«Wer den Infektionsschutz verabsolutiert, schadet der Volksgesundheit»

«Wer den Infektionsschutz verabsolutiert, schadet der Volksgesundheit»

Philosophen rechtfertigen die Corona-Massnahmen damit, dass man den Mitmenschen nicht schädigen soll. Juristen messen dem Gesundheitsschutz ein hohes rechtliches Gewicht zu. Und die Ökonomen argumentieren mit negativen externen Effekten. Wissenschaftsphilosoph Michael Esfeld erhebt Einspruch.

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von Peter Kuster am 20.9.2021, 04:00 Uhr
Michael Esfeld: ein Wissenschaftsphilosoph, der sich aus Sorge um die Wissenschaftlichkeit der Wissenschaften in einen scharfen Kritiker der Coronapolitik verwandelt hat.
Michael Esfeld: ein Wissenschaftsphilosoph, der sich aus Sorge um die Wissenschaftlichkeit der Wissenschaften in einen scharfen Kritiker der Coronapolitik verwandelt hat.
Selten wurde ein Wissenschaftler vom akademischen Elfenbeinturm schneller in die Sphäre der Politik hinauskatapultiert als Michael Esfeld. Der Professor für Wissenschaftsphilosophie an der Universität Lausanne befasste sich bis vor kurzem ausschliesslich mit Themen wie der Philosophie der Quantenphysik, der Metaphysik der Wissenschaften und Grenzen des wissenschaftlichen Wissens sowie mit Naturphilosophie und Ontologie (Lebenslauf). Erstmals einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde Michael Esfeld, als er der Leopoldina, der deutschen Akademie der Naturwissenschaften, der er selbst angehört, scharf widersprach.
Die Leopoldina hatte Anfang Dezember 2020 in einer Ad-hoc-Stellungnahme einen schärferen Lockdown in Deutschland gefordert, als einzigen Weg, um die Pandemie zu kontrollieren. Michael Esfeld protestierte dagegen, wobei es ihm nicht primär um die Coronapolitik ging, sondern um eine saubere Trennung der Rollen von Wissenschaft und Politik. «In einer solchen Situation wissenschaftlicher und ethischer Kontroverse sollte die Leopoldina ihre Autorität nicht dazu verwenden, einseitige Stellungnahmen zu verfassen, die vorgeben, eine bestimmte politische Position wissenschaftlich zu untermauern. Ich möchte Sie daher höflichst bitten, die entsprechende Stellungnahme umgehend als Stellungnahme der Leopoldina zurückzuziehen», hielt er in seinem Brief an die Akademie fest. Seither steht er in Deutschland unter Dauerbeschuss und hat sich in einen pointierten Kritiker der Massnahmen verwandelt. Unverändert geisselt er die Instrumentalisierung einer willfährigen Wissenschaft für die Realisierung politischer Absichten.
  • Protestschreiben_Leopoldina_0820.pdf
Auch in der Schweiz wurde Michael Esfeld in den vergangenen Monaten zu einer Person des öffentlichen Interesses. So trat er an einer Veranstaltung des Liberalen Instituts in Zürich auf, stellte sich im «Echo der Zeit» ungewohnt bohrenden Fragen einer Moderatorin und publizierte einen Artikel in der «Weltwoche», worin er ein Scherbengericht über die aktuell weltweit dominierende interventionistische Coronapolitik hielt. Der «Nebelspalter» nutzte die Gelegenheit, dem Wissenschaftsphilosophen am Rande der Jahrestagung der Hayek-Gesellschaft Mitte September in Würzburg auf den Zahn zu fühlen.
Herr Esfeld, Massnahmenbefürworter und -gegner dürften wohl zumindest in einem Punkt übereinstimmen: Der Umfang und die Tiefe der staatlichen Eingriffe zur Eindämmung des Coronavirus waren ohne Vorbild in der Menschheitsgeschichte, weil sich die Politik von Beginn weg eng von der Wissenschaft beraten liess. In der Lesart der Befürworter ist dies indes ein zivilisatorischer Fortschritt, weil dadurch das Virus besser eingedämmt und rascher Impfstoffe entwickelt werden konnten. So konnten Menschenleben gerettet werden. Weshalb teilen Sie diese Einschätzung nicht?
