«Kennen Sie das Wort mit A»?

«Kennen Sie das Wort mit A»?

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von Dominique Feusi am 29.4.2021, 17:57 Uhr
Nach mir der Abfall
Nach mir der Abfall
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Wer nimmt, dem wird gegeben. Oder wie ich mich ein bisschen aufrege und Ihnen einen multifunktionalen Satz gegen die grassierende Nehmermentalität gebe.

«Auf den freeways in Los Angeles werden die Leute auch immer rücksichtsloser.» Das ist der erste Satz des legendären Debütromans «Unter Null» von Bret Easton Ellis aus dem Jahre 1985. Ich las das Buch zum ersten Mal 1992. Ich war 18 und dachte: Wie wahr, auch ohne Ortsangabe: «Die Leute werden auch immer rücksichtsloser.»
Hach, wie harmlos das damals noch war. Rund 30 Jahre später ist der Satz aktueller denn je, oder haben Sie in letzter Zeit mal die Rücksicht gesehen? Ist sie mit dem Respekt durchgebrannt? Wo verstecken die sich nur?
Nach mir der Abfall
Es sind simple Dinge. Den Abfall wieder mitnehmen, wenn man draussen isst. Schliesslich hat man sich dahin gesetzt, weil’s schön war. Vorher. Bevor man alles zugemüllt hat. Ja, so ist das im Leben, die, welche nach einem kommen, haben auch ein Recht darauf, es schön zu haben. Es ist eben Immanuel Kants berühmtes Zitat: «Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt».
Ironie des Schicksals, als ich das schreibe, verdunkelt sich das Licht, ein Auto fährt vors Fenster, ganz dicht. Die Fahrerin schaut mir ins Gesicht, tut, als ob sie mich nicht sieht, parkiert. Es ist Privatgrund. Es gibt ein offizielles Schild mit einem Richterspruch und einem Verbot, das niemanden interessiert, schliesslich ist so eine freie Fläche ja für alle da. Jetzt tut mal nicht so!

Er ist mir nicht bekannt, doch er hat offenbar die Hoheit über Haus und Land.


Fordern statt fragen
Als ich das Fenster öffne, pfeift die Frau mich bereits an: «Oliver hat gesagt, dass ich hier parkieren kann!» Das ist interessant, denn Oliver ist mir nicht bekannt, doch er hat offenbar die Hoheit über Haus und Land. Wie sich herausstellt, ist Oliver dann der junge Nachbar, der nicht grüsst. Er hat noch nie mit mir geredet, kann nun aber plötzlich sprechen und findet es total daneben, dass seine Mutter mit ihrem Auto nicht unsere Fenster verdunkeln darf.
Mein Vater selig sagte mir stets: «Geh hin und frag nett! Das Schlimmste, das dir passieren kann, ist, dass jemand nein sagt.» Natürlich fand ich das als Kind total daneben. Ich wollte, dass er das für mich regelt. Bis ich feststellte, dass man viel bekommt, wenn man anständig fragt. Und wenn man freundlich ist, ganz ohne was zu wollen, noch viel mehr zurückkommt.
Es gibt oft Handwerker, die irgendwo bei uns in der Strasse was zu tun haben, die klingeln und fragen, ob es eine Möglichkeit zum Parkieren gäbe. Na klar. Nicht gerade vor dem Fenster, aber es ist wie bei so vielem. Man muss nur miteinander reden. Und Verständnis für die Situation des anderen haben.

Nichts geben, aber ganz selbstverständlich alles für sich beanspruchen, scheint das neue Normal.


Alles meins!
Doch den Mund nicht aufbekommen, aber fast durchdrehen, wenn jemand nein sagt, einer Gemeinschaft nichts geben, aber ganz selbstverständlich alles für sich beanspruchen, scheint das neue Normal.
Ganz ehrlich, sie kotzt mich an, diese ausgeprägte Nehmermentalität, die Erwartungshaltung, dass einem schlicht alles zusteht, auch was anderen gehört, andere beeinträchtigt, behindert oder massiv stört. Wo ist denn da all die Wokeness, Korrektheit und Empörungskultur? Oder gilt Rücksicht und Respekt nur, wenn man damit das eigene Image pflegt, wenn man andere auf vermeintliche Fehler hinweisen kann?
Das Wort mit A
Meiner Mutter war Sprache und Ausdruck sehr wichtig, ich glaube, sie hat sich gerade im Grab umgedreht, als ich «kotzt mich an» schrieb. Mein Leben lang habe ich sie nicht ein einziges Mal fluchen gehört. Deshalb werde ich nie vergessen, wie sie einst den Blinker für eine blaue Zone setzte, wie ein Mann im aufgemotzten BMW mit röhrendem Motor überholte und uns die Lücke klaute, wie meine Mutter wutentbrannt aus dem Auto stieg und sich, zerbrechlich wie sie war, vor dem Typen, der gefährlich verdächtig nach Ultimate Fighting aussah, aufbaute und fragte: «Kennen Sie das Wort mit A?»

«Spinnst du! Was um Himmels Willen tust du da?»


Mir schossen gleichzeitig zig Informationen ins Gehirn: Ich dachte an den Parkplatzmörder. Ich wollte sie schütteln und schreien: «Spinnst du! Was um Himmels Willen tust du da?» Ich wollte mich zwischen sie und den Baumstamm von Mann werfen. Aber vor allem dachte ich: Krass! Ich werde meine Mutter fluchen hören! Ich musste dreissig Jahre warten! Aber jetzt passiert’s!
Da plusterte sich meine Mutter wie ein mutiges Vögelchen auf und sagte: «Das Wort mit A? ANSTAND!»
Der Baumstamm von Mann und ich bekamen den Mund nicht mehr zu. Und dann passierte es, er entschuldigte sich und fuhr weg. Ich bin 16 Jahre später noch perplex.
Wenn Sie also der ausgeprägten Nehmermentalität das nächste Mal gepflegt etwas entgegensetzten wollen, empfehle ich, meine Mutter zu zitieren, es würde sie freuen, und es passt in so vielen Situationen:
«Kennen Sie das Wort mit A? Anstand.»


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