«Der Samichlaus schaut wie Herr Meier vom Volg aus!»

«Der Samichlaus schaut wie Herr Meier vom Volg aus!»

«Samichlaus, du grosse Ma, dörf ich ächt biz Panik ha?» Der Chlaus, der Kinder holt, ist zum Glück nicht mehr adäquat. Wir arbeiten ein paar Albträume unserer Kindheit auf. Sind all parat?

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von Dominique Feusi am 6.12.2021, 10:03 Uhr
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«Und was, wenn es ihn doch gibt?» Die Luft war erfüllt vom Duft von Spanisch Nüssli, Grittibänze und Mandarinli, die beim Schälen in die Augen spritzten, Lebkuchen, von dem man den Chlaus-Sticker nie ganz wegbekam und Teile davon im Eifer des Gefechts halt ebenfalls ass, vermischt mit dem Geruch nach zerbröselten Guetzli im groben Jutesack. Diesem olfaktorischen Erlebnis ging jedes Jahr die dringliche Frage voran: Existiert er wirklich, der allwissende und strafende Mann mit dem weissen Rauschebart? Und was, wenn es ihn doch gibt? Nimmt er mich mit?

Albtraum, anyone?

Hatten Sie als Kind Angst vor dem Samichlaus? Ich schon – wie die meisten meiner Generation. Also bitte schön, haben uns die Eltern nicht genau davor gewarnt? Ein alter Mann, der allein im Wald wohnt? Nur mit einem Knecht, der Kinder verdrescht? «Der Samichlaus sieht alles», hiess es: «Chunsch go luege, was ich mache, wie ich spiele, singe und lache.» Also ein bärtiger Mann, der Kinder stalkt, und ein Mal pro Jahr mit seinem Knecht aus dem Wald kommt und einige schlägt und andere entführt? Albtraum, anyone?
Dagegen klang der Fremde, dem man niemals ins Auto steigen sollte, geradezu handzahm.
Ich erinnere mich, wie ich jedes Jahr eine grosse Klappe hatte und allen sagte: «Das ist nur ein verkleideter Mann!» Nun gut, die grosse Klappe habe ich bis heute und zum Leid meines Umfelds nicht nur zum Samichlaus, doch da redete ich noch mehr als sonst. Es war pure Panik. Denn während beim Christchindli nicht der geringste Zweifel bestand, dass es meine Grossmutter war, die ein Glöcklein läutete und dann behauptete: «Das Christchindli war da!», gestaltete sich beim Samichlaus der Fall stark unklar.

Das haarende Baby

Denn selbst wenn, was sollte uns das Christchindli schon tun? Ein harmloses Baby, das sein ganzes Engelshaar auf dem Christbaum meiner Grossmutter verlor, hallo? Die Angst vor dem haarenden Baby war begrenzt. Der Samichlaus, der hatte hingegen eine harte Reputation. Und beim Warten auf ihn schaukelten wir uns stets mit haarsträubenden Geschichten hoch:
«Er hat wirklich ein Kind mitgenommen?»
«Der Schmutzli hat dem Kind mit der Fitze den Hintern versohlt?»
«Du hast das mit eigenen Augen gesehen?»
Natürlich gab es auch die beruhigende Fraktion:
«Er hat die gleichen Schuhe wie mein Vater!»
«Ich habe im Sommer die Verkleidung im Schrank gesehen!»
«Es ist Herr Meier vom Volg!»
Mit mässigem Erfolg. Denn spätestens wenn das erste Kind die Laterne am Waldrand erspähte und dann im flackernden Schein des Kerzenlichts der Samichlaus mit Schmutzli und Eseli näherkam, wusste man: «Verdammt, ich bin angeschmiert!»
Und ich schwor mir jedes Jahr, dass mir das nächstes Jahr nicht mehr passiert. Und betete bis zum Samichlaus-Auftritt sehr intensiv zu ihm. So zur Sicherheit. Auch wenn er wirklich sehr verdächtig wie Herr Meier vom Volg aussah.

Gib mir Zucker!

Wurden Sie jemals vom Samichlaus bestraft? Oder waren gar Sie das Kind, das der Schmutzli packte und wirklich in den Sack steckte? Phu, Glück gehabt, meine grösste Bestrafung waren Äpfel. Im Chlaussack. Ich meine, Äpfel! Keine Ahnung, wie das heute ernährungstechnisch korrekt abläuft, ob alles vegan und hypoallergen sein muss, aber unser Ziel war der komplette Zuckerschock. Und alles, was nicht aus Schoggi oder sehr, sehr viel Zucker bestand, war eine herbe Enttäuschung.
Können Sie sich erinnern, wann und warum Sie den Glauben an den Samichlaus verloren haben? Ich weiss es nicht, und leider lebt keiner mehr, den ich fragen kann. Hatten meine Eltern genug vom aufgedrehten Komplett-Zuckerschock-Kind? Echt jetzt, ich redete mehr als ein Werber mit einer Lastwagenladung Kokain im System. Oder wurde Herr Meier vom Volg pensioniert?
Und nun pule ich die grusigen Wiiberi-Augen aus dem feinen Grittibänz raus und wünsche:
Allen einen schönen Samichlaus!

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