Erstens ist es falsch, in dieser Pandemie von «der» Wissenschaft zu sprechen. Die Vertreter der Wissenschaft, die bereits bei früheren Epidemien wie der Schweinegrippe oder Sars das Verhalten der Menschen steuern wollten, nutzten aber diesmal die Gunst der Stunde; sie waren vorbereitet und nahe genug bei der Politik. Die Schule der Wissenschaft, die sich bislang durchgesetzt hatte und wie früher primär auf die medizinische Karte setzte, wurde hingegen auf dem falschen Fuss erwischt. Deshalb entstand in der Öffentlichkeit der Eindruck, dass diejenigen, die Interventionen befürworten, für «die» Wissenschaft insgesamt sprechen.
Ist es aber nicht eine wichtige Funktion der Wissenschaft, der Politik Handlungsempfehlungen abzugeben und damit nützlich zu sein? Schliesslich wird die wissenschaftliche Forschung zu einem grossen Teil aus öffentlichen Mitteln finanziert.
Aufgabe der Wissenschaft ist es, Fakten zu erforschen und der Öffentlichkeit zu kommunizieren. Wir brauchen diese Informationen, um unser Handeln an neue Umstände anzupassen. Jeder Wissenschaftler darf und soll sich auch selbstverständlich in die öffentliche Debatte einbringen. Die Grenze ist dort überschritten, wo ein Wissenschaftler im Namen der Wissenschaft normative Vorgaben macht. Wenn der Arzt also seinem Patienten dazu rät, mit dem Rauchen aufzuhören, ist das in Ordnung. Der Arzt darf aber ihm nicht das Rauchen verbieten, weil der Patient darüber zu entscheiden hat, wie wichtig ihm seine Gesundheit ist.
«Ein Generalverdacht, der nicht empirisch abgestützt ist, reicht nicht, um massive Einschränkungen zu begründen.»
Sie stossen sich grundsätzlich daran, dass im Zuge der Pandemie Einschränkungen der Freiheit generell und für bestimmte Gruppen, wie z.B. Ungeimpfte, salonfähig geworden sind. Sind die Eingriffe nicht dadurch gerechtfertigt, dass sie auf einer klugen philosophischen Maxime fussen, nämlich seinem Mitmenschen durch sein Handeln keinen Schaden zuzufügen?
Natürlich ist es richtig, dem Nächsten durch sein Tun nicht zu schaden. Wenn ein solcher Fall auftritt, ist indes zunächst eine Lösung unter den Beteiligten anzustreben. Erst wenn dies nicht möglich ist, kann ein staatlicher Eingriff gerechtfertigt sein, weil individuelle Freiheit nicht auf Kosten der Freiheit anderer gelebt werden soll. Heute geht es aber nicht um eine konkrete Situation, sondern um einen Generalverdacht. Menschen werden nicht mehr als eigenständige Individuen, sondern als potenzielle Virenschleudern und Gefährder betrachtet und behandelt, was für die sozialen Beziehungen verheerend ist. Symbol dafür ist die Maske. Dabei sprechen die wissenschaftlichen Erkenntnisse dafür, dass Menschen ohne Symptome im Normalfall nicht ansteckend sind. In besonderen Situationen, z.B. in Spitälern, kann eine Maskenpflicht sinnvoll sein. Das ist aber im Einzelfall zu belegen. Ein Generalverdacht, der nicht empirisch abgestützt ist, könnte für alle möglichen Zwecke missbraucht werden und reicht nicht, um Einschränkungen zu begründen.
Bleiben wir bei der Abwägung von individuellen Freiheits- bzw. Grundrechten. Haben Sie kein Verständnis für die Einschätzung, dass der Gesundheitsschutz, also beispielsweise der Anspruch auf ein freies Bett im Ernstfall, ein höheres Gut ist als das Recht eines Ungeimpften auf einen Restaurantbesuch? Sind Massnahmen wie die Erhöhung des Impfdrucks und die Zertifikatspflicht nicht auch philosophisch vertretbare Schritte, weil damit die Mehrheit der Menschen, die sich vernünftig verhält, ihre Freiheit zurückgewinnt und ein neuerlicher Lockdown vermieden werden kann?
