragmatischen, die vernünftigen Kräfte in diesem Land intelligent organisieren und vernetzen.
Sie begründen Ihren Widerstand mit liberalen Grundwerten. Geben Sie uns zum Schluss einen Crash-Kurs!
Ich glaube nicht, dass ich den Lesern des «Nebelspalters» einen solchen Kurs geben muss. Aber doch soviel: Für mich bedeutet Liberalismus, dass der Staat sich so wenig wie möglich in die privaten Angelegenheiten der Bürger einmischen soll. Ein Freund aus den USA hat mir mal gesagt: «The government is not you mommy and daddy.» Exakt auch meine Worte. Wir haben es mittlerweile aber mit einem Staat zu tun, der Menschen gegen ihren eigenen Willen schützt. Das ist doch absurd. Das Credo ist auch und gerade in dieser Situation: Weniger Staat, mehr Eigenverantwortung – und so wieder mehr Freiheit für alle.

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