Nein. Auch hier gilt, dass im konkreten Fall eine Abwägung vorzunehmen ist. Der Staat hat die Aufgabe, die individuellen Grundrechte zu schützen, darf aber keine Gesamtsteuerung betreiben. Wer – wie dies in dieser Pandemie leider immer wieder geschieht – den Aspekt des Infektionsschutzes verabsolutiert und die Grundrechte einer grossen Anzahl von Menschen einschränkt, schädigt auch deren Gesundheit. Denn wer seine sozialen Kontakte weniger pflegen kann, wird erwiesenermassen mehr krank. Und wenn Sie die Philosophie ansprechen: Philosophisch besteht das Problem darin, dass das Leben um des Lebens willen und damit auch die körperliche Gesundheit nicht das höchste Gut ist. Vielmehr möchte doch jeder in seinem Leben bestimmte Ziele erreichen, die seinem Dasein einen Sinn geben. Und diese Ziele sind sehr individuell, und jeder geht dabei gewisse Risiken ein. Es ist aber nicht zulässig, den Gesundheitsschutz wie erwähnt absolut zu setzen. Und die Lockdowns und die Zertifikatspflicht waren respektive sind empirisch falsch: Sie nutzen nicht dem Gesundheitsschutz, sondern fügen ihm im Gegenteil schweren Schaden zu.
Aber die Mehrheit der Bevölkerung scheint mit dieser Prioritätensetzung einverstanden zu sein.
Das wäre zunächst einmal eine Vermutung, die es zu belegen gälte. Doch wir sind alles vernünftige Menschen, die Regeln und Massnahmen einhalten und akzeptieren, auch wenn wir sie nicht für sinnvoll halten, weil sonst das Zusammenleben schwierig wäre. In der Schweiz hat die Abstimmung zum Covid-Gesetz offengelegt, dass immerhin mindestens 40% der Bürger mit dem Kurs nicht einverstanden sind. Interessant sind auch Umfragen aus verschiedenen Länder, die zeigen, dass die Bevölkerung die Wahrscheinlichkeit einer schweren Erkrankung im Falle einer Infektion um ein Vielfaches überschätzt. Offensichtlich stimmt etwas nicht, wenn die Menschen ihr Verhalten an falsch oder zumindest einseitig kommunizierten Zahlen ausrichten und die wissenschaftlichen Fakten die Bevölkerung nicht mehr erreichen.
Unterstellen Sie den Medien bewusste Falschinformationen?
Das tue ich nicht. Der Befund dürfte mehr mit der starken Fokussierung der Medien auf das Thema zu tun haben – würde über jeden Badeunfall breit berichtet, gingen wahrscheinlich auch deutlich weniger Leute schwimmen. Das Phänomen ist aber auch für unsere Demokratie insgesamt bedenklich...
...weshalb?
Weil in einer Demokratie zwar jeder aufgrund seiner Präferenzen entscheidet, für eine informierte Entscheidungsfindung aber eine gemeinsame, geprüfte Wissensbasis zentral ist.
«Sollte das Gesundheitssystem überlastet sein, hat das wenig mit dem individuellen Verhalten zu tun. Zudem stellt die Pandemie für den grössten Teil der Bevölkerung keine Gefahr dar. Deshalb gibt es ökonomisch auch gar keine massiven negativen Effekte.»
Wir wissen auch aus der Ökonomie, dass das individuell vernünftige Handeln nicht immer zu einem optimalen Gesamtergebnis führt, weil es negative externe Effekte gibt. Was spricht dagegen, dass der Staat dann für entsprechende Anreize sorgt, und damit das individuelle Verhalten in die richtige Richtung lenkt? Also zum Beispiel zum Impfen ermuntert?
Grundsätzlich habe ich gar nichts gegen dieses Konzept. Doch es ist auf den Fall der Pandemie nicht anwendbar, weil es nicht wie behauptet massive externe Effekte gibt. Die Bevölkerung ist nicht unvernünftig. Sie passt ihr Verhalten aufgrund der vorliegenden Informationen an. Auch ich habe mich zu Beginn der Pandemie vorsichtig verhalten. Aber es hat sich bald gezeigt, dass die Pandemie für den grössten Teil der Bevölkerung keine Gefahr darstellt, so dass gar keine negativen externe Effekte anfallen. Und die Risikogruppen können gezielt geschützt werden. Noch ein Wort zur ökonomischen Betrachtung, obschon ich kein Ökonom bin: Mit einem Bruchteil der Summe, die Lockdowns und alle anderen Massnahmen gekostet haben, hätten wir speziell die Zahl der Intensivbetten und das Gesundheits- und Pflegesystem insgesamt ausbauen können, mit einem sehr wahrscheinlich deutlich positiveren Effekt auf die Volksgesundheit.
Ist es denn wirklich kein negativer externer Effekt, wenn das Gesundheitssystem überlastet ist?
Zahlreiche internationale Studien zeigen, dass es keine Korrelation zwischen den Corona-Schutzmassnahmen und der Anzahl schwerer Krankheitsverläufe und Todesfälle in der Bevölkerung gibt. Die inzwischen verfügbaren Daten zeigen ebenfalls, dass die Impfquote nur einer von vielen Faktoren ist, die den Pandemieverlauf beeinflussen. Sollte das Gesundheitssystem überlastet sein, hat dies nicht in erster Linie mit dem individuellen Verhalten zu tun. Es handelt sich, wenn schon denn schon, um einen negativen Effekt der Existenz des Virus.
Was macht Sie so sicher, dass Sie sich auf die richtigen Studien abstützen? Und ist es nicht kontraintuitiv, dass selbst scharfe Lockdowns das Infektionsgeschehen nicht eindämmen sollen können?
Ich versuche, so gut es geht, mich auf die verfügbaren Statistiken abzustützen. Ich habe auch keine medizinischen Kenntnisse, kann aber Statistiken lesen und einschätzen. Dass die Strategie der Lockdowns gescheitert ist, erstaunt mich nicht. Es war in der Geschichte immer so, dass die Versuche einer zentralstaatlichen Steuerung der Gesellschaft gescheitert sind. Die Menschen sind nicht physikalische Objekte, die man gemäss Modellrechnungen steuern kann, sondern Subjekte, die in der Regel vernünftige und eigenverantwortliche Entscheidungen treffen.
«Menschen sind keine Objekte, die man gemäss Modellrechnungen steuern kann. Sie treffen in der Regel vernünftige Entscheide. Es ist auch nicht unvernünftig, sich nicht impfen zu lassen.»
Wenn die Bevölkerung nicht unvernünftig ist, weshalb lassen sich dann nicht alle impfen?
Weil es schlicht und einfach nicht unvernünftig ist, sich nicht impfen zu lassen. Es ist gut, dass es ein Impfangebot für jeden gibt. Wenn die Impfung sicher ist und wirkt, ist das eine grosse medizinische und damit wissenschaftliche Leistung. Aber es gibt weder wissenschaftliche, noch rechtliche noch ethische Argumente, die zeigen, dass die Impfung vernünftig und der Verzicht auf die Impfung unvernünftig ist. Hier muss jeder selbst eine Entscheidung treffen. Die Impfstoffe haben nur eine bedingte Zulassung, weil man über mögliche Langzeitschäden überhaupt noch nichts sagen kann. Es ist unklar, für wie lange sie Schutz gewähren und ob wir dann in einen Automatismus regelmässiger Booster-Impfungen hineingeraten. Kurz, es gibt sehr gute Gründe, sich dem Kollektivismus und Totalitarismus entgegenzustellen, wo Technokraten eine Impfquote in der Bevölkerung durchzudrücken versuchen, gegen alles Recht und Gesetz.
Es ist schon fast eine kleine Ironie der Geschichte, dass Sie zu einer politischen Person geworden sind, weil Sie sich gewissermassen um die Wissenschaftlichkeit der Wissenschaft sorgen und für eine klare Abgrenzung gegenüber der Politik plädieren. Weshalb stören sich nicht mehr Wissenschaftler auch aus anderen Disziplinen an der Vermischung von Wissenschaft und Politik?
Es stören sich viele daran, aber nur wenige äussern sich öffentlich.

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